Phot. Bonfils.
Abb. 359. Verschleierte syrische Frauen.
Das sie umhüllende Tuch (Izar) ist aus Seide hergestellt und bunt gemustert. Die christlichen Frauen und armen Modammedanerinnen tragen eine weiße Umhüllung. Das Gesicht wird noch besonders mit einem Gazeschleier (Mandeel) bedeckt.
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GRÖSSERES BILD
Phot. C. A. Hornstein.
Abb. 360. Inneres eines Beduinenzeltes aus Palästina.
Man bereitet gerade Kaffee. Zu diesem Zweck werden die gerösteten Bohnen in einem hölzernen Mörser mit einem Stößel zerstampft.
Aus politischen Gründen hat die türkische Regierung die Bevölkerung Vorderasiens in drei Klassen eingeteilt: in die Mohammedaner, die Christen und die Juden; jede dieser Klassen weist wieder Unterschiede auf, die auf der Rasse und dem Wohnort beruhen. Dem Namen nach sind die meisten Stämme Anhänger des Islams, aber in Wirklichkeit setzt sich ihre Religion aus einem Mischmasch von überkommenem Ahnenkult, Christentum und Mohammedanismus, selbst Judentum zusammen. Dies zeigt sich unter anderem an der Glaubenslehre der Jesiden, einer Sekte der Kurden. Ihre Lehre wird als strenges Geheimnis bewahrt, in ihrem vollen Umfange ist sie allein dem Ältesten des Geschlechtes, Hassan al Bussri, bekannt. Die Jesiden glauben an einen höchsten Gott, den sie Melek-Taus nennen; ihr Prophet ist Scheich Adi, der dem Gotte gleich ist. Außer diesen beiden höchsten göttlichen Wesen kennen sie noch eine große Anzahl niederer Gottheiten, darunter verehren sie die Abendröte, die Morgenröte und das Sternbild des großen Bären. Ihr Kultus ist ein Gemisch von christlichen, mohammedanischen und sogar jüdischen Gebräuchen. Der Religionsunterricht findet in einem besonderen Raum statt, den kein Fremder betreten darf. Weil der Name des Satans nicht ausgesprochen werden darf, so sind alle diesbezüglichen Bezeichnungen aus der Glaubenslehre ausgelöscht. Die Jesiden haben sogar, um das Wort Scheitan (Teufel) zu vermeiden, aus ihrer Sprache eine Menge Worte verbannt, die mit einem Sch beginnen und an diese Bezeichnung erinnern könnten. — Das heilige Buch der Jesiden, das mit sieben Siegeln versehen vom Himmel fiel und in dem Grabmal des Scheich Adi aufbewahrt wird, berichtet unter anderem von der Erschaffung der Welt, die sich im Jesidenglauben ganz eigenartig ausnimmt. Als Gott der Finsternis in der Welt müde war, schuf er sich einen Papagei, der ihn vierzig Jahre lang erfreute und unterhielt. Darauf wurde er über ihn zornig und schlug ihn tot. Aus den Federn des Tieres bildeten sich Berge und Täler, aus dem letzten Atemzuge die Luft. Darauf schuf Gott das Himmelsgewölbe und hängte es mittels eines Haares seines Hauptes auf. Weiter gingen aus seiner Hand sechs Götter, die Sonne, der Mond, die Morgenröte, das Licht, der Morgenstern, das Siebengestirn und alle anderen Sterne, wie die Funken aus dem Feuer, hervor. Jede dieser Gottheiten schuf sich ein Pferd, um durch den Luftraum reiten zu können. Sodann versammelten sich alle Götter und schufen die Engel; der siebente Gott schuf allmählich die Tiere, sowie Adam und Eva. Eva gab ihrem Manne hundertvierzehn Kinder, alles Zwillinge, aber die Jesiden stammen nicht von ihnen ab, sondern von einem Einzelkind, das nach einem Versprechen Gottes auf wunderbare Weise durch eine der Huris des Paradieses geboren wurde, und so weiter. — Im Grabe des Scheich Adi wird eine heilige Fahne aufbewahrt, die vom König Salomon stammen soll, aber von jedem Jesiden durch Geld für eine gewisse Zeit gekauft werden kann. Derjenige, der sich das Recht dazu erworben hat, taucht die Fahne in Wasser, feuchtet mit diesem etwas Staub vom Grabe Adis an und fertigt daraus Pillen für die Gläubigen. Jede Pille verleiht dem, der sie einnimmt, die Eigenschaft, auf ein Jahr gesund zu bleiben. Mit dieser Fahne ziehen die Jesiden siebenmal um ihr Haus, schlagen sich dabei auf die Brust und bitten Gott um Vergebung ihrer Sünden. Im Herbst kommen alle Jesiden zusammen, um ein Fest zu feiern. Jeder Teilnehmer über dreißig Jahre muß dazu aus seiner Herde für den Scheich etwas mitbringen. Vom Morgen bis zum Abend wird in einem großen Kessel ein Rind gekocht. Sobald das Fleisch gar geworden ist, ruft der Scheich einige junge Leute herbei und befiehlt ihnen, trotz des siedenden Wassers mit den Armen in den Kessel zu greifen und das Fleisch herauszuheben; wer infolge der dabei erhaltenen Brandwunden etwa stirbt, gilt als Märtyrer. Darauf beginnt das Volk von der gekochten Suppe zu essen; einzelne werfen Geld in sie hinein. Nachdem drei Tage lang gefeiert worden ist, baden sich Männer und Frauen im Flusse, waschen die Bilder des Königs Pfau darin und stellen sie unter die heilige Fahne. Schließlich ziehen sie noch siebenmal im Kreise herum, wobei sie den Staub ihrer Füße, der für heilig gilt, sammeln. Das Fest endigt mit einem Opfer zu Ehren des genannten Königs. Ein anderes wichtiges Fest ist das Neujahr (am ersten Mittwoch nach Frühlings-Tagundnachtgleiche). An diesem Tage versammelt Gott nach dem Glauben der Jesiden alle Bewohner des Himmels und alle Seligen und übergibt ihnen für das folgende Jahr die Erde wie in einer Versteigerung; wer von ihnen am meisten bietet, erhält die Macht über die Geschicke der Menschen. — Die Jesiden glauben an ein Leben nach dem Tode, meinen aber, daß nur ihnen und den Christen ein solches beschieden sei, während die Seelen der Mohammedaner nach dem Tode in Tiere übergehen sollen. Ehe die gläubigen Seelen ins Paradies eingehen, müssen sie sich eine Weile in einem sogenannten Fegefeuer aufhalten, wo sie von ihren Sünden gereinigt werden.