Die beiden aufgeputzten Männer stellen zwei Vorfahren des Stammes dar; der eine dieser Vorfahren steht in Verbindung mit der Sonne, der andere mit einem Baum, dessen Blüten zu einem bestimmten Tranke verwendet werden.

Die Zeremonien der Australier hängen eng mit ihrer Religion zusammen. Ihre religiösen Vorstellungen beruhen auf dem Glauben an überirdische, meist mythenhafte Wesen und auf Zauberei. Im allgemeinen werden gute und böse Geister unterschieden, darunter wiederum mächtigere und unbedeutendere. Leider ist es den Europäern bis jetzt nur in unvollkommenem Maße möglich gewesen, in das religiöse Leben und Denken der Australier einzudringen. Dazu kommt, daß unter ihnen selbst nur ganz verschwommene Begriffe von den Geistern und so weiter herrschen, so daß wir nur ein mangelhaftes Bild von ihrer Religion besitzen. Eine große Rolle spielt dabei das bekannte Totemwesen. Ein jeder Stamm zerfällt in eine Anzahl Gruppen (Clans oder Sippen), von denen jede in einem, zumeist genetischen Verhältnis zu irgend einem Gegenstand oder einer Erscheinung in der Natur zu stehen glaubt, zu seinem Totem. Dieses ist zumeist ein bestimmtes Tier oder eine Pflanze, die zu Nahrungszwecken dienen, aber auch eine Naturerscheinung. Dieses Totem, nach dem sich die Sippe auch benennt, wird von ihr verehrt. Die eine Gruppe steht, um ein paar Beispiele anzuführen, mit einem Känguruh, andere mit dem Opossum oder dem Emu oder einer Schlange, wieder andere mit einer Akazienart, einem Grassamen und ähnlichem, noch andere mit Regen, Wind, Feuer und so weiter in Zusammenhang ([Abb. 205], [208], [211] und [213]). Für gewöhnlich darf kein Mitglied einer Totemgruppe sein eigenes Totem verzehren, wenn es sich um ein Tier oder eine Pflanze handelt, oder es töten, wenn es das erstere betrifft, denn es ist ihm heilig, wohl aber ist ihm gestattet, das einer anderen Gruppe zu essen, beziehungsweise zu töten. Ferner besteht vielfach der Glaube, daß die Anhänger eines Totems bewirken können, daß dieses sich vermehrt oder zunimmt, also einem bestimmten Teile der Natur zu befehlen imstande sind. Ein Känguruhmann zum Beispiel kann das Känguruh zur starken Vermehrung zwingen, ein Regenmann Regen hervorrufen, ein Feuermann stets sein eigenes Feuer erzeugen, so daß er dazu keiner Vorrichtungen bedarf. Wohl gemerkt, diese Fähigkeit beschränkt sich immer nur auf das eigene Totem. Ein Mitglied des Känguruhtotems kann daher keinen Regen machen, und ein Mann des Regentotems nichts dazu tun, daß sich das Känguruh vermehre. In vielen Gegenden Australiens bestehen gewisse Zeremonien, die besonders zu dem Zwecke abgehalten werden, um das Totem zu vermehren. Jede Totemgruppe pflegt eine bestimmte Stelle zu besitzen, an der man diese Zeremonien vornimmt; meistens ist dies das Verbreitungszentrum des betreffenden Tieres oder der Hauptstandort der Pflanze. Ein paar Beispiele von solchen Zeremonien. Handelt es sich darum, die Vermehrung von Schlangen zu erwirken, so erscheint an dem betreffenden Totemplatz der mit rotem und gelbem Ocker angemalte und mit dem Waningakopfputz (das weitere über ihn siehe weiter unten) ausgerüstete Oberste der Schlangentotemgruppe, kniet vor den versammelten Mitgliedern nieder und streckt die Arme ganz lang aus, wobei er in jeder Hand einen angespitzten Knochen hält. Ein Mann, der zu seiner Rechten kniet, nimmt sich den Knochen aus der entsprechenden Hand, hebt an seinem Oberarm eine Hautfalte hoch und durchsticht sie mit diesem Knochen; dasselbe tut ein Mann, der zur Linken sich niedergelassen hat ([Abb. 216]). Der Oberste singt darauf, in der gleichen Stellung verharrend, ein Lied oder einen Zauberspruch, dessen Inhalt den Anwesenden heutzutage unverständlich erscheint, und die Zeremonie ist beendigt. Wenn daraufhin die Schlangen recht zahlreich geworden sind, bringen Männer, welche der betreffenden Gruppe nicht angehören, einige dieser Tiere dem Obersten mit den Worten: „Siehe, hier sind Schlangen“. Dieser nimmt etwas Schlangenfett, reibt sich damit die Arme ein und antwortet: „So esset alle“. Damit will er besagen, daß die Schlangen dank seiner Zeremonie so zahlreich geworden sind, daß jeder Stamm sie in genügender Menge zur Verfügung hat. — Um Würmer, eine Delikatesse für die Australier, zu vermehren, reibt ein Mann die Magengegend eines anderen mit einem heiligen Steine, der das Ei eines solchen Tieres darstellen soll ([Abb. 214]); oder singt die Insekten an, auf daß sie Eier legen ([Abb. 215]). Um Regenwetter herbeizuführen, wurde bei den Kurna an einem Wasserloch eine Grube ausgeworfen und über ihr eine Hütte errichtet. Nachdem sich in ihr alle Anwesenden, darunter auch Gäste, versammelt hatten, schnürte sich einer der älteren Männer ein Band fest um den linken Oberarm und öffnete mit einem spitzen Steine eine Blutader in der Gegend des Ellenbogengelenkes. Das ausströmende Blut ließ er über die am Boden dicht gedrängt Hockenden laufen, auf die mit Blut bespritzten Stellen streute er Vogeldaunen. Jetzt wurden einige vor Beginn der Zeremonie in die Wassergrube geworfene Steine herausgenommen und an einem entfernten Platz in das Astwerk eines der höchsten Bäume gelegt. Währenddessen zerrieben andere Männer Gipsspat zu feinem Pulver und streuten es auf die Oberfläche des Wassers. Schließlich stießen alle Anwesenden die Hütte mit dem Kopfe um. Das fließende Blut soll den vom Himmel strömenden Regen versinnbildlichen, die Daunen leichte, die Steine schwere Wolken; das Verstecken der Steine in den Baumgipfeln geschieht in der Absicht, daß sie der Regengeist sehe, und mit dem Niederreißen der Hütte soll angedeutet werden, daß der Geist in gleicher Weise die Wolken durchbohren möge. Um anderseits kühle Witterung zu bekommen, zünden geschmückte Männer hinter einem Windschirm ein Feuer an, lassen sich an ihm nieder und geben an, daß sie frieren und vor Kälte zittern. Hierdurch hoffen sie eine Abkühlung des Wetters herbeiführen zu können. Manche Stämme nehmen an, daß ein Mann sich in sein Totem verwandeln könne, wenn dieses ein Tier ist. Ein Totemtier verletzt nach der allgemeinen Annahme niemals seine menschlichen Verwandten; daher braucht zum Beispiel ein Anhänger des Schlangentotems nicht zu befürchten, von einer Schlange gebissen zu werden.

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 218. Bodenzeichnungen für die Wollunquatotemzeremonie.

Diese Zeichnungen gelten den Eingeborenen als heilig und dürfen von Frauen nicht gesehen werden; in diesem Bilde stellen sie die Wanderungen des mythischen Vorfahren Wollunqua dar.


GRÖSSERES BILD

Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.

Abb. 219. Warramungaleute im Schmuck für eine Zeremonie des Wollunquatotems.