Auf einmal erhob sich ein Wind und Schneewehen und die Frau fühlte sich davongehoben bis sie schläfrig wurde und die Augen schloß; als sie erwachte, war sie in der Gegend der Häuser von Nikh-tua, konnte aber nicht glauben, daß dem so sei, bis sie das gewohnte Geheul der Hunde hörte. Sie wartete den Abend ab und ging dann, nachdem sie den Korb mit den Ohrspitzen ins Vorhaus gestellt, in das Haus des Gatten. Der hatte sie schon lange als tot betrauert und seine Freude über ihre Rückkehr war sehr groß. Dann erzählte sie ihre Geschichte und ihr Mann versprach, sie nie mehr schlecht zu behandeln. Als er den nächsten Tag durch sein Vorhaus ging, war er sehr erstaunt, es mit wertvollen Pelzen angefüllt zu finden; es hatte sich jede Ohrspitze, die seine Frau gebracht, über Nacht in ein ganzes Fell verwandelt.

Diese Felle machten ihn sehr reich und er wurde infolgedessen einer der Häuptlinge des Dorfes. Nach einiger Zeit aber fühlte er sich unglücklich, denn er hatte keine Kinder und sprach daher zu seiner Frau: »Was wird mit uns sein, wenn wir alt und schwach sind und niemand haben, der für uns sorgt? Ja, wenn wir nur einen Sohn hätten!« Eines Tages hieß er seine Frau sich sorgfältig zu baden; dann tauchte er eine Feder in Öl und zeichnete damit die Gestalt eines Knaben auf ihren Bauch. Nach der bestimmten Zeit gebar sie einen Sohn und sie waren sehr glücklich. Der Knabe wuchs rasch auf und zeichnete sich vor allen Kameraden durch Stärke, Gewandtheit und als guter Schütze aus. Zur Erinnerung an den Riesen wurde er Kin-äk genannt. Schließlich wurde der Gatte dann aber doch wieder unfreundlich und mürrisch wie früher und eines Tages gar so aufgebracht, daß er einen Stock nahm, um seine Frau zu schlagen. Sie lief aus Angst aus dem Haus, glitt aber draußen aus und fiel; und wie ihr Mann dicht an ihr war, erinnerte sie sich des Riesen und rief: »Kin-äk! Kin-äk! komm zu mir.« Sie hatte diese Worte kaum gesprochen, als ein fürchterlicher Windstoß über sie wegblies und den Mann wegfegte, daß er nie mehr gesehen wurde.

Jahre vergingen und Jung-Kin-äk wuchs zu einem schönen, starken jungen Mann heran, wurde ein sehr erfolgreicher Jäger, hatte aber ein wildes und grausames Temperament. Eines Abends kam er nach Hause und erzählte seiner Mutter, daß er mit zweien seiner Gefährten Streit gehabt und beide getötet habe. Seine Mutter machte ihm Vorwürfe, indem sie ihn an die Gefahren der Blutrache seitens der Verwandten der Ermordeten erinnerte. Eine Zeit verstrich und die Sache schien vergessen.

Wieder einmal kam Kin-äk damit nach Hause, daß er einen Genossen getötet habe. Seither hatte er alle paar Tage mit jemand Streit, was immer damit endete, daß er ihn erschlug. Schließlich hatte er so viel Leute erschlagen, daß seine Mutter ihm nicht länger erlauben wollte, mit ihr zu leben. Er schien aber darüber sehr erstaunt und sagte: »Bist du denn nicht meine Mutter? Wie kannst du mich so behandeln?«

»Ja«, sagte sie, »ich bin deine Mutter, aber dein Ungestüm hat es so weit gebracht alle unsere Freunde umzubringen, oder zu vertreiben. Jeder haßt und fürchtet dich und bald wird niemand, außer alten Weibern und Kindern im Dorf leben. Geh weg! Verlaß diesen Ort, das wird für uns alle besser sein.«

Kin-äk sagte nichts, sondern jagte eine Zeitlang unausgesetzt, bis er seiner Mutter Vorhaus mit Fleisch und Pelzen angefüllt hatte. Dann ging er zu ihr und sagte: »Jetzt habe ich dich mit Nahrung und Pelzen versehen, wie meine Pflicht war, ich bin bereit, dich zu verlassen« und ging weg.

Zufällig schlug er die gleiche Richtung ein, die seine Mutter auf ihrer Flucht gegangen war und kam schließlich zum Kopf des Riesen. Als der Riese erfuhr, daß er der Sohn jener Frau sei, die bei ihm gewesen, erlaubte er dem jungen Mann dazubleiben, sagte ihm aber, er solle ja nie an seine Lippen kommen, denn wenn er das wage, werde ihm etwas Böses zustoßen. Einige Zeit lebte Kin-äk da ganz ruhig, aber zuletzt fiel ihm doch ein zu den Lippen des Riesen zu gehen und zu sehen, was denn dort wäre. Nach einem guten Stück harter Arbeit durch das Bartdickicht auf des Riesen Kinn, erreichte er den Mund. Im Augenblick, da er über die Lippen schritt und zur Öffnung zwischen ihnen gelangte, blies ein mächtiger Windstoß heraus, wirbelte ihn in die Luft und er ward nicht mehr gesehen.

Der Riese lebt noch immer im Norden, obwohl bis auf den heutigen Tag seit jener Zeit niemand dort war. Aber wenn er atmet, geben die wilden, schneeigen Nordstürme des Winters von seinem Dasein Kunde.

[Der seltsame Knabe]