Gottes Wege waren nicht die der irrenden Menschen. Seine Huld ließ nicht zu, daß ein schuldloses Wesen in der Tiefe des Meeres versinke, sondern wies auf wunderbare Weise den Weg der Rettung. Die Meereswellen mußten die in ein getheertes Gewand eingenähte Frau drei Tage und drei Nächte auf dem Rücken tragen und endlich in einem fernen fremden Lande an's Ufer schleudern. — Obgleich die Frau sehr ermüdet war, als sie auf's Trockene kam, vergaß sie doch nicht, Gott, der sie aus Todesnöthen errettet hatte, für seine wunderbare Hülfe zu danken. Dann warf sie sich auf den Rasen, um zu schlafen, sich von der durch das lange Treiben auf dem Wasser verursachten Erschöpfung zu erholen und ihre Lebenskraft für die kommenden Tage neu zu stärken. Noch hatte sie die Augenlider nicht geschlossen, als sie zwei Raben auf hohem Fichtenwipfel so reden hörte: »Da liegt jetzt« — sagte der erste Vogel — »ein unglückliches Geschöpfchen am Strande, welches die kurzsichtigen Menschen ausgestoßen haben. Die Arme wird hier, wo keine Menschen wohnen, doch zuletzt umkommen, obwohl sie sich gar leicht retten könnte.« — »Wie denn?« fragte der andere Vogel. »Siehe,« erwiderte der erste Plauderer — »obgleich die Arme sehr ermüdet scheint, sollte sie doch ihre letzte Kraft zusammen nehmen und rechts am Ufer weiter gehen, da wohnt ein frommer Dorfgeistlicher, der sie freundlich aufnehmen und ihren ermatteten Körper stärken würde. Hat sie sich dann einige Tage ausgeruht und ihre Kräfte erfrischt, dann könnte sie in die große Stadt gehen, die nicht weit von da liegt und wo die Leute Mangel an Wasser leiden, weil ein böser Zauberer vor vielen hundert Jahren alle unterirdischen Wasseradern festgemacht hat, so daß in die Brunnen kein Wasser kommt, als was die Regenschauer dem Schooße der Wolken entlocken. Und doch wäre es eine Kleinigkeit, den Bewohnern der Stadt Trinkwasser zu schaffen.« »Wie denn das?« fragte der andere Rabe. »Sieh nur,« erwiderte der erste — »mitten auf dem Markte liegt ein großer grauer Granitblock, welcher alle Quelladern deckt und schließt. Es bedürfte weiter keiner Arbeit, als diesen Verschluß-Block heben zu lassen, dann würden die Quellen aus der Tiefe reichliches Naß ergießen. Und derjenige könnte reichen Lohn verdienen, welcher der Stadt Wasser verschaffte. — Aber diese arme Frau könnte noch mehr Ehre und Glück finden, wenn sie in die Königsstadt ginge und dort des Königs einzigen Sohn gesund machte, den bis jetzt weder Doctoren noch Wundärzte heilen konnten. So liegt der arme Jüngling schon sieben Jahre im Bette und findet nirgends Hülfe, weil menschlicher Verstand seine Krankheit nicht erkennen kann. Und doch könnte der Königssohn leicht gesunden, wenn ihm die rechte Arznei gegeben würde.« »Was für Kräuter könnten denn seinem Uebel abhelfen?« fragte der andere Vogel. »Es wäre eine Kleinigkeit, ihn gesund zu machen« — ließ sich der Sprecher weiter vernehmen. — »Es wäre dazu nichts weiter erforderlich, als in der Domkirche an die dritte Bank, rechts vom Altare, zu gehen und dort die Diele aufzubrechen, unter welcher ein Mäusenest liegt. Wenn das Nest sammt den Jungen herausgenommen, in einem Grapen oder Kessel gekocht, und die Flüssigkeit dann durch ein Tuch geseiht und in Flaschen gegossen würde, so wäre die Arznei fertig[20]. Jeden Morgen und Abend ein Löffel voll von dem Mäusekraft-Trank dem Kranken eingegeben und mit derselben Flüssigkeit die Brust eingerieben, würde den Kranken in einigen Tagen gesund machen.« — Wohl sehr schade ist es, daß in unseren Tagen weder Stadt- noch Land-Aerzte die Vogelsprache verstehen, welche sie manches Mal auf den richtigen Weg bringen könnte, wenn ihr eigener Kopf ihnen nicht mehr aushelfen will. Und auch manchem eingebildeten Naseweis, der menschliche Belehrung verschmäht, könnten durch die Rede der Vögel vernünftigere Gedanken in sein einfältiges Gehirn kommen. — Doch fahren wir jetzt in unserer Erzählung fort.

Nachdem die unglückliche Frau die Raben-Weisheit vernommen hatte, schlief sie ein. Auf wunderbare Weise ließ Gottes Güte ihrem Körper im Schlaf neue Kraft zuströmen; obwohl sie drei Tage ohne einen Bissen Nahrung gewesen war, fühlte sie doch beim Erwachen weder Müdigkeit noch Hunger. Der klugen Vögel Zwiegespräch fiel ihr alsbald ein; doch konnte sie sich nicht klar machen, ob sie das wachend oder träumen erlebt habe. Da ihr aber nichts Besseres übrig blieb, wollte sie es mit dem angegebenen Wege versuchen. Mit größter Mühe erreichte sie vor Abend des Predigers Haus, wo die guten Menschen sie freundlich aufnahmen und pflegten. Nach einigen Tagen fühlte sie sich stark genug, weiter zu wandern. Der Prediger und die Hausleute baten sie, noch einige Tage bei ihnen zu Gaste zu bleiben, denn sie war ihnen allen lieb geworden; aber sie wollte ihnen nicht länger zur Last fallen, sondern dankte für die genossene Wohlthat, nahm Abschied und macht sich dann auf den Weg, um der Anleitung der Vögel gemäß ihr Glück weiter zu versuchen. Da die Wegweisung der Raben sich das erste Mal bewährt hatte, so richtete sie ihre Schritte nach der wasserbedürftigen Stadt. Da fiel es ihr ein, daß, wenn sie in Weiberkleidern die Stadt beträte, die Leute wohl nicht viel von ihrer Einsicht halten würden. In der guten alten Zeit duldete man noch nicht das Gegacker der Henne, wie in unseren Tagen, wo der Hahn wohl selber rühmt, wie hübsch sein Schätzchen schon gesungen, als es erst drei Spannen hoch war, weshalb er das sangreiche junge Huhn selbst auf den Markt trägt und ruft: »Kommt und hört, wie hübsch mein Hühnchen singt.«

Die Frau kaufte sich also Mannskleider und gab sich das Ansehn eines Mannes. Sie schnitt ihre langen Haare kurz am Kopfe ab, zog einen Rock an, band einen rothen Gürtel um die Hüften und zog das bunte Hemd über die Hosen, so daß sie ganz wie ein Russe aussah. Als sie nach einigen Tagen in die Stadt kam und in einem Wirthshause ein Quartier bezog, fand sie auf dem Eßtische mancherlei Getränke, Branntweine und Weine, Bier und Meth, aber kein Tropfen Wasser war zu sehen. Sie bat, man möge ihr ein Glas Wasser bringen. »Geehrter Herr, ihr könnt in unserer Stadt alle Arten von Getränk haben, um euren Durst zu löschen, aber frisches Wasser können wir euch auch um den höchsten Preis nicht geben: Wasser müssen wir in der heißen Zeit von weitem herführen, wie eben jetzt, wo Gott keinen Regen giebt.« »Warum lasset ihr keine Brunnen graben?« fragte die als Mann verkleidete Frau. Der Gastwirth erwiderte: »Brunnen haben wir von Alters her genug gegraben, aber es kommt kein anderes Wasser hinein als was der Regen hineinbringt. Unsere Obrigkeit hat schon Unsummen daran gewendet, und hat auch demjenigen eine große Belohnung verheißen, der Wasser in die Brunnen leiten würde, aber wenn auch von überall her viel geschickte Brunnenmeister kamen, um ihr Glück zu versuchen, so hat doch keiner von ihnen Wasseradern gefunden.« — Die Frau sagte: »Die Sache scheint sehr wunderbar! Ich will Nachmittags in eurer Stadt umhergehen, vielleicht finde ich zufällig Pflanzen, welche auf eine Wasserader weisen.« »Das wird wohl vergebliche Mühe sein,« — meinte der Gastwirth — »doch könnt ihr ja immerhin euer Heil versuchen.«

Die Kaufmannsfrau schlenderte nun aus einer Straße in die andere, bis sie auf den Markt kam. Da fand sie den großen grauen Granitblock, wie es die Raben in ihrem Gespräche angegeben hatten; und da nun so die beiden ersten Verkündigungen wahr geworden waren, so wuchs ihr der Muth, den Wasserkerker zu erschließen. Sie ging zum Oberhaupt der Stadt, gab sich für einen Brunnenmeister aus und versprach der Stadt Wasser zu schaffen, wenn man ihr soviel Arbeiter und Werkzeuge geben würde, wie es die Sachlage erfordere. Das Stadtoberhaupt aber bedachte, welchen Geldaufwand die fruchtlose Arbeit schon verursacht hatte und sprach deshalb die Bitte aus, den vergeblichen Versuch lieber zu unterlassen. Der Brunnenmeister ließ sich aber nicht so leicht irre machen, sondern sagte: »Gebt mir fünfzig oder sechzig Arbeiter und die nöthigen Werkzeuge, wie Stangen, Stricke und dergleichen, so mache ich mich verbindlich, eurer Stadt soviel Wasser zu schaffen, daß Menschen und Thiere genug haben.« — Das Stadtoberhaupt verlangte jetzt ein Pfand von solchem Werthe, daß es alle Ausgaben decke, wenn die Arbeit den verheißenen Nutzen nicht bringe. Die Frau entgegnete: »Geld habe ich jetzt gerade nicht soviel, um das Pfand zu hinterlegen, aber ich mache mich anheischig, für jeden Arbeiter fünfzig, oder wenn ihr wollt, hundert Tage zu arbeiten, wenn ich euch das versprochene Wasser nicht liefere. Falls ich aber meine Versprechungen erfülle, dann zahlt ihr mir die Belohnung, welche ihr für die Auffindung von Wasser öffentlich ausgeboten habt.« Auf diese Bedingung hin wurde der Vertrag geschlossen.

Nachdem die Vorbereitungen beendigt waren, begab sich die Frau mit fünfzig Arbeitern auf den Markt: eine ungeheure Volksmenge zog hinterdrein, um das Wunderwerk mit anzusehen. Die Frau Meister ließ zuerst hart um den Block herum Gräben ziehen, dann starke Balken als Hebel unter den Block schieben, Stricke mit dem einen Ende an die Balken befestigen, mit dem andern um den Block legen, und als nun die Männer auf das gegebene Zeichen mit einem Male aus Leibeskräften anzogen und aufwanden, ging der Block in die Höhe. Und o Wunder! zischend ergoß sich ein breiter Wasserstrahl unter dem Blocke hervor. — Freudengeschrei erscholl aus dem Munde von Tausenden. Das Stadtoberhaupt und die anderen obrigkeitlichen Personen traten näher und füllten Becher und Kannen mit frischen Wasser, das klar, kühl und erquickend war. Alle, die das Wasser schmeckten, rühmten es einstimmig und die klugen Doctoren erklärten, es sei der Gesundheit sehr zuträglich. Da nun der Brunnenmeister sein Versprechen erfüllt hatte, wurde ihm die für das Auffinden von Wasser ausgesetzte Belohnung unweigerlich ausgezahlt und überdies folgten ihm die Dankes- und Segenswünsche der Bewohner nach.

Jetzt brauchte die Frau nicht mehr zu Fuße zu gehn, sondern konnte in einer Kutsche mit sechs Pferden fahren, wenn sie wollte. Sie fuhr alsbald in die Königsstadt. Als sie mit Dank gegen Gott dessen gedachte, wie der Vögel Anleitung sie unverhofft auf den Weg des Glückes geführt hatte, beschloß sie zugleich sich andere Kleider zu besorgen, weil denn doch die russische Bauerkleidung für einen Doctor nicht paßte. Sie ließ ihr Haar anders ordnen und kaufte sich einen Anzug, wie ihn die städtischen Aerzte zu tragen pflegen. Als sie dann nach einigen Tagen die Residenz des Königs erreichte, miethete sie in einem vornehmen Gasthof eine Wohnung und gab sich für einen Arzt aus, der aus weiter Ferne gekommen sei.

Die Ankunft eines berühmten Arztes aus weiter Ferne drang rasch zu des Königs Ohren. Er schickte seine Diener in den Gasthof und ließ den Doctor zu seinem kranken Sohne bitten. Als der Doctor kam, redete er ihn so an: »Ich bin ein großer König, aber bei allem Ansehn und Reichthum ein unglücklicher Vater. Mein einziger Sohn siecht schon sieben Jahre lang auf dem Krankenlager dahin und Niemand kann ihm helfen; obgleich die berühmtesten Ärzte meines Landes und fremder Länder die verschiedensten Arzeneimittel versucht haben, konnten sie doch sein Uebel nicht heilen. Mit tiefem Kummer sehe ich, wie mein liebes Kind mit jedem Tage rascher dem Grabe sich nähert.« Der neue Arzt bat, den Kranken sehen zu dürfen, worauf er in dessen Gemach geführt wurde. Der kranke Königssohn im Bette sah mehr einem Schatten als einem menschlichen Wesen ähnlich; daß er athmete, war das einzige Lebenszeichen, sonst hätte man ihn für eine Leiche halten können. Der Doctor sagte: »Weil sich die Krankheit so sehr in die Länge gezogen hat, ist die Behandlung sehr schwierig geworden, doch gebe ich die Hoffnung noch nicht ganz auf.« Er versprach dann die nöthigen Arzeneien zu bereiten und nach einigen Tagen die Behandlung zu beginnen.

Am andern Tage ging der vermeintliche Doctor, die herrliche Domkirche zu besehen, wie denn jeder Fremde diese schönste Zierde der Stadt in Augenschein nimmt. Nachdem er die Kirche von außen und von innen genugsam betrachtet hatte, zählte er die dritte Bank rechts vom Altar ab, brach die Diele auf, fand dort das von dem Raben angegebene Mäusenest mit den Jungen, band Alles in sein Schnupftuch, brachte die Diele wieder in Ordnung und eilte in seine Wohnung zurück. Hier machte er sich in aller Stille daran, den Gesundheitstrank zu kochen, und ließ ihn dann ein Weile stehen, ehe er die Flüssigkeit durch ein Tuch seihte, worauf er sie in eine Flasche goß. Nach einigen Tagen ging er wieder zum kranken Königssohn, gab ihm einen Löffel voll von dem Krafttrank ein und rieb ihm die Brust damit. Die Kraft des Wundertranks war so stark, daß der Kranke um Mittag zu essen verlangte und ihm auch die vorgesetzte Speise zum ersten Male schmeckte. Der König war über das Verlangen nach Speise anfangs erschrocken; er hielt dasselbe für ein krampfhaftes und meinte, die Todesstunde sei gekommen, in welcher zuweilen die schwersten Kranken Eßlust zeigen. Da aber der weibliche Doctor nichts dagegen hatte, so wurde des Kranken Begehr erfüllt. Als der Königssohn nach dem Essen einige Stunden geschlafen hatte, war sein Aussehen beim Erwachen freundlicher und er sagte, daß er sich stärker fühle. Schon am andern Tage richtete er sich allein im Bette auf, am sechsten Tage aber fühlte er sich stark genug, aufzustehen und sich auf einem Stuhle niederzulassen.

Während er so saß, fielen seine Blicke häufig auf den jungen Doctor, den der alte König nicht eher ziehen lassen wollte, als bis der Sohn sich vollständig erholt habe. Eines Tages sagte der Königssohn seufzend zum Doctor: »Es thut mir herzlich leid, daß Gott euch nicht ein Frauenzimmer hat werden lassen. Mir ist in meinem Leben noch kein schöneres Antlitz vorgekommen als das eurige — ich würde euch gewiß freien, wenn ihr ein Weib wäret.« Der Doctor erwiderte: »Seid zufrieden mit dem, was Gott gemacht hat, und danket ihm dafür, daß ihr von schwerer Krankheit genesen seid. Ihr könnt euch jetzt, da ihr wohlauf seid, jeden Tag aus den edelsten Geschlechtern eine Lebensgefährtin wählen.«

Des Königs Freude über die glückliche Wiederherstellung seines Sohnes war grenzenlos. Er hätte dem Arzte gern das Zehnfache der versprochenen Belohnung gezahlt — der Arzt aber lehnte diese Gnade ab und verlangte keinen größeren Lohn als ein Stück Land in der Gegend des Reiches, wo seine Geburtsstadt stand, und wo der Gatte gefangen saß, wenn ihn der Tod nicht befreit hatte. Die Bitte wurde nicht nur ohne Weiteres zugestanden, sondern der König befahl auch, die Grenzen des geschenkten Landstriches so weit auszudehnen, daß beinahe der vierte Theil des Reiches an Land und Leuten des Doctors Erbeigenthum wurde. Nach einigen Tagen war die Schenkungsurkunde gerichtlich ausgestellt und mit dem königlichen Insiegel bekräftigt. Dann verließ der neue Grundeigenthümer des Königs Palast, nahm dankend Abschied und schlug den Weg nach seinem künftigen Wohnsitz ein.