Einer für alle.

Beim Sturm auf Lüttich (1914) hatte eine deutsche Batterie nach schweren Verlusten eine gute Stellung gewonnen. Immer hitziger wurde der Kampf. Die schwere Artillerie der Festung schleuderte dem Angreifer zentnerschwere Granaten entgegen. Da plötzlich — es war auf dem Höhepunkt des heißen Artilleriekampfes — fällt eines dieser Riesengeschosse mit dumpfem Schlag mitten in die deutsche Batterie. Der Sand spritzt nach allen Seiten, das Geschoß liegt offen in der Höhlung. Jeden Augenblick kann es losgehen und alles Lebende ringsum töten. Da schießt dem Unteroffizier Heinemann der Gedanke durch das Gehirn: Lieber einer als alle! Er springt hin, rafft das schwere Geschoß auf und schleppt es an den Leib gepreßt eilends aus der Batterie hinaus. Wäre es in diesen Sekunden geplatzt, er wäre in tausend Stücke zerrissen worden. Aber die Tat glückte. Eine Strecke außerhalb der Stellung legte er die gefährliche Last zur Erde und eilte zurück. Doch kaum ist er eine Strecke gesprungen, da war die Zeit der Granate gekommen. Sie zersprang mit furchtbarem Brüllen und spritzte ihren totbringenden Eisenhagel nach allen Seiten. Wie durch ein Wunder aber blieb der Tapfere heil. Nur ein Splitter traf ihn in die Ferse, und als sieben Stunden später die Festung fiel, konnte er noch siegreich mit einziehen.

„Hamburger Fremdenblatt“.