Aus: Weule, Leitfaden d. Völkerkunde.

Abb. 58. Herstellung von Rindenstoff aus Ulmenbast durch die Ainu.

(Nach einem japanischen Holzschnitt.)

Die Opfer, die die Ainu ihren Göttern darbringen, bestehen in Speise und Trank ([Abb. 59]); außerdem stellen sie ihnen zu Ehren überall, wo es nur möglich ist, eigenartige Gegenstände auf, die sie Inau nennen. Es sind dies für gewöhnlich Ästchen aus Weiden-, seltener aus Erlen- und Ebereschenholz, an denen stellenweise kurze Streifen abgespalten sind, so daß diese wie Locken herabhängen. Sie sollen menschliche Figuren darstellen, was man mit einiger Phantasie auch wohl erkennen kann. Daneben werden aber auch große Inaue in Gestalt hoher Stangen oder Bäume errichtet, die oft ganz verwickelte Gestalten wiedergeben; so zum Beispiel stellt ein kleiner Tannenbaum, an dem die Äste quirlähnlich stehen gelassen sind, den Sonnengott dar. Auch Bündelchen mit abgespaltenen Holzstückchen werden als Inau bezeichnet; das Bezeichnende für alle die so benannten Gegenstände scheint das Vorhandensein von Holzspänen zu sein. Man trifft die Inaue überall, entweder einzeln oder in Gruppen zusammen an, in und vor dem Hause, auf Bergen, am Meeres- und Flußufer, im Walde, auf Wegen, Grabstätten und sonst noch. Sie spielen eine überaus wichtige Rolle im Leben der Ainu, die sehr viel Zeit auf ihre Herstellung verwenden. Über die Bedeutung der Inaue sind die verschiedensten Meinungen aufgestellt worden. Die eine davon besagt, daß die Inaufigur an Stelle früherer Menschenopfer getreten sei und das Einkerben den Ausdruck des Bauchaufschneidens bedeute; eine andere behauptet, daß die Inaue aus dem Shintokultus herstammten, das heißt auf die mit farbigem Papier behängten Opferstäbchen der Japaner als Vorbild zurückgehen und ebenso wie diese aus dem Opfergegenstand zum direkten Gegenstand der Verehrung, das heißt zur Gottheit geworden seien. Indessen befriedigen auch diese Erklärungen nicht. Am wahrscheinlichsten erscheint mir die Annahme, daß die Inaue die Rolle eines Vermittlers zwischen Menschen und Göttern zu spielen haben, daß die „hölzernen Menschen“ gleichsam die Gabe besitzen, diesen die Wünsche und Bedürfnisse der lebenden Menschen zu überbringen, und daß die Späne an ihnen Zungen darstellen. Im Augenblick großer Gefahr, zum Beispiel bei Sturm auf dem Meere, holt der Ainu ein Holzstäbchen, das er stets bei sich trägt, hervor, kerbt es in der bekannten Weise ein und wirft es, sobald die Figur fertiggestellt ist, ins Meer mit den Worten: „Gehe zum Geist des Meeres und sage ihm, daß er gehörig acht gebe“ und so weiter. — Eine besondere Verehrung zollen die Ainu dem Bären, der auch ihre wichtigste Nahrungsquelle abgibt. Sie fangen im Beginn des Frühjahres junge Tiere ein und ziehen sie in Käfigen ([Abb. 61] und [63]), die im Hause der Häuptlinge stehen, angeblich an der Brust der Weiber, auf. Wenn sie erwachsen sind, werden diese Bären unter gewissen Zeremonien getötet und verzehrt. Die Schädel aber werden auf Pfählen aufgesteckt und dienen zur Anbetung ([Abb. 64]).

Phot. Admiral Holland.

Abb. 59. Ainu beim Trankopfer

für die Götter des Feuers, des Wassers, der Berge und der See.

Phot. Admiral Holland.