Als er jedoch in halber Verzweiflung die köstlichen Paläste ringsum anstarrte, da rief es plötzlich aus einem derselben: „Hans, Hans!“ und ein vornehmer Mann stürzte heraus, um den Staunenden zu umarmen. War das der Venetianer in den schlechten, schwarzen Kleidern, den er einst beherbergt? Der war es. Der reiche Mann hatte den Fichtelberger an der Tracht wiedererkannt und führte diesen hinauf in die Säle voll Pracht und Reichtum und vergalt ihm nun alles tausendfach, was er dem Fremdling einst in seiner Heimat Gutes getan. Reich beschenkt kam Hans zurück und führte von da an ein sorgenfreies Leben.

Schöppner, Sagenbuch


[Das Loch im Ärmel.]

Ich hatte einen Spielgesellen und Jugendfreund, Namens Albrecht, erzählte einst Herr Marbel seinem Neffen. Wir beide waren überall und nirgends, wie nun Knaben sind, wild und unbändig. Unsere Kleider waren nie neu, sondern schnell besudelt und zerrissen. Da gab es Schläge zu Hause, aber es blieb beim alten. Eines Tages saßen wir in einem öffentlichen Garten auf einer Bank und erzählten einander, was wir werden wollten. Ich wollte Generalleutnant, Albrecht Generalsuperintendent werden.

„Aus euch beiden gibt's in Ewigkeit nichts!“ sagte ein steinalter Mann in feinen Kleidern und weißgepuderter Perücke, der hinter unserer Bank stand und die kindlichen Entwürfe angehört hatte.

Wir erschraken. Albrecht fragte: „Warum nicht?“

Der Alte sagte: „Ihr seid guter Leute Kinder, ich sehe es eueren Röcken an, aber ihr seid zu Bettlern geboren; würdet ihr sonst diese Löcher in eueren Ärmeln dulden?“ Dabei faßte er jeden von uns an dem Ellenbogen und bohrte mit den Fingern im durchgerissenen Ärmel hinauf. — Ich schämte mich, Albrecht auch. „Wenn's euch,“ sagte der alte Herr, „zu Hause niemand zunäht, warum lernt ihr es nicht selbst? Im Anfang hättet ihr den Rock mit zwei Nadelstichen geheilt, jetzt ist's zu spät, und ihr kommt wie Bettelbuben. Wollt ihr Generalleutnant werden, so fangt an beim Kleinsten. Erst das Loch im Ärmel geheilt, ihr Bettelbuben, dann denkt an etwas anderes!“

Wir beide schämten uns von Herzensgrund, gingen schweigend davon und hatten das Herz nicht, etwas Böses über den bösen Alten zu sagen. Ich aber drehte den Ellenbogen des Rockärmels so herum, daß das Loch einwärts kam, damit es niemand erblicken möchte. Ich lernte von meiner Mutter das Nähen spielend; denn ich sagte nicht, warum ich's lernen wollte. Wenn sich jetzt an meinen Kleidern eine Naht öffnete, ein Fleckchen sich durchschabte, ward's sogleich gebessert. Das machte mich aufmerksam; ich mochte an zerrissenen Kleidern nun nicht mehr Unreinlichkeit leiden. Ich ging sauberer, ward sorgfältiger, freute mich und dachte, der alte Herr in der schneeweißen Perrücke hätte so unrecht nicht. Mit zwei Nadelstichen zu rechter Zeit rettet man einen Rock, mit einer Hand voll Kalk ein Haus; aus roten Pfennigen werden Taler, aus kleinen Samenkörnern Bäume, wer weiß wie groß.