Abb. 62. Ainufamilie vor ihrer Hütte.
Die Frau zur Linken zeigt den üblichen auftatauierten Schnurrbart, der ihr ein männliches Aussehen verleiht.
Von Zwillingen wird der eine für teuflischer Herkunft angesehen und getötet. Frauen, die solche zur Welt brachten, werden von ihren Geschlechtsgenossinnen gemieden, aus Furcht, sie könnten dadurch angesteckt werden. Dieser Aberglaube, daß erwachsene Menschen ihre Eigenschaften auf andere übertragen können, führt zum Beispiel dazu, daß eine unfruchtbare Frau von einem kinderreichen Weibe Geräte kauft und sich ihrer beständig bedient oder sie mit sich trägt.
Abtreibung der Leibesfrucht kommt recht häufig vor, um das Ergebnis eines Verkehrs mit fremden Männern zu verheimlichen. Binden des Bauches, starkes Einschnüren der Taille, Herabspringen von großer Höhe sind die üblichen Methoden. Der Wöchnerin läßt man ebenso wie der Schwangeren große Pflege angedeihen.
Bei dem aus Anlaß der Geburt veranstalteten Feste wird wilder Knoblauch als Lieblingsspeise der Götter ins Feuer geworfen, um sie dadurch zu zwingen, an der Feier teilzunehmen. Die Nachbarn finden sich zum Schmause ein, dessen Hauptgericht mit Knoblauch gekochter Reis bildet.
Phot. J. Revilliod.
Abb. 63. Bärenfest der Ainu.
Ein jung eingefangener Bär wird von den Ainu gefüttert und gepflegt, um später unter großer Festlichkeit getötet und verspeist zu werden. Die Bärenjagd gilt bei den Ainu als vornehmste Beschäftigung und das Bärenfleisch als größter Leckerbissen. Vor der Jagd werden Gebete abgehalten.
Die Toten der Ainu werden gewaschen und mit ihren Waffen und sonstigen Habseligkeiten wie auch Schmuck entweder in Matten gewickelt oder in Bretterkisten gelegt; gleichzeitig opfert man den Geistern der Verstorbenen Speise und Trank. Stirbt jemand unnatürlichen oder gewaltsamen Todes, so bringen sich die Angehörigen mit einem Messer leichte Wunden an der Stirn bei und opfern das herausquellende Blut dem Toten. Die Beerdigung findet für gewöhnlich in der Nacht im Walde statt. Die Stätte, wo der Tote beigesetzt wurde, bezeichnet man durch einen mittels roher Rindeneinschnitte verzierten Pfahl oder Baumstamm, der, wenn es sich um eine Person männlichen Geschlechts handelt, in halber Höhe einen phallusartig zugestutzten Ast trägt ([Abbild. 65]) oder, wenn um eine weibliche, an seinem oberen Ende mit einem oder zwei länglichen Löchern versehen ist ([Abbild. 66]). An Beigaben legt man an diesen Grabstätten die Kleider, die Angelhaken, Pfeile oder Pfeilspitzen und Glasperlen entweder in Täschchen oder direkt auf der Erde nieder. Die Trauer dauert je nach dem Grade der Verwandtschaft ein bis drei Jahre; als Zeichen für dieselbe trägt man eine eigenartige Mütze. Nach einem Jahr vom Todestage an kommen sämtliche Verwandte zusammen, vermeiden aber, etwas über den Toten zu sprechen, aus Furcht, es könnten die Geister der Verschiedenen zurückkommen und sie ängstigen.