Als darauf die ruchlose Frau sammt der Hexenmeisterin den über sie verhängten Tod erlitten hatte, nahm der König seine erste Gemahlin wieder zu sich, blieb aber nicht da wohnen, sondern begab sich mit ihr und seinen Söhnen in die neue Inselstadt, die in jeder Hinsicht viel prächtiger war als sein bisheriger Wohnort.


20. Localsagen.

a. Warum Reval niemals fertig werden darf.

Jeden Herbst ein Mal steigt in finsterer Mitternacht ein kleines graues Männlein aus dem oberen See, geht den Berg hinunter an das Stadtthor und fragt den Thorwächter: »Ist die Stadt schon fertig oder giebt es dort noch etwas zu bauen?« In großen Städten pflegt es nun so zu sein, daß die Bauarbeit selten feiert, denn wenn auch keine neuen Gebäude aufgeführt werden, so giebt es doch aller Orten an den alten zu bessern und zu flicken und Sonstiges zu thun, so daß kaum eine Zeit eintritt, wo alle Werkleute ruhen. Sollte aber auch einmal alle Arbeit still stehen, so darf man doch das dem Seemännlein nicht verrathen. Deßhalb ist von der Obrigkeit wegen allen Thorwächtern strenger Befehl gegeben, auf die Frage des alten grauen Männleins jedes Mal zu antworten: »Die Stadt ist noch lange nicht fertig, viele Gebäude sind erst zur Hälfte aufgeführt, und es kann noch manches liebe Jahr währen, bis alle Arbeiten zu Stande gekommen sind.« Das fremde alte Männlein schüttelt dann zornig den Kopf, murmelt etwas in den Bart, was der Wächter nicht versteht, dreht sich rasch um und geht zum oberen See zurück, wo sein bleibender Aufenthalt ist. — Sollte ihm auf seine Frage jemals die Antwort gegeben werden, daß es in der fertig gewordenen Stadt nichts mehr zu bauen gebe, so würde Reval zur selbigen Stunde ein Ende nehmen, weil der obere See mit seiner ganzen Wassermasse vom Laaksberge herab in's Thal stürzen und die Stadt, sammt Allem was darinnen ist, ersäufen würde[63].

b. Der Gerbleder-Verkäufer.

»Um Mitternacht der Thorwart fragt:
Wer reitet gespenstig durch die Stadt?«

In alter Zeit erblickte man am Laaksberge in mondhellen Nächten oftmals einen gepanzerten Mann auf hohem weißen Rosse, der ein Bündel gegerbten Leders unter dem Arme trug, welches er den Wanderern, auf die er stieß, zum Kauf anbot. Aber Niemand mochte die angebotene Waare kaufen, weil ein widriger Geruch wie von Menschen daran haftete, der die Käufer abschreckte. Eines Nachts kam ein kleiner alter Mann mit einem Ziegenbarte des Weges und fragte: »Was für einen Preis verlangst du für deine Felle, Brüderchen?« Der Gepanzerte erwiderte: »Die Ruhe im Grabe, die mir bis jetzt nicht gegönnt war.« Der Alte forschte weiter, um welcher Schuld willen der stattliche Reiter die Grabesruhe nicht finde und wer ihn zwinge hier allnächtlich umherzureiten. Der Gepanzerte gab zur Antwort: »Ich war zu meiner Zeit ein berühmter Kriegsmann, mit Namen Pontus; ich ließ den im Kriege Gefallenen die Häute abziehen, sie gerben und dann statt thierischer Felle verwenden, so daß in meinem Hause keine anderen Ledersachen zu finden waren als solche, die aus gegerbter Menschenhaut gemacht waren. Die Stiefel die ich anhabe, Wamms und Hosen, die ich unter dem Panzer trage, ebenso der Sattel, die Zügel und alles andere Riemenwerk, was du hier siehst, sind aus gegerbten Menschenhäuten gemacht. Vor meinem Tode blieb noch eine Menge von dem gegerbten Leder übrig, weil ich ja nun keinerlei Ledergeräth mehr brauchen konnte. Als ich an die Pforten jener Welt kam und eben eintreten wollte, rief der Thorwächter: »Halt! dich darf ich nicht eher einlassen, als bis du das noch unverarbeitete Menschenleder verkauft hast und da es dir nicht gestattet ist, bei Tage das Grab zu verlassen, so mußt du dir bei nächtlicher Weile Käufer suchen. Reite drum immer von Mitternacht bis zum Hahnenschrei in der Nähe des Laaksberges[64] umher, bis du Jemanden findest, der dir die gegerbten Häute abnimmt.« Obgleich ich nun schon zwei Generationen hindurch den Leuten meine Waare angeboten habe, so wollte sie doch Niemand kaufen, weil ihr ein widriger Geruch wie von Menschen anhafte.« »Nun« — erwiderte der Alte — »um dieses Fehlers willen werde ich deine Waare nicht verschmähen. Wenn du dafür keinen höheren Preis forderst, als die Erlösung von dem nächtlichen Reiten, so wollen wir den Handel durch Handschlag fest machen. Steige vom Pferde und komm mit mir.« — Pontus freute sich daß er einen Käufer gefunden hatte, nahm sein Bündel und ging mit dem Alten. Aber der Käufer brachte ihn geraden Wegs in die Hölle. Als der Alte an die Schwelle kam, nahm er seine wahre Gestalt an — Hörner am Kopfe und einen Schwanz hinten — stieß den Pontus hinein und rief mit gräulicher Stimme: »Ihr von Pontus geschundenen Männer, tretet her!« Da kamen schaarenweis Männer ohne Haut heran, welche sämmtlich die Hülle für ihr blutiges Fleisch zurückforderten. Der alte Höllenwirth aber sagte zähnefletschend: »Zieht ihm die Haut vom Leibe und reckt sie alle Tage so lange aus bis ihr genug habt, um euer Fleisch und Bein damit zu bedecken.«

c. Das Fräulein von Borkholm[65].