10. Klugmann in der Tasche.
Ein junger Mann hatte sich einst auf einer Wanderung an einem großen Steine niedergelassen um sein Mittagsbrot zu essen, und nachdem er sich gesättigt hatte, streckte er seine müden Glieder der Länge nach auf den Rasen aus, das Haupt an den Stein lehnend. Im Schlafe wurde er von närrischen Träumen geweckt, es war, als ob ein leises summendes Stimmchen ihm unaufhörlich in's Ohr sang, aber was noch wunderlicher war, auch beim Erwachen verstummte das Gesumme nicht, sondern dauerte noch fort. Es kam dem Manne vor, als wenn das Stimmchen aus dem Steine oder unter demselben hervordränge. Lauschend legte er das Ohr an den Stein und vernahm deutlich, daß das Gesumme da heraus kam. Als er schärfer hinhorchte, konnte er auch allmählich die Worte verstehen: »Glückskind! befreie mich aus der ewig langen Gefangenschaft! Schon siebenhundert Jahre dulde ich durch Zaubermacht hier schwere Pein, die gleichwohl meinem Leben kein Ende macht. Du bist bei Sonnenaufgang am Himmelfahrtstage zur Welt gekommen und du allein kannst mich aus dem Kerker befreien, wenn du nur den guten Willen hast zu helfen.« Der junge Mann antwortete zweifelnden Sinnes: »Wer weiß, ob die Kraft mit dem Willen gleichen Schritt hält! Erzähle mir erst dein Unglück ausführlicher und dann gieb mir an, was ich zu deiner Rettung unternehmen kann?«
Das verborgene Stimmchen sagte: »Schneide da, wo drei Hofgüter zusammenstoßen, einen Ebereschenzweig von Fingersdicke und Spannenlänge, nimm eine Handvoll Bärlapp und Hexenkraut[33], zünde Alles zusammen an und beräuchere damit, indem du neun Mal gegen den Sonnenlauf um den Stein wandelst, den ganzen Stein, so daß auch kein Fleckchen vom Geruche unberührt bleibt: dann werden sich die Pforten meines Kerkers aufthun, so daß ich wieder an's Tageslicht treten und an die Luft kommen kann. Mein Dank für deine Wohlthat soll grenzenlos sein, du sollst durch mich ein großer Herr werden.«
Der Mann stand eine Weile nachdenklich, dann sagte er: »Dem Nächsten in der Noth zu helfen, ist eines jeden Christenmenschen Pflicht, und wenn ich in diesem Augenblicke auch nicht wissen kann, ob du ein guter oder böser Geist bist, so will ich dich dennoch aus deiner Noth befreien. Aber bevor ich das thue, mußt du mir feierlich geloben, daß für keinen Christenmenschen aus deiner Freiwerdung Schaden entstehen wird.« Der im Stein Gefangene gelobte dies eidlich und wiederholte seine Versprechungen in Bezug auf den Rettungslohn. Jetzt ging der Mann in den Wald, um die erforderlichen Hölzer und Kräuter zum Räuchern zu suchen. Zum Glücke wußte er einen Ort, der nicht allzuweit entfernt war und wo die Grenzen von drei Landgütern zusammenstießen. Dennoch dauerte das Aufsuchen der erforderlichen Dinge bis zum Mittag des andern Tages, so daß er erst kurz vor Abend zurück kam.
Bald nach Sonnenuntergang begann er mit der Beräucherung des Steines, ging der Vorschrift gemäß neun Mal gegen Morgen um den Stein herum und trug Sorge, daß auch nicht der kleinste Fleck unberäuchert blieb. Als er eben den neunten Umgang beendigt hatte, erscholl ein plötzlicher Krach, als ob der Erdboden geborsten wäre, in demselben Augenblick hob sich der große Stein und stieg drei Klafter hoch empor. Ein Männlein sprang wie der Wind aus der Grube heraus und lief spornstreichs davon. Er war noch nicht fünf Schritt weit gekommen, so fiel der Stein in seine Vertiefung zurück, den Retter und Geretteten mit Staub und Schutt bedeckend. Dann kam der Gerettete auf seinen Retter zu, umarmte ihn dankend und wollte ihm Hände und Füße küssen, was aber der junge Mann nicht zuließ. Beide setzten sich nun am Steine auf den Rasen nieder und das befreite Männlein begann folgendermaßen seine Lebensgeschichte zu erzählen:
»Ich war zu meiner Zeit ein sehr berühmter Zauberer, that den Leuten viel Gutes und erhielt dafür reichliche Bezahlung. Ich heilte Menschen und Thiere, wenn ihnen etwas zustieß; ebenso vereitelte ich die schädlichen Werke böser Hexen. Deßwegen haßten mich diese und fürchteten mich wie das Feuer, weil ich ihnen in allen Stücken überlegen war. Sie pflogen unter einander vielfältig Rath, wie sie mir Fallstricke legen könnten, aber meine Kunst machte alle ihre Anschläge zu Schanden, so daß mir kein Schaden daraus erwuchs. Endlich legten sie eine Menge Geld zusammen, schickten damit einen verschlagenen Boten nach Nordland und ließen von da einen starken Mona-Zauberer[34] zu Hülfe kommen. Dieser Schelm bemächtigte sich meiner mehr durch List als durch Gewalt, stahl mir heimlich meine Zauberwerkzeuge und sperrte mich unter dem Steine da ein, wo ich so lange Zeit Pein leiden sollte, bis ein Glücksfall einen Mann herführen würde, der am Himmelfahrtsmorgen bei Sonnenaufgang geboren worden. Siebenhundert Jahre hatte ich umsonst auf diesen glücklichen Augenblick gewartet, da kamst du her, erhörtest liebreich meine Bitten und wurdest mein Befreier. Dank, unendlichen Dank dir für diese Wohlthat; so lange meine Lebenstage dauern, will ich dir danken. Ich will dir ohne Lohn Tag und Nacht dienen, alle meine Stärke und Klugheit zu deiner Beglückung aufwenden, bis ich dich so hoch erhoben habe, als ein Sterblicher nur steigen kann. Erst wenn ich dir dieses Gelöbniß erfüllt habe, will ich dich mir selbst zu Hülfe rufen, um mit deinem Beistande meinem Feinde seine Bosheit zu vergelten, sollte ein glücklicher Zufall ihn mir vor Augen bringen. Bis zu dem Tage will ich mich vor den Augen der Menschen verborgen halten, damit meine Feinde nichts von meiner Befreiung erfahren. Ich vermag durch Zauberkraft mich in jede beliebige Gestalt zu verwandeln, sie sei groß oder klein. Um dir nun nicht beschwerlich zu fallen, will ich mich in einen Floh verwandeln und in deiner Hosentasche wohnen. Wenn du irgend je meiner Hülfe und meines Rathes bedarfst, so komme ich aus der Tasche hervor und springe dir hinter's Ohr, um dir zu rathen, was du vornehmen sollst. Um meinen Lebensunterhalt darfst du dir keine Sorge machen: ich habe siebenhundert Jahre ohne Nahrung unter dem Steine zugebracht, was sollte mir denn in freier Luft und im Sonnenschein fehlen? Jetzt wollen wir uns schlafen legen und morgen früh mit einander aufbrechen, um unser Glück zu versuchen.«
Als der Geist oder Zauberer — oder wer er sonst sein mochte — seine Erzählung beendet hatte, nahm der junge Mann ein wenig Abendbrot zu sich und legte sich zur Ruhe. Als er am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch über dem Horizont, aber der Gefährte von gestern Abend war nirgends zu sehen. Noch im Schlafe befangen, wußte der junge Mann nicht, was er von der Sache halten sollte: ob die gestrigen Ereignisse ihm wirklich begegnet, oder blos ein nächtliches Traumgesicht gewesen seien? Nachdem er gefrühstückt, wollte er sich eben auf den Weg machen, als drei Wandrer desselben Wegs daher kamen. Sie waren gekleidet wie Handwerksburschen und trugen lederne Ranzen an Riemen auf dem Rücken. Plötzlich fühlte unser junger Freund ein Kitzeln hinter dem Ohr und es drang ihm wie ein feines Mückengesumme in's Gehirn: »Berede die Wanderer, sich auszuruhen und erkunde von ihnen, wohin sie wollen.« Jetzt erst fiel es ihm ein, welch' ein Abkommen sein Gefährte mit ihm getroffen durch das Versprechen, sich in der Hosentasche aufzuhalten und sein Rathgeber zu sein. Die gestrigen Ereignisse waren also kein Traum gewesen.
Der Flohträger trat nun grüßend auf die Herankommenden zu, und lud sie freundlich ein, am Steine niederzusitzen, um dann selbviert mit einander weiter zu gehen, falls sie einen und denselben Weg hätten. Die wandernden Handwerksburschen erzählten ihm dann, was für ein großes Unglück in der Königsstadt vor einigen Tagen sich begeben habe, da des Königs einzige Tochter beim Baden im Flusse ertrunken sei, und obwohl das Wasser dort gar keine Tiefe habe, so sei doch unmöglich den Leichnam aufzufinden, so daß es den Anschein habe, als sei die Königstochter im Wasser zerflossen. Der Flohträger fühlte wiederum das bekannte Kitzeln und sein heimlicher Rathgeber summte ihm in's Ohr: »Gehe mit ihnen, du kannst dort dein Glück machen.« Der Hörer that, wie ihm geheißen und gesellte sich ihnen zu.
Als sie schon eine gute Strecke zurückgelegt hatten, führte ihr Weg sie durch einen dichten Kiefernwald, wo ein alter zerfetzter Kober am Rande eines Grabens auf der Landstraße lag. Der Ohrkitzler sagte: »Nimm den alten Kober auf, er wird euch auf der Reise von Nutzen sein!« Wenn gleich der Mann dieser Versicherung kaum Glauben schenkte, hob er doch den fast auseinanderfallenden Kober auf, hing ihn um und sagte scherzend: »Der Mensch muß nichts verachten, was er zufällig am Wege findet, wer weiß, was uns der Koberfetzen für Nutzen bringen kann.« Die Gefährten erwiderten lachend: »Unserthalben nimm ihn, wenn du magst, wenigstens wird ein leerer Kober deine Schultern nicht ermüden.« Wohl sollten sie einige Stunden später die geheime Kraft des Kobers kennen lernen und dem Manne danken, der das verachtete Ding aufgehoben hatte.
Die brennende Mittagssonne hatte den Männern zum Dampfen heiß gemacht; sie setzten sich unter einen breiten astreichen Baum um auszuruhen und wollten eben einen Bissen Brot zu sich nehmen, wie ihn jeder in seinem Sacke mit sich führte, als der Ohrkitzler seinem Wirthe zuraunte: »Befiehl dem Kober, euch zu essen zu geben!« — Der Mann dachte: will er mich zum Besten haben, warum soll ich Andere verschonen? ich will ihnen auch einen Possen spielen. Er nahm den Koberfetzen vom Halse, stellte ihn vor sich auf den Rasen hin, klopfte mit seinem Stocke darauf und rief: »Koberchen! Koberchen! schaff uns Speise!« Hat man auf der Welt etwas Wunderbareres gesehen oder gehört, als was jetzt geschah? Aus dem Spaße wurde sofort Ernst. Anstatt des Kobers stand ein kleiner mit weißem Leinen gedeckter Eßtisch da, der war ganz mit vollen Schüsseln besetzt, vier Löffel lagen daneben; und was für Leckerbissen gab es da! Eine Suppe von frischem Fleische, Schweinebraten, Würste, Kuchen von gebeuteltem Mehle, dann zur Löschung des Durstes Flaschen mit Bier, Wein und Meth. Die Männer griffen ungebeten zu, als säßen sie an einer Hochzeitstafel, denn all' ihr Lebtage hatten sie keine besseren Gerichte gekostet. Als sie satt waren und Keines mehr Speise und Trank begehrte, verschwand der Tisch so plötzlich, wie er gekommen war und blieb nichts zurück, als der alte Kober. Hatten die drei anfangs den Koberträger verlacht, so hätte jetzt jeder gern das kostbare Geschenk auf den Rücken genommen, so daß schon ein Zank darüber auszubrechen drohte. Da sagte der Finder: »Ich habe das schlechte Ding aufgehoben, darum bin ich auch berechtigt, mich für den Eigenthümer zu halten.« Die andern wagten nicht, seine Behauptung Lügen zu strafen, sondern mußten den Kober seinem Finder überlassen. Doch sollte der Nahrungsspender nicht mehr so wie früher am Halse getragen werden, sondern einer der Wanderer, ein gelernter Schneider, nahm Nadel und Zwirn aus seinem Ranzen und machte aus einem Brotsacke einen Ueberzug für den Kober, in welchen dieser vorsichtig eingehüllt wurde, damit er unterwegs nicht beschädigt würde.