Als die Männer noch immer voll Verwunderung in die Helle starrten, trat hinter der Wand eine junge Dame hervor, herrlicher zu schauen als die schönste Blume, in hellseidenen Kleidern und eine fingerdicke goldene Kette um den Hals; sie reichte den Männern freundlich die Hand und sagte: »Ich danke euch von ganzem Herzen, daß ihr mich aus der Haft erlöst habt, in welche ein böser Zauberer mich gebannt hatte.« Dann kam eine andere nicht minder schöne Dame hinter der Wand hervor, dankte wie die erste und fügte hinzu: »Nun macht auch unsern Schatz frei, der in des Hexenmeisters Keller liegt.« Die Männer baten, ihnen den Weg zu zeigen und machten sich auf, um die Schatzkammer zu leeren. Die Jungfrauen aber fielen einander um den Hals und weinten vor Freuden. Dann erzählten sie den Männern, sie seien eines reichen Königs Töchter, und von ihrer Stiefmutter, welche den eigenen Kindern den Schatz zuwenden wollte, durch Zauberkraft hier eingesperrt und in Hunde verwandelt worden, so daß die ältere als einköpfiger, die jüngere als zweiköpfiger Hund die Schatzkammer zu hüten hatten. Die Zauberknoten seien so geschürzt gewesen, daß sobald ein Sterblicher die Hunde todt schlüge, die Königstöchter erlöst wären. In der Schatzkammer, sagten sie, lägen Gold und Silber in großen Massen, aber ein durch Zaubermacht starker Bär sei als Wächter vor die Thür gestellt. Die Männer hatten Muth genug, das grausige Wagestück zu unternehmen; sie kamen deßhalb überein, daß der junge Mann mit seinem Knüttel dem Bären in die Augen stoßen solle, während der Schmied ihm auf den Rücken springen und von dort aus mit seinem Hammer den Kopf bearbeiten werde. Doch zeigte sich die Aufgabe viel schwerer, als sie sich vorgestellt hatten, und es verging wohl eine Stunde, ehe sie des Feindes Herr wurden. Die Männer waren beide blutig gekratzt. Als der Bär zu Boden fiel, erfolgte plötzlich ein Krach, als wäre die Erde unter ihren Füßen geborsten. Die hintere Mauerwand sank ein und die Männer erblickten jetzt die Kasten, welche den Schatz enthielten; neben den mit Gold und Silber gefüllten Kasten lagen so viel Spangen und Silberperlen aufgestapelt, daß man damit allein schon mehr als ein Pferd hätte beladen können. Ein junger Mann in prächtigen Kleidern trat hinter dem Kasten hervor, grüßte und dankte für seine Erlösung, auch er war ein Königssohn, welchen ein Zauberer in einen Bären verwandelt und als Wächter seines Schatzes hingestellt hatte. »Dem Vater im Himmel, der euch hierher geführt hat, sei Dank!« — sagte der Königssohn. »Der alte Zauberer, der die Gestalt des dreiköpfigen Hundes angenommen hatte, hat jetzt keine Macht mehr über uns, weil ihm die beiden Köpfe, in denen seine stärkste Zauberkraft steckte, abgehauen sind. Jetzt wollen wir seinen Schatz unter einander theilen, und da wird einem Jeden von uns so viel zufallen, daß er genug hat.« Die Königstöchter gaben dem Edelfräulein von ihren Kleidern so viel es brauchte, dann wurde die Theilung des Schatzes vorgenommen, mit welcher sie über eine Woche zubrachten.
Als die Theilung beendigt war, kam der kleine alte Mann und freute sich, daß Alles so gut abgelaufen war. Dann sagte er: »Jetzt darf ich euch alle Geheimnisse enthüllen, die bis heute verborgen blieben. Du — so sprach er zu unserem jungen Manne — bist eben so gut ein Königssohn, wie die andern hier Königskinder sind. Böse Menschen stahlen dich als Kind aus der Behausung deiner Eltern, denn da du das einzige Kind warst, hofften sie durch diesen Frevel nach dem Tode des alten Königs sich der Herrschaft bemächtigen zu können. Ich war von deiner Geburt an dein Beschützer und trug stets Sorge, daß dir in dem Bauerhause nichts schlimmes widerfahre. Wiewohl dein Auge mich nicht sah, war ich doch Nacht und Tag um dich. Als du dann später auf die Wanderung gingst, wollte ich dein innerstes Herz erforschen, darum verwandelte ich mich in den verwundeten Mann, dem du im Walde zu Hülfe kamst, und schenkte dir das Strömlings-Schächtelchen, das nie leer werden durfte. In Hundsgestalt führte ich dich dann zu der geplünderten Dame und endlich in diese Schloßruine, wo das Glück deiner wartete. Jetzt wählt euch Jeder eine Lebensgefährtin nach eures Herzens Trieb, denn Reichthümer habt ihr ja mehr als genug.«
Darauf freite der aus dem erschlagenen Bären hervorgegangene Königssohn die eine und der in der Bauerhütte aufgewachsene Königssohn die andere Königstochter; des reichen Gutsherrn Tochter gab Herz und Hand dem Schmiedegesellen. Der als Findling aufgewachsene Königssohn schickte seinen Pflegeeltern die Hälfte seines Schatzes, so daß diese mit einem Male reiche Leute wurden, welche ihren Kindern und Kindeskindern ein großes Vermögen vererben konnten.
13. Wie sieben Schneider in den Türkenkrieg zogen.
Es lebten einmal in alten Zeiten sieben Schneider, denen das Nadeln zuwider geworden war: sie wollten höher hinaus. Von manchen tapferen Helden hatten sie erzählen hören und dann vernommen, daß im Türkenlande ein großer Krieg angebrochen sei und daß wackere Männer dahin gesucht würden. Bei dieser Nachricht schwoll unseren Männlein der Kamm, sie wollten zu Felde ziehen um sich die Sporen zu verdienen; und redeten darum untereinander wie folgt: »Wir stehen wohl auch unsern Mann! Bislang haben wir friedlich Löcher in's Zeug gestochen, gehen wir jetzt mit stärkerem Spieß des Feindes Leiber zu durchbohren!« Sie ließen sich nun einen langen Lanzenschaft aus dem stärksten Eichenholz machen, dann vom Schmiede ihre sieben Scheeren zusammenschweißen, zu einer Lanzenspitze zurechthämmern und an das Ende des Schafts festklopfen. Ehe sie sich auf den Weg machten, wurde geloost, wer von ihnen Obermann werden und als Führer[40] vorangehen solle. Als das Loos entschieden hatte, stellten sie sich in eine Reihe und nahmen gemeinschaftlich die schwere Lanze auf ihre Schultern, weil eben Einem die Last zu schwer geworden wäre. Der Erste, der durch's Loos gewählte Hauptmann, der die scharfe Spitze der Lanze trug, wurde Nasenmann genannt, weil seine Nase den Andern den Weg zeigen sollte. Die fünf Folgenden erhielten die Namen: Einkraftmann, Zweikraftmann, Dreikraftmann, Vierkraftmann und Fünfkraftmann, was freilich nicht bedeuten sollte, daß Einer von ihnen die Kraft von drei oder vier Männern gehabt hätte, sondern nur anzeigen, in welcher Reihenfolge sie marschiren müßten, damit gar keine Irrung entstehen könnte. Der Siebente wurde Schwanzmann genannt, weil das hintere Ende des Lanzenschafts auf seiner Schulter lag; die Kraftmänner aber mußten auch noch abwechselnd den Brotsack tragen, der eine ein Drittel des Tages, der andere das zweite Drittel und so weiter bis zum sechsten. Ueberdies hatte Jeder ein Preßeisen in der Tasche, damit nicht auf offenem Felde der starke Wind sie vom Wege fortblasen könnte. Es versteht sich übrigens von selbst, daß die Männer alle eben so klug wie beherzt waren, da sie wohl sonst nicht gewagt hätten, eine so große Sache zu unternehmen, die ihnen auf jedem Schritte den Tod bringen konnte.
So zum Kriege gerüstet zogen alle sieben Männer an einem schönen Sommermorgen aus, nahmen zu rechter Zeit Frühstück und Mittagsmahl, ruhten dazwischen im Schatten der Gebüsche aus, eilten dann wieder weiter und wollten, wenn sie Jemandem begegneten, nach dem besten Wege in's Türkenland sich erkundigen. Als sie so über Feld gingen, sah der Nasenmann und sahen auch die Andern einen Bauerhof unweit der Straße, und es wurde sofort beschlossen zwei Männer auf Kundschaft auszuschicken, ob man da nicht noch Mundvorrath für die Reise bekommen könnte. Dreikraftmann und Fünfkraftmann gingen hin um nachzusehen. Als sie zurück kamen, erzählten sie den Andern, daß sie auf dem Hofe nichts weiter gefunden als drei Weiber und einige Kinder, von Männern nirgends eine Spur. Der Nasenmann sagte: »Kriegsleute müssen Muth haben, also gerade auf den Feind los, und wenn er noch so stark ist!« Die Männer stießen ein Freudengeschrei aus und stürmten auf den Bauerhof los. Als die Weiber die sieben Männer und die lange Lanze sahen, erschraken sie wohl im ersten Augenblick, aber ein Mütterchen, das natürlichen Scharfblick besaß, merkte sogleich, was für Männlein die Andringenden wären, und sagte deshalb zu den andern Weibern: »Diese Feinde jagen wir mit dem Besenstiel zum Hofe hinaus!« — nahm einen Besenstiel in die Hand, während ein andres Weib eine Mistgabel, ein drittes eine Brotschaufel ergriff und so stellten sie sich vor die Thür, den Feind erwartend. »Halt, Brüderchen!« rief der Nasenmann, die Klugheit muß zuweilen den übermäßigen Muth zügeln, sonst könnte es Unglück geben; wir haben nur eine Waffe, sie aber drei und viele Hunde sind endlich auch des Bären Tod. Kehren wir lieber um.« Die Andern fanden des Hauptmanns Rath lobenswerth und machten sich deshalb so rasch davon, als ob sie Feuer in den Taschen hätten. Als der Schwanzmann nach einiger Zeit es wagte, über die Schulter zurückzublicken, sah er, daß ihnen kein Feind mehr auf der Ferse sei; da hemmte man den Lauf und zog langsam weiter.
Am Abend gegen Sonnenuntergang flog ein Mistkäfer über die Kriegsmänner hin; sie hörten das Gesumme seiner Flügel, welches in der Abendstille so fürchterlich klang, daß die Männer schauderten. Der Nasenmann rief: »Brüderchen, der Feind kommt über uns, ich höre schon sein Dröhnen!« Mit diesen Worten ließ er die Lanzenspitze von der Schulter gleiten und lief mit Blitzesschnelle davon. Die Andern dachten: unser Leben ist auch nicht zäher als seines! warfen die Lanze von den Schultern und nahmen, wie ihr Hauptmann, die Flucht, der eine hierhin, der andere dorthin, wie es sich gerade traf. Der Nasenmann hatte eine leere Heuscheune gesehen und lief darauf zu, um eine Zufluchtsstätte zu finden; als er aber hineinsprang, bemerkte er nicht, daß ein Rechen am Boden lag, der, als sein Fuß unversehens die Pflöcke berührte, in die Höhe schnellte und mit dem Stiele gegen sein Gesicht schlug. »Habt Erbarmen, oder führt mich in's Gefängniß!« — bat Nasenmann — »aber laßt mich leben!« er hielt nämlich das Anprallen des Stiels für einen Schlag des Feindes. Nach einer Weile, als Alles um ihn her still blieb, glaubte er, der Feind habe sich zurückgezogen und wagte nun die Scheune zu verlassen. Inzwischen hatte nächtliches Dunkel sich über die Gegend gelagert, wo sollte er jetzt seine Gefährten auffinden? Sie zu rufen, wagte er nicht, denn auch die Feinde hätten seine Stimme hören können. Dieselbe Furcht verschloß den andern Männern den Mund, so daß keiner ein Zeichen zu geben wagte. Dreikraftmann, der in einen Strauch von wilden Rosen gerathen war, konnte jedoch das Stechen der Dornen nicht länger aushalten, sondern fing an bitterlich zu weinen und den Feind, von dessen Lanzenspitzen er sich gequält glaubte, um Gnade zu bitten. »Gnade, Gnade, lieben Leute! es wäre schon an einer Lanze übergenug, warum stecht ihr mich mit so vielen?« Als die Feinde aber nicht darauf hörten, nahm er Reißaus, bis er über den Schwanzmann stolperte und hinfiel, aber Beide wagten sich nicht weiter zu rühren, sondern dachten, wenn wir still bleiben, halten uns die Feinde für todt. So lagen Beide bis zum Morgen, wo sie erst beim Schein der Morgenröthe inne wurden, daß sie Freunde seien.
Da nun ringsum nirgends mehr eine Spur vom Feinde zu erblicken war, so riefen sie auch den Uebrigen zu, die dann auch einer nach dem andern herankamen. Keiner von Allen hatte soviel Schaden genommen, wie Dreikraftmann, dessen Körper an vielen Stellen zerkratzt war. Nasenmann sagte: »Ich weiß zwar nicht, wo ich verwundet bin, aber am Blutfluß merke ich, daß ich Schaden genommen habe, denn meine Hosen sind voll Blut.« Als man nachsah, fand sich, daß das Blut eine bräunlich-gelbe Farbe hatte und Vierkraftmann sagte: »Der Geruch ist übler, als der von Blut.« Nasenmann ging, seine Hose zu reinigen und dankte seinem Glücke, als er sah, daß er nirgends eine Wunde hatte. Darauf beschlossen die Männer einmüthig, von ihren ersten Kriegsdrangsalen zu Hause nichts zu sagen.
Als die Lanze wieder aufgefunden war, setzten sich Alle nieder, um sich durch einen Imbiß zu stärken, ehe sie weiter zögen. Da fiel es dem Nasenmann ein, die Kriegsleute zu überzählen, um zu sehen, ob der zweimalige Zusammenstoß Verluste gebracht habe? Es fand sich, daß ein Mann fehlte; die Andern zählten ebenfalls, Jeder der Reihe nach, und Keiner brachte mehr als sechs heraus, der siebente war verschwunden. Sie zählten so: Ich bin ich, dann eins, zwei, drei bis zum sechsten. Wer von ihnen nun aber verloren gegangen war, konnte Niemand sagen. Endlich kam einem von ihnen ein gescheidter Gedanke wie angeblasen. Er sah am Boden einen kleinen Misthaufen und sagte zu den Kameraden, wenn jeder seine Nase hineinsteckte, so könnte man sehen, wie viel Löcher dadurch entstanden wären. Sie thaten es und als man darauf die Nasenspuren nachzählte, da fanden sich — o Freude — alle sieben; Niemand aber konnte begreifen, woher der Irrthum gekommen, daß man beim Zählen nur sechs herausgebracht.