Die beiden handelnden Personen stellen zwei dieser Vögel im Streite um ein Stück Fleisch dar.
Szene aus einem Korroborie,
einer Art dramatischer Pantomime und Tanz. Der am Boden liegende Eingeborene soll einen schlafenden Mann darstellen, während der auf ihn Zuschreitende zwischen den Zehen ein in Rinde gehülltes Pulver eines Zaubersteines hält, das er auf den Schlafenden fallen läßt, um ihn so zu töten.
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GRÖSSERES BILD
Die Feuerzeremonie oder Ingwurra ([Abb. 210]), um auf sie noch einmal etwas ausführlicher zurückzukommen, ist das letzte Stadium der Einweihungsfeierlichkeiten bei den Arunta und führt die Bevölkerung von weit und breit auf Einladung zusammen. Eigentlich ist sie eine Aufeinanderfolge verschiedener Akte. Die Feierlichkeiten werden wochenlang mit den üblichen Korrobories eingeleitet, an denen sich auch die Frauen beteiligen. Ein Korroborie, eine Art dramatischer Unterhaltung, ein pantomimischer Tanz ([Abb. 202], [207], [209] und [farbige Kunstbeilage]), den ein Gesang begleitet, besteht gewöhnlich aus einem Zyklus von Vorführungen, von denen eine jede einen Abend ausfüllt, so daß das Ganze mehrere Abende hintereinander in Anspruch nimmt. Den Korrobories folgt als zweiter Akt die Ingwurrazeremonie. Jetzt trennen sich die Frauen von den Männern und bleiben auf dem Felde, während letztere mit Ausnahme einiger Tagesstunden, die sie der Jagd widmen, auf dem Festplatz leben und diese Zeit auf die Vorbereitung und Aufführung heiliger Zeremonien verwenden. Da wir weiter unten auf diese etwas ausführlicher zurückkommen, wollen wir hier nur erwähnen, daß sie die heiligen Mythen des Stammes versinnbildlichen und für die jungen Leute ein Mittel abgeben sollen, sie in den Glaubensauffassungen, die damit in Zusammenhang stehen, zu unterweisen. Diese Vorbereitungen erfordern eine geraume Zeit, obwohl jede Aufführung eigentlich nur wenige Minuten dauert. Wenn damit Monate vergangen sind, beginnen nun die wirklichen Zeremonien, die sich auf etwa zwei Wochen erstrecken. Täglich werden die jungen Leute, die aufgenommen werden sollen, auf die Jagd gesandt, deren Beute sie aber nicht für sich behalten dürfen, sondern an die älteren Männer abliefern müssen. Bevor sie des Abends zurückkehren, besorgen sich die Frauen Feuer, trockenes Gras und Reisig. Die Jünglinge versehen sich bei ihrer Ankunft aus dem Busch mit einer Anzahl beblätterter Zweige, stellen sich in einem dichten Viereck zusammen, laufen den sie erwartenden Frauen, die das Gras und das Holz angezündet haben und es auf die Eindringlinge zu werfen sich bemühen, entgegen, und suchen sich dagegen, so gut sie können, mit ihren Zweigen zu schützen. Nach einiger Zeit kehren sie auf den Festplatz zurück, bringen hier ihre Zweige unter und legen sich nieder; sie müssen so stundenlang ohne etwas zu sprechen verharren ([Abb. 206]). Nachdem sich dieser Vorgang mehrere Tage hindurch wiederholt hat und die heiligen Zeremonien inzwischen Tag und Nacht ihren Fortgang genommen haben, werden die Knaben auf zwei Tage in den Busch geschickt, um hier eine eingreifendere Feuerprobe durchzumachen. Die älteren Männer, denen die Novizen anvertraut sind, zünden aus Kloben und Ästen ein großes Feuer von etwa zwei bis drei Meter im Durchmesser an, bedecken die Glut, sobald das Feuer heruntergebrannt ist, mit Zweigen und fordern die Jünglinge auf, sich auf die Äste zu legen und hier vier bis fünf Minuten auszuhalten ([Abb. 210]). Trotzdem die auf die glühende Asche gelegten Sträucher die direkte Berührung mit ihr verhindern, so daß die jungen Leute sich nicht verbrennen können, erfordern die große Hitze und der Rauch doch einen großen Aufwand an Energie, um diese Probe durchzuführen. Sodann kehren die Jünglinge nach dem Lagerplatz zurück. Hier wird der Abend mit allerlei Neckereien zugebracht; die Frauen in dem Lager und die Männer auf dem Festplatze rufen einander Scherzworte zu und ziehen einander auf. Bei solcher Gelegenheit darf ein Mann auch seiner Schwiegermutter zurufen, mit der er sonst jeglichen Verkehr meiden muß. In fast ganz Australien nämlich bestehen zwischen beiden Parteien merkwürdige Sitten. Sieht ein Mann seine Schwiegermutter kommen, so muß er sich verstecken und sie vorüberlassen, damit sich beide auf keinen Fall zu Gesicht bekommen. Ist ein Verstecken unmöglich, so muß er nach rechts oder links mit abgewendetem Gesicht abbiegen, einen großen Bogen um sie machen und ihr auf jeden Fall ausweichen. Bei einzelnen Stämmen darf er sich mit ihr überhaupt in kein Gespräch einlassen. Vernachlässigt jemand diese Vorschriften, so kann er vom Häuptling in Strafe genommen werden.
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 214. Zauberzeremonie behufs Vermehrung von Würmern.
Am nächsten Tage haben die jungen Leute die letzte Feuerzeremonie zu bestehen. Auch hierbei werden von den Frauen große Feuer angelegt und die glühende Asche mit grünen Zweigen bedeckt. Dieses Mal aber müssen die Jünglinge der Reihe nach in das Feuer hineintreten und mitten im dichten Rauch niederknien, wobei sie eine der Frauen an den Schultern noch herabdrückt. Damit schließt endlich die Ingwurrazeremonie. Wenn die Jünglinge alle verschiedenen Feuerproben bestanden haben, werden sie fortan als vollgültige Mitglieder des Stammes angesehen. Nachdem in den nächsten Tagen noch einige gewöhnliche Korrobories, an denen auch die Frauen sich beteiligen, abgehalten worden sind, ziehen die fremden Gruppen in ihr eigenes Dorf zurück.