Der Eintritt der Reife bedeutet für ein Mädchen ein wichtiges Ereignis in seinem Leben. Es muß sich einer zeitweiligen zeremoniellen Abgeschlossenheit unterziehen, die häufig in einer zu diesem Zwecke besonders errichteten Hütte vor sich geht. Einige Okkiliyanstämme im Tamillande schlagen die erste Hütte nach wenigen Tagen wieder zusammen und errichten eine neue am dritten, fünften und siebenten Tage. Nach Beendigung der Unreinheit wird die Hütte vielfach von dem Mädchen oder seinem Onkel angezündet und bis auf die Erde niedergebrannt; die Töpfe, die das Mädchen benutzte, werden bei den Bergsavara in kleine Stücke zerschlagen, weil es sonst dem allgemeinen Aberglauben gemäß keine Nachkommenschaft erhalten würde, falls sich Regenwasser in den etwa ganz gebliebenen Töpfen ansammeln sollte. Um Teufel zu verscheuchen, werden Zweige von verschiedenen Bäumen ins Dach der Hütte gesteckt und ein Stück Eisen zusammen mit Margosablättern, Zweigen vom Strychnosbaum und der Arkapflanze in sie gelegt. Manchmal wird auch ein Gestell aus Besenstielen und Stücke von Palmblättern oder ein Bogen hineingelegt und täglich angebetet. Bei der Pubertätszeremonie eines Tiyanmädchens Malabars schüttet seine Tante oder eine andere weibliche Verwandte ein gewisses Öl aus einem becherförmig gebogenen Jackbaumblatte ihm über den Kopf, auf den vorher eine kleine goldene Münze gelegt wurde, und fängt das Öl samt der Münze wieder in einer Schüssel auf. Es gilt als gute Vorbedeutung, wenn das Geld in einer bestimmten Lage in diese fällt. In ähnlicher Weise leeren Frauen bei einigen Kasten Südkanaras über das Mädchen, das auf dem Hofe über fünf Kokosnüssen auf einem Bambusrohrgefäß sitzt, einen Topf aus, der Wasser, Betelnüsse und Arekanüsse enthält; darauf wird es in einem Nebenhause abgesondert. Die kanaresischen Kappiliyan stellen, wenn die Zeremonien ihren Abschluß erreichen, in der Nähe des Hauseinganges etwas für einen Hund zu fressen hin; dieser wird, wenn er mit der Vertilgung beschäftigt ist, tüchtig durchgeprügelt; je lauter er heult, desto günstiger stellen sich die Aussichten einer großen Nachkommenschaft für das Mädchen. Die Pulluwanmädchen werden am siebenten Tage ihrer Reinigung von sieben jungen Frauen gesalbt; diese bringen außerdem den Teufeln, durch die das Mädchen etwa besessen werden könnte, eine Opfergabe in Form eines aus der Rinde eines Bananenbaums angefertigten Triangels, an dem Stücke zarter Kokosnuß und kleine Miniaturfackeln hängen, dar. Der Triangel wird um den Kopf des Mädchens geschwungen und sodann aufs Wasser gesetzt, damit er fortschwimme.
Phot. Wiele & Klein.
Abb. 144. Sühnebrauch bei den niederen Hinduklassen vor ihrer Gottheit Mariatale.
An Stelle von Menschen, die früher bei den niederen Hinduklassen an ihren Rückenmuskeln mittels eines eisernen Hakens aufgehängt und umhergeschwungen wurden, wird dieser Brauch jetzt an einer Figur, Sidi Viranna genannt, vollzogen.
Viele interessante Werbegebräuche herrschen noch allenthalben in Südindien. Öfters ist für die jungen Mädchen bei der Auswahl ihres Zukünftigen dessen persönlicher Mut ausschlaggebend. Bei einigen Kallanstämmen zum Beispiel besteht der Brauch, daß beim Mattupongalfest Bullen, an den Hörnern geschmückt mit Kokosblattgirlanden und Tüchern der jungen Mädchen, in die Münzen gebunden sind, unter dem Getöse der Tamtam und anderer Musik, um sie in Angst zu versetzen, losgelassen werden. Wer von den jungen Burschen einem Mädchen sein Tuch, das von ihm um das Horn des Tieres gewickelt war, wieder wohlbehalten zurückbringt, wird von ihm zum Manne genommen. Die Coorgmädchen verlangen eine Probe physischer Kraft von ihrem zukünftigen Gatten; er muß sechs Bananenstämme, die aufrecht in der Erde stehen, jeden einzeln mit einem einzigen Hiebe seines Kriegsmessers umhauen. Bei den Bergbonda Porja besteht die Sitte, Gruben in den Erdboden zu graben, in die während der kalten Jahreszeit nachts die Kinder gelegt werden, damit sie warm bleiben. Im Frühling nun werden die heiratsfähigen jungen Mädchen des Dorfes in einer dieser Gruben zusammengedrängt, und ein junger Mann kommt und macht der einen von ihnen einen Antrag; weist das Mädchen ihn ab, dann macht er bei einer anderen den gleichen Versuch, bis er sein Ziel erreicht hat. Anderwärts wird auch wieder der persönliche Mut des jungen Mannes von seinem Mädchen auf die Probe gestellt; beide begeben sich in den Dschungel und zünden ein Feuer an; das Mädchen nimmt darauf einen schwelenden Feuerbrand und berührt damit den Rücken des Jünglings. Schreit er vor Schmerz auf, dann wird er abgewiesen, wenn aber nicht, dann wird die Ehe sofort geschlossen. Dem Zufall überlassen die Wahl des Bräutigams die Mädchen bei den Dschungelnayādi. Wenn ein solches das heiratsfähige Alter erreicht hat, begibt es sich in eine aus Blättern aufgebaute Hütte, um die die jungen Männer des Dorfes herumtanzen und singen. Sie sind mit Stöcken bewaffnet, die sie durch die Hüttenwand hindurchstoßen. Wessen Stock das junge Mädchen ergreift, der wird ihr Mann.
Phot. E. Thurston.
Abb. 145. Figuren gegen den bösen Blick.
Geschnitzte Figuren von Tieren und Menschen, die in Malabar gegen den bösen Blick auf die Häuser gesetzt werden.