Inhaltsübersicht
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| Einleitung | [V] |
| Australien und Ozeanien | [1] |
| Polynesien und Mikronesien | [1] |
| Die Fidschiinseln | [38] |
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| Malakka oder die malaiische Halbinsel | [295] |
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Verzeichnis der Kunstbeilagen
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Zugehöriger Text Seite | |
| Feuerlauf auf Fidschi ([vor dem Titel]) | [46] | |
| Zwei Mädchen aus Tutuila | [8] | [2] |
| Wellenreiten der Hawaiinsulaner | [24] | [26] |
| Klubhaus der Palauinsulaner | [32] | [36] |
| Duk-Duk-Tänzer (Gazellehalbinsel) | [68] | [68] |
| Tänzer vom Flyrivergebiet in Festtracht | [72] | [72] |
| Kanuhaus auf Neumecklenburg (Siar) | [96] | [97] |
| Rorohäuptling im Festschmuck | [104] | [100] |
| Szene aus einem Korroborie | [172] | [172] |
| Dajakfrauen mit Menschenschädeln in den Händen, zu einem Tanze versammelt | [240] | [240] |
| Hahnenkampf auf Borneo | [248] | [250] |
| Betende Menge vor einer Pagode in Rangoon | [360] | [359] |
| Verbrennung der Leiche eines Mönchs in Birma | [384] | [384] |
| Totenzeremonie der Chinesen in Tientsin | [428] | [432] |
Einleitung.
Bei allen Kulturvölkern, in noch ausgeprägterem Maße bei denen, die die höchste Stufe der Zivilisation noch nicht erklommen haben, begegnen wir unter dem gewöhnlichen Volke, vor allem auf dem Lande, indessen auch unter den gebildeteren Schichten eigenartigen Gewohnheiten, Sitten, Anschauungen und Zeremonien, die uns in unserem aufgeklärten Zeitalter recht sonderbar erscheinen, manchmal direkt abgeschmackt und töricht anmuten. Und doch steckt hinter solchen Gewohnheiten, über die wir, wie gesagt, lachen möchten, zumeist ein tiefernster Sinn, den wir aber von unserem christlichen Standpunkte aus nicht zu fassen vermögen. Früher begnügte man sich einfach damit, diese Absonderlichkeiten, denen wir beinahe auf Schritt und Tritt in unserem gewöhnlichen Leben begegnen können, sofern wir nur danach suchen, als den Ausfluß krassen Aberglaubens zu betrachten, über dessen Entstehung man sich keine weitere Vorstellung machte. Seitdem aber die vergleichende Volkskunde sich dieser Dinge angenommen und die Beobachtung gemacht hat, daß sich ähnliche Gebräuche, Sitten und dergleichen nicht nur beim eigenen Volke finden, sondern vielfach auch bei wohl allen höher und niedriger stehenden Völkern angetroffen werden, ja sogar bei den auf der untersten Stufe der Kultur stehenden Völkern, den sogenannten Wilden, und hier in besonderer Häufigkeit und ausgedehnter Ausbildung, so daß ihr ganzes privates und öffentliches Leben und Treiben von solchen zeremoniellen Handlungen gleichsam durchsetzt erscheint, seitdem wir dieses alles festgestellt haben, gewinnen alle diese abergläubischen Gebräuche, Sitten, Veranstaltungen, Redensarten, Zauberformeln und ähnliches mehr eine ganz andere Bedeutung in unseren Augen. Wir wissen jetzt, daß es sich um Überreste uralter, ursprünglicher Anschauungen handelt, die auf den heidnischen Glauben unserer Altvorderen zurückgreifen und sich ähnlich bei den auf primitiver Stufe lebenden Naturvölkern finden, also ein Gemeingut der ursprünglichen Menschheit vorstellen. An einer Reihe Beispiele sei dies nachstehend weiter ausgeführt.
In den Dörfern Thüringens pflegen die Kinder am Pfingstheiligabend Lärchenbäume zu holen und sie um den Dorfbrunnen herum einzugraben, die Mädchen aber bunte Papierketten anzufertigen, Girlanden und Kränze aus Fichtengrün zu winden, ausgeblasene, bemalte Eier auf Schnüren aufzureihen und schließlich die Bäume mit diesem Putz zu schmücken. Dieser schönen Sitte liegt der alte heidnische Gedanke zugrunde, die Quellen zur Frühlingszeit zu schmücken und auf diese Weise für das segenspendende Element den Quellgöttern den schuldigen Dank abzustatten. In Bayern ist es auf dem Lande Sitte, bei unreinem Trinkwasser in dieses einen glühend gemachten Stein hineinzuwerfen; bei den Wanderzigeunern Siebenbürgens muß ein Weib, das gern Mutter werden möchte, Wasser trinken, in das der Mann glühende Kohlen unter Hersagen der Worte: „Wie ich die Flamme bin, so sei du die Kohle!“ geworfen hat. Beide Male dürfte dieser Aberglaube mit der reinigenden Kraft des Feuers zusammenhängen. In katholischen Gegenden Süddeutschlands werden am Morgen des Sonnabends vor Ostern alle Kirchenlichter ausgelöscht, und mit Hilfe von Stahl und Feuerstein, Hohlspiegel oder Kristallen (Linsen) wird ein „neues“ Feuer erzeugt, an dem man die Altarkerzen anbrennt. In feierlicher Prozession begibt man sich darauf auf den Kirchhofplatz, wo ein mächtiger Holzstoß errichtet wurde, und zündet diesen mit einer dieser Osterkerzen an, verbrennt auch in seiner lodernden Flamme die Wolle, die der Priester bei der Taufe oder beim Spenden der letzten Ölung zum Abwischen des heiligen Öles gebrauchte, Kirchenlichterreste, alte Meßgewänder und anderes mehr, und wirft schließlich an manchen Orten eine Strohfigur hinein, die den Verräter Judas Ischariot darstellen soll. Dieses ganze Verfahren ist gleichfalls ein Überbleibsel jener uralten heidnischen Feuer, die vorzeiten zu Ehren der im Kampfe über die froststarrenden Winterriesen siegreichen Licht- und Frühlingsgötter bei unseren Vorfahren emporloderten und vermöge ihrer läuternden Kraft die schädigenden und unheilbringenden Dämonen verscheuchen sollten. Der gleiche Gedanke liegt den im Anfange des vorigen Jahrhunderts bei uns noch üblichen Not- oder Willfeuern zugrunde, die veranstaltet wurden, wenn Mißernte, Viehseuche, Pest oder ähnliches Mißgeschick ein Dorf heimgesucht hatten; nachdem alle Feuer in der Gemeinde ausgelöscht worden waren, kamen die jungen Burschen zusammen und erzeugten durch Reiben oder Drehen eines runden Holzes in der Vertiefung eines anderen ein Feuer, von dem sich die Dorfbewohner erst wieder mit ihrem Hausfeuer versorgten, und mit dem sie einen Haufen Reisig in Brand steckten, dessen Asche über die Felder gestreut und den kranken Tieren in das Fressen gegeben wurde. In Holstein wird zwischen Fastnacht und Ostern ein Spiel von den Kindern gespielt, bei dem die eine Hälfte der Mitwirkenden einen Ring (Kreis) um die in der Mitte sitzende Königstochter bildet, die andere Hälfte aber draußen steht und die Kette zu durchbrechen und unter Absingen von Liedern die gefangene Königstochter zu befreien sucht. Dieses von den Kleinen heutzutage gedankenlos betriebene Spiel enthält noch Anklänge an den Glauben unserer Vorfahren von dem Kampfe der Winter- und Sommergötter. Nach dieser Anschauung wurde die Sonnengöttin von den Winterriesen geraubt und in einer Eisburg gefangen gehalten, aus der sie befreit werden mußte, weil sie sonst der Erde den Lenz nicht zu bringen vermochte.