Phot R. W. Marshall.

Abb. 419. Feierlicher Gottesdienst in einem birmanischen Kloster.

Wenn der Birmane ein Wohnhaus baut, so legt er auf jeden Pfosten ein Tuch, um den Geist, der darin wohnt, zu bedecken; diese Gewohnheit dehnt er auch auf die Rasthäuser, die Holzbrücken und sogar auf die Klöster aus. Vor Beginn des Wettrennens zweier Boote werden Opfergaben in den Bug eines jeden davon für die Wassergeister gelegt, damit sie sich nicht aus reiner Bosheit an den Kiel hängen. Der Birmane gibt den Mönchen ([Abb. 423]) Almosen, er betet vor der Pagode an bestimmten Pflichttagen (siehe [farbige Kunstbeilage]), wenn er jung ist, und hält jeden Abend um die Dämmerstunde an einem geweihten Ort seine Andacht ab, wenn er in die Jahre kommt; er zündet Kerzen an, legt Gebetsfahnen und Blumen, auch kleine Wachsfiguren der Wesen, die über dem betreffenden Wochentag walten, an dem er das Licht der Welt erblickte, nieder ([Abb. 424]) und sagt seine frommen Sprüche her, die er als Knabe in der Schule lernte, und doch wird er niemals in seinem Leben es versäumen, bevor er etwas unternimmt, sein Horoskop sich stellen zu lassen und seine Zauberbücher zu Rate zu ziehen, die ihm anzeigen, wann er zum Beispiel seiner Tochter die Ohren durchbohren lassen, eine Reise unternehmen, mit Pflügen beginnen oder mit der Ernte anfangen, ein Boot ins Wasser setzen, einen Einkauf machen, sich oder seine Tochter verheiraten, ein Familienmitglied begraben oder eine Pagode stiften soll. In fast jedem Dorfe gibt es Geistermedien; gewöhnlich sind es Frauen, deren Beruf in direktem Widerspruch zu den Lehren des Buddhismus steht; denn sie halten wie jeder andere Gläubige ihre Andachten ab und geben den Mönchen Almosen, damit sie in ihrem nächsten Dasein eine Stufe höher im Leben stehen. Bei Ausbruch einer Krankheit werden sie oft herbeigerufen, um zu heilen, denn eine Krankheit gilt stets für die Anfechtung eines bösen Geistes ([Abb. 422]). Bei der Ausübung ihrer Tätigkeit binden sich die Frauen meistens ein rotes Tuch um den Kopf und beschränken ihre Geheimnistuerei auf hysterische Gesänge und wilde Wirbeltänze, die den Kranken oft genug anstecken. Manchmal erholt er sich dann infolge der Erregung, oft genug aber auch bricht er vor Erschöpfung zusammen. Was für den Birmanen die Zauberbücher, das sind für die roten Karen und Wastämme die Geflügelknochen; nichts unternimmt er, ehe er diese um Rat gefragt hat. Die Wa verwenden sie recht oft, manche von ihnen tragen sie paarweise in den Ohren, sie sind dann oft so schmutzig und von Alter gebräunt, daß sie wie ein altes Erbstück anmuten. — Um Glück bei seinen Unternehmungen zu haben, läßt sich der Birmane runde Scheiben aus Gold, Silber oder Blei, auch aus Schildpatt oder Horn, die das Bild eines Schweinchens, umgeben von mythischen Zeichen, eingeritzt tragen, unter die Brust- oder Armhaut einheilen. Mancher berüchtigte Räuber wurde mit einer ganzen Reihe solcher Glücksschweinchen, die sich durch Knoten verraten, festgenommen.

Phot. Sir George Scott.

Abb. 420. Geisterpfeiler,

die auf einem offenen Platz inmitten jedes Dorfes der roten Karen errichtet werden, ihre Spitzen tragen allegorische Darstellungen.

Betende Menge vor einer Pagode in Rangoon.

Die Frauen sind dabei in ihre besten Gewänder gekleidet und mit Blumen im Haar geschmückt. Sie leiern das übliche Pali ab, wissen aber im Grunde genommen meistens nicht, um was sie bitten und an wen sie beten.