Der Mann gesellte sich sogleich zu den tanzenden Mädchen, aber es dauerte eine Weile, ehe er die Bandträgerin herausgefunden hatte; es war eine lange, kraushaarige Dirne, welcher die Bursche nicht viel Zeit zum Ausruhen gönnten. Als der Gebieter des in seiner Tasche steckenden Zauberers einen Augenblick erspäht hatte, wo das Mädchen aus dem Arme eines Tänzers frei geworden war, forderte er es zum Tanze auf. Mitten im raschesten Tanz ergriff er mit der rechten Hand das bunte Halsband und riß es entzwei, so daß die Stücke weit auseinander flogen. Ein gräuliches Wehgeheul — und das Mädchen war verschwunden. Die Leute erschraken über das häßliche Geschrei und sahen dann, wie ein grauer Mann mit einem Ziegenbart in großer Eile in den Wald hinein lief, ein anderer etwas längerer Mann aber dem Flüchtigen hart auf den Fersen war, so daß jener schwerlich hoffen konnte, zu entkommen. Die Entfernung und die Abenddämmerung entzogen Beide den Augen der Anwesenden, weßhalb nach einer Weile die jungen Leute die Lustbarkeit fortsetzten, als ob keine Unterbrechung eingetreten wäre.
Unser Freund sah dem Treiben des jungen Volkes noch eine Weile zu und ging dann fürbaß, um ein ruhiges Nachtlager aufzusuchen. Nicht gar weit vom Dorfe hörte er Jemanden mit raschen Schritten hinter sich herkommen. Als er sich umsah, erblickte er einen ihm unbekannten fremden Mann. »Warte Brüderchen!« rief der fremde Mann. »Ich gehe mit dir. Kennst du mich nicht mehr?« — Eine kurze Frist hat hingereicht, mich zum starken Manne zu zeitigen, der dir fremd geworden ist, und doch bin ich noch dein Schuldner dafür, daß du mich aus dem siebenhundertjährigen Kerker befreit und heute meinen schlimmsten Feind in meine Gewalt gebracht hast, so daß ich nicht mehr in deiner Hosentasche mich zu verstecken brauche.« Darauf erzählte er seinem Retter, wie er seinen Feind im Walde in Fesseln gelegt habe, welche ihm das Entrinnen unmöglich machten, weil mit dem zerrissenen Zauberbande, das eine lebendige Schlange gewesen, all' seine Wunderkraft auf einmal ein Ende genommen. Er wollte jetzt den Feind noch manchen Tag durchwalken lassen, bis er den Ort angeben werde, wo er vor siebenhundert Jahren drei Königstöchter und einen unermeßlichen Schatz verborgen habe. »Wenn wir die Jungfrauen auffinden und es dir gelingt, sie aus ihrem Zauberschlafe zu erwecken, so wirst du ein überaus reicher und glücklicher Mann werden.« Als er damit seine umständliche Erzählung geschlossen hatte, speisten sie mit einander aus dem Kober und legten sich dann zur Ruhe.
Am andern Morgen gingen sie in den Wald, um nach dem gefangenen Zauberer zu sehen. Da stand das unglückliche Männlein, Hände und Füße mit starken Stricken zusammengebunden und einen starken Klotz zwischen den Knien, so daß er sich wie ein Igel krümmte und sich nicht von der Stelle rühren konnte. Der siegreiche Zauberer rief gebieterisch: »Knüttel aus dem Kober!« Alsbald sprang der Knüttel dem gebundenen Manne auf den Rücken und begann ihn durchzudreschen, als wollte er alle Glieder zu Brei stampfen. Der Hexenmeister bat um Gnade und versprach zu bekennen. Als er nun aber nach den Königstöchtern und dem Schatze befragt wurde, sagte er, er habe den Ort schon lange vergessen. Da wurde denn der Knüttel abermals beordert, an die Arbeit zu gehen! Da der Hexenvater nun alle Hoffnung auf Entrinnen fahren lassen mußte, nannte er endlich den Ort, wo die Königstöchter und der Schatz verborgen seien. Der Zauberer sagte: »Bis wir sie aufgefunden haben, mußt du mein Gefangener bleiben, doch darf ich dich nicht hier lassen, wo dich zufällig der Eine oder der Andere finden und aus Barmherzigkeit deine Bande lösen könnte.« Mit diesen Worten nahm er das Männlein wie eine Hedekunkel auf den Rücken und trug es an die Mündung einer Schlucht, in welche er es hinunter schleuderte, daß die Knochen krachten. »Da warte unsere Rückkehr ab,« spottete der Zauberer. Seinem Gefährten eröffnete er dann, daß sie, da der genannte Ort zu weit entfernt sei, nur durch Zauberkraft dahin gelangen könnten und sich des Kobers als Fuhrwerks bedienen müßten. Auf seinen Befehl verwandelte sich der Kober in ein kleines Boot, auf dessen Boden gerade zwei Männer Platz genug hatten, zu sitzen oder ausgestreckt zu schlafen. Das Boot hatte auf beiden Seiten Flügel von zwei Klafter Länge. Als die Männer sich eingesetzt hatten, erhob sich das Boot mit ihnen bis zu der Höhe der untersten Wolkenschicht und nahm seinen Flug gen Süden. Speise und Trank gab ihnen das fliegende Boot täglich auf des Zauberers Befehl nicht minder als das frühere Koberchen: sie litten also an nichts Mangel, noch weniger wurden sie müde in ihrem fliegenden Schiffchen, das Tag und Nacht unaufhaltsam weiter eilte.
Die Luftfahrer waren auf diese Weise schon über eine Woche südwärts gezogen, als der Zauberer dem Boote befahl, sich niederzulassen. Dies geschah auf einer weiten, brennenden Sandwüste, wo nichts weiter zu sehen war, als einige Steinhaufen von einer alten Ofenstelle. Der Zauberer verwandelte jetzt das Boot wieder in den Kober und hing diesen seinem Gefährten mit den Worten um: »Du hast noch einige Tagereisen vor dir, ich darf dich aber nicht begleiten.« Darauf entfernte er den am Fuße eines Mauerstücks liegenden Sand und nach einem Weilchen kam eine Fallthür zum Vorschein. Als er diese aufhob, wurde eine Treppe sichtbar. Jetzt fing der Zauberer eine große Schmeißfliege, und that sie in ein Schächtelchen, das der Mann in seinen Busen stecken mußte. Dazu gab ihm der Zauberer die Belehrung: »Wenn du gefragt wirst, wer die eine oder die andere Königstochter sei, dann entlaß die Schmeißfliege aus dem Schächtelchen und gieb Acht, zu welcher sie hinfliegt. Die dadurch von ihr angezeigte Jungfrau kannst du dreist für diejenige ausgeben, nach welcher man dich gefragt hat.« Darauf hin machte der Mann sich auf den Weg, mochte es nun wohl oder übel ablaufen.
Er war nach seiner Rechnung schon mehrere Stunden[37] auf der finsteren Treppe hinuntergestiegen, als er Ermüdung und Hunger verspürte. Er setzte sich auf eine Stufe, stärkte sich mit Speise und Trank, ruhte einige Stunden und ging wieder weiter. Nach kurzer Zeit traf ein Lichtschimmer sein Auge und nach einer halben Stunde befand er sich auf einem ihm fremden Platze, wo ein stattliches Königshaus sich zeigte. Der Mann schritt darauf zu. Vor dem Eingange kam ein kleiner Alter mit grauem Haupt und Bart ihm entgegen und sagte: »Komm nur, Brüderchen, und versuche dein Heil! Wenn du mir richtig angeben kannst, welche des Königs jüngste Tochter ist, so fasse sie nur bei der Hand und die Schlafenden werden sofort erwachen. Wenn du dich aber irrst, so fällst du in denselben Schlaf, wie sie.« Als der Mann nun eintrat, nahm er das Schächtelchen aus dem Busen und folgte dem Alten, bis sie zur dritten Kammer kamen. Da schliefen auf prächtigem Seidenbette drei herrliche Jungfrauen, die, man mochte sie noch so genau betrachten, einander so ähnlich sahen, daß nicht das geringste Merkmal verrieth, welche von ihnen die jüngste und welche die älteste sei. Als der Mann die Schläferinnen eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, ohne dadurch Gewißheit zu erlangen, ließ er die Schmeißfliege aus dem Schächtelchen heraus. Die Fliege flog einige Male im Zimmer umher und ließ sich dann auf die Stirn der in der Mitte liegenden Jungfrau nieder. Nun trat der Mann näher, faßte die Jungfrau bei der Hand und sagte: »Das ist die jüngste Schwester.« Augenblicklich erwachten die Königstöchter und erhoben sich und die jüngste fiel ihrem Retter um den Hals mit den Worten: »Liebster Bräutigam, sei willkommen, der du uns aus dem langen Zauberschlafe erweckt hast! Aber jetzt müssen wir nach Hause eilen.«
Auf dem Rückwege fand unser Freund die frühere Treppe nicht mehr, sondern nachdem sie eine Weile tastend in der finstern Höhle ihren Weg gesucht hatten, drang helles Tageslicht herein. Anstatt der vorigen Sandwüste lagen schöne mit Gras und Blumen bedeckte Wiesen da und statt des alten Gemäuers ein stattliches Königsschloß mit einer großen Stadt. Der Zauberer trat ihnen entgegen, nahm seinen Befreier bei der Hand und führte ihn etwas abseits an eine Stelle, wo ein kleiner klarer Teich im Schatten eines Gebüsches lag. »Blicke in's Wasser,« gebot der Zauberer. Als der Jüngling es that, besorgte er, daß seine eigenen Augen ihm ein Blendwerk vorspiegelten. Sein Antlitz war wohl noch das frühere, aber der prächtige königliche Anzug von Seide, Sammet und Gold war ein ganz anderer. »Wer hat mir das auf meinen Leib geschafft?« fragte der Jüngling. Der Zauberer erwiderte: »Das war des Koberchens letzte Arbeit für dich. Fortan wirst du weder seiner noch meiner Hülfe mehr bedürfen, weil du binnen einigen Tagen zum Schwiegersohne des Königs und später, wenn der Alte seine müden Augen geschlossen hat, statt seiner zum Könige erhoben wirst. Damit hoffe ich dir meine Schuld abgetragen zu haben.« — »Mehr als tausendfach!« rief der Mann freudig aus, worauf sie Abschied nahmen und sich trennten.
Nach einigen Tagen war die Hochzeit des königlichen Schwiegersohnes und als nach einem Jahre der König zu Grabe getragen war, wurde der Schwiegersohn König und muß noch gegenwärtig regieren, wenn ihn der Tod nicht zu seiner Ruhestätte gebracht hat.