Eine eigentümliche Erscheinung bei den Bewohnern Indiens ist noch die, daß sie wohl Musik und Tanz sehr lieben, aber diese Künste niemals selbst ausüben, wie unsere Dilettanten dies tun, sondern sie berufsmäßigen Musikern und Tänzern überlassen, deren Ausführungen sie sich gern anhören und ansehen. Die meisten Festlichkeiten werden von Musik und Tanz begleitet. Eine besondere Stellung nehmen unter den Berufstänzern die Nautsch oder Tempelmädchen, auch Bajaderen genannt, ein, die eine besondere angesehene Kaste bilden ([Abb. 206] und die [Kunstbeilage]). Sie werden bereits als kleine Kinder mit der Gottheit eines Tempels vermählt, wohnen in diesem ihr ganzes Leben lang und dürfen niemanden anders heiraten; von klein auf werden sie für ihren späteren Beruf vorbereitet und im Tanzen und Singen ausgebildet. Sobald diese Mädchen die Reife erlangt haben, werden sie vom Brahmanen oder auch von einer fremden angesehenen Person entjungfert und stehen fortan gegen Entgelt jedermann der gleichen oder einer höheren Kaste zur geschlechtlichen Benutzung zur Verfügung. Trotz dieses ihres Berufes erfreuen sich die Tempelmädchen großer Gunst und großen Ansehens, zumal sich früher zu dieser Stellung Mädchen aus angesehenen Kasten drängten. Sie führen auch, wie ihr Name besagt, bei religiösen Festen Tänze auf, die durch ihre Geschmeidigkeit und Ästhetik die Zuschauer entzücken. Jedoch beschränkt sich ihre Tätigkeit nicht auf den Tempeldienst, sondern die Nautsch treten sehr häufig auch bei festlichen Gelegenheiten in den Häusern, besonders bei Hochzeiten, großen Festlichkeiten und dergleichen auf. Es ist allgemeine Sitte, sie aus solchen Anlässen einzuladen und dafür reichlich zu beschenken.
Phot. Sohanlal Bros.
Abb. 186. Szene vom Janamashthami
(einer Zeremonie am achten Tage nach der Geburt); ein alter Familienbrauch, der bei Beginn des indischen Fastens zur Erinnerung an die Geburt Krischnas abgehalten wird.
Phot. Bourne & Spepherd.
Abb. 187. Opferbrauch zu Bindhachal, Mirzapur (Nordindien).
Zu Zeiten der Cholera, einer Hungersnot oder bei schweren Unglücksfällen werden der Göttin Kali Schafe als Opfer dargebracht und mit dem Blut ihr Schrein beschmiert.
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