Der Heiland.

Ihr Kinderlein, nehmt so vor gut
und habt damit ein' guten Mut.
Wenn ihr hinfort werd't frömmer sein,
so will ich tun den Dienern mein
befehl'n, daß sie euch viel mehr
Gaben heut diese Nacht bescher'n.
Ich will euch auch geben allzeit
langes Leben und gute Gesundheit.
Desgleichen all mein Engelein,
solln euer Hüter und Wächter sein.
Wohlauf ihr Diener, allzumal
singt und lobt Gott mit Freudenschall.

Dann singt man ein Lied und Michael sagt zum Schluß:

Hiermit von hinnen scheiden wir
und wünsche, daß mögt erleben ihr
in Fried und guter Gesundheit
das künftig Jahr und allezeit.
Darzu auch denn der Engel Schar
wünscht ein glückselig neues Jahr.
Ihr Kinderlein habt ein gute Nacht,
was ihr gehört, fleißig betracht.
Der Segen Gottes sei mit euch,
zuteil werd euch das Himmelreich.
Guter Fried sei stets in dem Haus
Allen, die gehen ein und aus!

Derartige Christfahrten waren eigentliche Bescherungsspiele. Es sind auch im übrigen Sachsen solche Adventsumzüge gang und gäbe gewesen; so berichtet P. Kruschwitz im 1. Bande der »Bunten Bilder aus dem Sachsenlande« von dieser Volkssitte aus dem Eigenschen Kreis (zwischen Herrnhut und Ostritz) und H. v. Opell in Band 5 der Mitteilungen des Vereins für sächs. Volkskunde von ebensolchen »Christkindern« aus Niederfriedersdorf b. Neusalza. Der Inhalt deckt sich vollständig mit den Christfahrten des Erzgebirges, auch lassen einzelne Zeilen und Reime auf einen gemeinsamen Ursprung schließen. Der Schluß des letztgenannten Spiels ist ganz köstlich.

Die beiden »Christkinder« sprechen beim Gehen:

Nun so wünschen wir euch allen eine schöne gute Nacht,
von Samt und Seide ein Bettchen gemacht,
von Zucker und Rosinen eine Tür,
von Pfefferkuchen ein Schlößchen dafür,
und von Muskaten eine Schwell
und einen Engel zum Schlafgesell.

Die Rollen sind in den meisten Spielen die gleichen, nur die Namen der handelnden Personen sind verschieden, z. B. wurde der heilige Martin hier und da durch St. Petrus mit dem Schlüssel ersetzt. Wie schon angedeutet, wurden die Spiele durch die Hinzunahme eines oder zweier Ruprechte recht weltlich, ja oft sogar unflätig. Es wurden nicht nur die Kinder examiniert, sondern auch die »Großen« aus dem Hause. Daß es dabei nicht ohne kräftiges Necken und Spotten abging, erscheint, bei der Neigung der Erzgebirgler zur Satire, als selbstverständlich. Der heilige Charakter der Spiele war in Gefahr und hielt sich nur dadurch, daß man ihm Teile der kirchlichen Mettenspiele anhängte. So fügte man an die Christfahrt zunächst die Hirtenszene an und nannte das Ganze »Engelschar«. Diese zog am 1. Advent bis zu Hohneujahr in den Häusern umher. Dann trat die Königsschar in ihre Rechte, die hauptsächlich die Unterhandlungen der 3 Weisen mit Herodes, die Anbetung und den Kindermord enthielt. Diese »Königsschar« spielte am Epiphanias bis zur Fastnacht. Darin liegt vielleicht auch ihre Neigung zu komischen, ja grotesken Szenen begründet, man hatte einen bequemen Ersatz für die beliebten Fastnachtsspiele. Auch die »Engelschar« und die »Königsschar« erweiterten sich. Zur ersteren kam das Herbergsspiel mit dem Wirt und der Magd hinzu, letzteres vervollständigte sich durch Auftreten des Todes.

Solange in den Privatwohnungen gespielt wurde, nahm das Bescherungsspiel einen ziemlichen Raum ein; als man aber begann, die Spiele in die öffentlichen Säle zu verlegen, beschränkte man die »Christfahrt« und führte andere Szenen und Personen dafür ein. Man war dazu gezwungen, da das Ueberbleibsel doch zu dürftig ausgesehen hätte.