Die junge Königin brachte im ersten Wochenbette sechs Söhne auf einmal zur Welt, lauter muntere und gesunde Kinder. Der König war gerade damals, als seine Gemahlin in die Wochen kam, von Hause abwesend, darum wurde ein Diener abgeschickt, der dem Könige die Botschaft bringen, und ein anderer, der den Kindern eine Amme suchen sollte. Die ältere Schwester der Königin dang nun um hohen Preis eine Hexenmeisterin, welche die Kinder verderben oder heimlich bei Seite schaffen sollte, so daß der König deshalb einen Haß auf seine Gemahlin werfen müßte. Die Hexenmeisterin verwandelte sich in ein junges Weib und kam wie von Ungefähr dem die Amme suchenden Diener entgegen, zu dem sie so sprach: »Ich bin schon öfter Amme bei Kindern hochgeborner Deutschen und vornehmer Leute gewesen, führt mich also nur zur Frau Königin, weil sie nirgends eine bessere Amme finden kann.« So wurde das böse Geschöpf zur Königin geführt, deren Seele keine Ahnung davon hatte, daß ihre Schwester dieses Weib zu einer Frevelthat gedungen hatte.
Nachts, als die Königin schlief, nahm die alte Hexe heimlich die sechs Knaben aus der Wiege, übergab sie dem »alten Burschen« und legte sechs junge Hunde an die Stelle der Kinder. Als der König nach Hause kam und diese jungen Hunde sah, welche seine Gemahlin, wie man ihm sagte, zur Welt gebracht habe, entbrannte er in heißem Zorne, so daß er befahl: die Gemahlin sammt den jungen Hunden um's Leben zu bringen. Da aber die Königin ein frommes und mildherziges Menschenkind war, so begaben sich die Unterthanen in Masse zum Könige, um seine Verzeihung zu erbitten: »Um einer einzigen Schuld willen dürfe man doch einen Menschen nicht gleich mit dem Tode strafen!« Der König gab ihrer Bitte Gehör und verzieh seiner Gattin für dies Mal.
Aber schon im nächsten Wochenbette sollte eine neue Schuld auf die arme Frau fallen. Zum Unglück traf es sich, daß der König wiederum in fremden Landen war, als für seine Gemahlin die Zeit der Niederkunft herannahte. Die Königin brachte drei gesunde Knaben zur Welt, und als man ging den Kindern eine Amme zu suchen, kam die Hexenmeisterin wieder des Weges daher und bot sich zur Amme an. Damit die Königin sie nicht erkennen und abweisen sollte, hatte sie eine andere Gestalt angenommen. Dennoch sträubte sich das Herz der Mutter sie zuzulassen, und sie mußte sich halb mit Gewalt als Amme aufdrängen. In der Nacht, als die Mutter schlief, ging die Vertauschung der Kinder ganz wie das erste Mal vor sich: die drei Knaben wurden dem alten Burschen übergeben und statt ihrer drei junge Hunde in die Wiege gesetzt. Als der König heimkehrt, läßt er die Hunde tödten und will auch seiner Gemahlin das Todesurtheil sprechen. Da hebt die Königin unter bitteren Thränen an zu flehen: »Meine Seele ist rein von Schuld, wenn ich auch nicht begreife, wie es mit der wunderbaren Begebenheit zugeht! Ich sah mit meinen Augen, wie ich das erste Mal sechs und das zweite Mal drei gesunde Knaben zur Welt brachte, an deren Stelle nachher junge Hunde in der Wiege gefunden wurden.« Die ganze Dienerschaft bezeugte die Wahrheit dieser Aussage und bat einstimmig um Gnade. Sie sagten: Bei einem so wunderbaren Ereigniß muß das irdische Gericht auch ein zweites Mal verzeihen, weil Gott allein das Geheimniß durchschauen kann. Sollte aber die Sache zum dritten Male vorkommen, dann dürft ihr eurer Gemahlin weiter keine Gnade angedeihen lassen, sie muß dann für ihre Schuld büßen.« Der König gab der Bitte seiner Frau und seiner Unterthanen abermals Gehör und verzieh.
Im dritten Wochenbette brachte die Königin wiederum drei Knaben zur Welt. Die Geburt erfolgte um Mitternacht und da das Gemach dunkel war, so nahm die Wöchnerin heimlich einen Knaben und versteckte ihn in den Bettkissen, so daß keines Menschen Seele von diesem Kinde eine Ahnung hatte. Diejenigen, welche eine Amme suchten, stießen wie das erste und zweite Mal auf die Hexenmeisterin, die ihnen aus dem Walde entgegenkam, und nahmen sie an. Nächtlicher Weile vertauschte nun die Amme die beiden Knaben gegen junge Hunde und brachte die Knaben dem »alten Burschen«. Als der König die Hunde erblickte, entbrannte sein Zorn und er befahl sie sogleich zu tödten. Da holte die Königin ihren versteckt gehaltenen Sohn hervor und sagte: »Alle Kinder die ich geboren habe, glichen diesem. Welche Gewalt sie verwandelt hat, ist mir unbekannt.« Aber der König fuhr zornig auf: »Wenn mir eilf Knaben zu Schanden geworden sind, so verlohnt es sich nicht um dieses einzigen willen die Mutter am Leben zu lassen. Besser sie wird sammt dem Kinde umgebracht, damit mir nicht abermals ein solcher Verdruß entstehe!« Darauf ließ er die Richter zusammenkommen und fragte sie um ihre Meinung, welche Todesart über die Frau zu verhängen sei. Die Richter gaben diesen Bescheid: »Es ist schrecklich ein menschliches Wesen zu verbrennen, nicht minder schrecklich, ihm einen Strick um den Hals zu legen und es am Galgen aufzuhängen, noch entsetzlicher aber, es mit dem Schwerte hinzurichten. Machen wir lieber ein eisernes Bette mit hohen Kanten, legen Mutter und Sohn hinein und lassen Beide in diesem Bette auf's Meer hinausbringen und sie dort in die Fluth stürzen.« Dieser Rath gefiel dem Könige, er ließ ein eisernes Bett machen, Mutter und Sohn hineinlegen und sie auf einem Schiffe weit in's Meer hinausbringen. Als die unglücklichen Geschöpfe in ihrem eisernen Bette vom Schiffe in's Meer geworfen wurden, ereignete sich das Wunder, daß das Bett nicht auf den Grund sank, sondern wie ein leichtes Kissen auf den Wellen schwamm. Gottes Gnade wollte sie schützen, damit nicht schuldlose Geschöpfe durch böser Menschen Tücke umkämen.
Der Königssohn wuchs im eisernen Bette auf dem Meere zusehends, und hatte nach sieben Wochen schon ganz die Gestalt und das Ansehn eines Erwachsenen. Die Schiffsleute hatten ihnen, ehe sie zurückfuhren, einen Brotsack und ein Milchfäßchen[58] zugeworfen, welche Mutter und Sohn wunderbarer Weise ernährten — denn obwohl sie jeden Tag davon zehrten, ging doch weder Speise noch Trank zu Ende. Als der Königssohn nach sieben Wochen zu einem jungen Manne herangewachsen war, sagte er eines Tages zu seiner Mutter: »Mutter, ich möchte die Glieder strecken!« Die Königin erwiderte: »Thu' es noch nicht, lieber Sohn, es würde sonst die Fußwand des Bettes sich lösen, wir würden in's Meer fallen und dort unser Ende finden.«
Aber der Königssohn sagte nach einigen Tagen wiederum: »Mutter, ich möchte die Glieder strecken, weil mir die Füße und Waden von dem ewigen Krummliegen weh thun!« Die Mutter wehrte es mit den Worten: »Lieber Sohn, strecke die Glieder noch nicht, es könnte großes Unglück über uns bringen.« Da rief der Sohn zum dritten Male mit Wehgeschrei: »Ich habe große Angst im Herzen und starke Schmerzen in allen Gliedern und kann diese Einsperrung nicht länger aushalten. Ich will die Beine ausstrecken, komme was da wolle!« Die Mutter erwiderte: »Gleichviel! wo der Tod ist, da ist auch das Grab. Strecke deine Glieder soviel du willst, damit du die lange Pein los wirst!« Da streckte der Königssohn seine Beine kräftig gegen das Fußende des eisernen Bettes, so daß die Wand krachend herausfiel. Dennoch aber sanken sie nicht auf den Grund, sondern fanden sich auf dem Trocknen, auf einer kleinen Insel. Die Königin schlüpfte aus dem Bette, fiel auf die Knie und dankte dem himmlischen Vater für die wunderbare Rettung.
Der Königssohn entfernte sich vom Ufer um nachzusehen, ob er irgendwo auf der Insel eine Nahrung fände, mit welcher sie ihr Leben fristen könnten. Er war eine Strecke Weges gegangen, da kam ihm aus dem Dickicht des Waldes ein kleiner alter Mann mit grauem Barte entgegen und bot ihm einen Feuerstahl. »Was soll ich damit machen, Goldväterchen?« fragte der Königssohn. »Ich habe weder ein Aschenloch noch sonst eine passende Stelle, wo ich den Feuerstahl hinlegen könnte.« Der Alte drückte ihm den Stahl halb mit Gewalt in die Hand und sagte: »Schlage mit diesem Stahle an einem beliebigen Orte Feuer, dann wirst du vollauf zu essen und zu trinken haben, soviel dein Herz nur begehrt.« Der Königssohn ging mit der unnützen Gabe zu seiner Mutter zurück, die ihn sogleich fragte: »Sage mir, wo hast du diesen Feuerstahl her? Du hast ihn doch nicht frevelnd Jemandem entwendet?« Der Sohn erwiderte sich gleichsam entschuldigend in bittendem Tone: »Werde nicht böse, lieb Mütterchen, ein fremder Alter, mit dem ich zufällig im Walde zusammentraf, steckte mir den Feuerstahl mit Gewalt in die Hand. Auch sagte er: wenn du mit diesem Feuerstahl Feuer anschlägst, so werdet ihr zu essen und zu trinken bekommen.« — Wenn nun auch weder Mutter noch Sohn die geringste Hoffnung darauf hatten, so wollte doch der Sohn Spaßes halber den Versuch machen. Und sieh einmal! wie die Funken aus dem Steine sprangen, stand ein Tisch mit Speisen und Getränken vor ihnen, so daß sie sich nun vor Hunger nicht mehr zu fürchten brauchten.
Am folgenden Tage schlenderte der Königssohn wieder im Walde umher und abermals begegnete ihm der graubärtige Alte, der wie ein Specht an einem hohen Baume herunter kletterte, denn er hatte an Fingern und Zehen scharfe Krallen wie eine Katze. Der Alte bot ihm eine Axt; der Königssohn wollte sie zwar nicht nehmen, aber der Alte sagte ernsthaft: »Sei nicht thöricht! sondern nimm was ich dir aus gutem Herzen gebe!« Dann drückte er ihm das scharfe Werkzeug mit Gewalt in die Hand und fügte hinzu: »Trage die Axt heim und nöthige sie, dir ein Wohnhaus zu zimmern, dann wirst du alsbald ein Obdach haben.« Der Königssohn brachte die Axt heim und die Mutter erkundigte sich sogleich wieder, ob sie nicht fremdes Eigenthum und gestohlen sei. Als der Sohn ihr mittheilte, wie er zu der Axt gekommen sei, fühlte sich die Mutter beruhigt. Darauf schaffte der Sohn durch den Feuerstahl Brot und sonstige Speise auf den Tisch und sie sättigten sich wie Tags zuvor. Nach dem Essen befahl er der Axt: »Zimmere uns ein neues Wohnhaus!« und sofort stand ein hübsches neues Haus vor ihnen, als wäre es aus dem Boden aufgeschossen. Mutter und Sohn traten über die Schwelle und nahmen darin ihren Aufenthalt.
Nach einigen Tagen zeigte sich auf der Höhe der See ein Schiff. Der Königssohn ging dicht an's Ufer, ließ ein weißes Tuch flattern um den Schiffsleuten ein Zeichen zu geben und winkte ihnen heranzusegeln; dann kaufte er ihnen die ganze reiche Schiffsladung ab und ließ sie an's Land bringen. Die Axt ließ, auf Geheiß ihres Herrn, unablässig Haus an Haus sich reihen, so daß in kurzer Zeit eine Stadt daraus wurde. Der Königssohn aber ließ das Schiff mit Korn füllen und sandte es dann zurück in die Heimath. — Als er darauf wieder im Walde umherstrich, begegnete ihm der kleine Alte mit dem langen grauen Barte. Der Alte sagte: »Eine Stadt hast du nun wohl fertig, aber Einwohner fehlen der Stadt. Da, nimm diesen Ebereschenzweig[59], geh morgen früh an einen Ameisenhaufen, klopfe dreimal mit der Ruthe darauf und rufe: »schaffet Leute für meine Stadt!« so werden Einwohner genug in die neue Stadt kommen. Der Königssohn that am andern Morgen was der Alte ihm geheißen und fand, als er zurück kam, alle Häuser der Stadt mit Einwohnern angefüllt, denen der Feuerstahl das tägliche Brot schaffte.
Als der Schiffer an's Land gestiegen war, ging er sofort zum Könige und erzählte ihm die wunderbare Begebenheit, wie er an eine wüste Insel gekommen sei, auf welcher bis dahin kein lebendes Wesen zu finden gewesen, während jetzt am Ufer eine prächtige Stadt stehe, deren Eigenthümer ihm die Schiffsladung abgekauft, und das Schiff mit Korn beladen zurückgesandt habe. »Mein geringer Verstand kann es nicht begreifen,« — so schloß der Schiffer seine Erzählung — »wie die Stadt so plötzlich dahin gekommen ist.« — Der König erwiderte: »Ich muß selber hin, um dieses Wunder zu sehen.« Er hatte sich aber mittlerweile des Kriegsobersten älteste Tochter zur Gemahlin erkoren und diese sagte jetzt, als sie des Königs Worte hörte: »Es ist nicht nöthig, daß ihr dahin geht; nöthiger ist es durch drei Königreiche in das Land zu fahren, wo ein prächtiger Brunnen mit goldener Bekleidung und silbernem Schwengel steht, eben dort ist auch eine goldene Maurerkelle und eine andere silberne daneben.«