Er griff nochmals nach seinen Strümpfen, aber ohne besseren Erfolg. Er rief also wieder nach der Arnaitiang und bat sie ihm seine Stiefel und Strümpfe zu geben, worauf sie sagte: »Setz dich dorthin wo ich saß, als du in mein Haus tratst, dann kannst du sie erreichen.« Danach ging sie wieder hinaus. Kiviung griff nochmals, aber das Gestell hob sich wie früher und er konnte sie nicht erlangen.
Jetzt sah er ein, daß Arnaitiang auf Unheil sann; er rief also seinen Schutzgeist an, einen ungeheuren weißen Bären, der sich brüllend von unten her zum Boden des Hauses erhob. Zuerst hörte Arnaitiang nichts; als aber Kiviung fortfuhr ihn zu beschwören, kam der Geist näher und näher an die Oberfläche und als sie jetzt sein lautes Gebrüll hörte, bekam sie Angst und gab Kiviung was er verlangte. »Hier sind deine Stiefel«, schrie sie, »hier deine Pantoffel, hier deine Strümpfe; ich will dir helfen, zieh dich an.« Kiviung wollte aber nicht länger bei dieser schrecklichen Hexe bleiben, zog nicht einmal seine Stiefel an, sondern nahm sie nur von Arnaitiang und stürzte aus der Tür. Er war kaum draußen, als sie heftig zuschlug und seinen Rockzipfel einklemmte. Er eilte, ohne sich umzusehen, zu seinem Kajak und ruderte weg. Er war noch nicht weg, als Arnaitiang, die sich von ihrer Angst erholt hatte, ein blankes Frauenmesser schwingend, herauskam, um ihn zu töten. Er hätte fast Angst bekommen und beinahe wäre sein Kajak gekentert. Er arbeitete, um ihn wieder ins Gleichgewicht zu bringen, hob dabei seinen Speer und schrie: »Ich werde dich mit meinem Speer umbringen!« Als Arnaitiang diese Worte hörte, fiel sie vor Schreck nieder und zerbrach dabei ihr Messer. Kiviung bemerkte, daß es aus einer ganz dünnen Eisplatte bestand.
Er reiste, der Küste folgend, viele Tage und Nächte weiter. Schließlich kam er an eine Hütte, aus der wieder eine Lampe schien. Da seine Kleider naß waren und er selbst hungrig, landete er und betrat das Haus. Hier fand er eine Frau, die mit ihrer Tochter ganz allein lebte. Ihr Schwiegersohn war ein Treibholzklotz mit vier Ästen. Jeden Tag brachten sie ihn zur Ebbezeit an den Strand und wenn die Flut kam, schwamm er weg. In der Nacht kam er dann zurück mit acht großen Seehunden, immer zwei auf einen Ast gespießt. So versorgte der Baumstamm seine Frau, ihre Mutter und Kiviung reichlich mit Nahrung. Eines Tages aber, nachdem sie ihn wie gewöhnlich vom Stapel gelassen, verschwand er und kam nie mehr zurück.
Bald darauf heiratete Kiviung die junge Witwe. Jetzt ging er selbst jeden Tag Seehunde jagen und hatte viel Erfolg. Als er einmal einige Tage auszubleiben gedachte, war er besorgt einen genügenden Vorrat von Fäustlingen zu bekommen. Er gab also jeden Abend, wenn er von der Jagd heimkam, vor, seine Fäustlinge verloren zu haben. In Wirklichkeit hatte er sie in der Kapuze seines Mantels versteckt.
Nach einiger Zeit wurde die alte Frau auf ihre Tochter eifersüchtig, denn der neue Gatte war ein glänzender Jäger und sie wollte ihn selbst heiraten. Als er eines Tages auf der Jagd war, ermordete sie ihre Tochter und um ihn zu täuschen, zog sie sich die Pelze der Tochter selbst an, um sich in ein junges Weib zu verwandeln. Als Kiviung zurückkam, ging sie ihm, wie die Tochter zu tun pflegte, entgegen, ohne in ihm irgend einen Verdacht zu erregen. Als er aber in die Hütte trat und die Gebeine seiner Frau sah, bemerkte er auf einmal ihren grausamen Tod und den Betrug und floh davon.
Viele Tage und Nächte reiste er, immer der Küste folgend, weiter. Schließlich kam er wieder zu einer Hütte, wo ein Licht brannte. Da seine Kleider naß und er selbst hungrig war, landete er und ging hinauf zum Haus. Bevor er eintrat fiel ihm aber ein, daß es am besten wäre zuerst auszuforschen, wer drinnen sei. Er klomm zum Fenster hinauf und sah durch den Spalt. Am Bett saß drinnen eine alte Frau, die Aissiwang (Spinne). Als diese die dunkle Gestalt vor dem Fenster sah, glaubte sie, es wäre eine Wolke, die an der Sonne vorüberziehe und da die Beleuchtung für ihre Arbeit ungenügend war, wurde sie wütend, schnitt sich mit ihrem Messer die Augenbrauen ab und aß sie und achtete nicht einmal auf das tropfende Blut, sondern ließ es antrocknen. Als Kiviung das sah, war er überzeugt, daß sie ein sehr böses Weib sein müsse und zog fort.
Wieder reiste er Tage und Nächte. Endlich kam er in eine Gegend, die ihm bekannt schien und bald erkannte er seine Heimat. Er war sehr froh, als er einige Boote ihm entgegenkommen sah. Die waren auf einer Waljagd gewesen und zogen einen großen Leichnam zum Dorf. Am Bug des einen Bootes stand ein kräftiger junger Mann, der den Wal getötet hatte. Es war Kiviungs Sohn, den er als kleinen Jungen zurückgelassen hatte und der jetzt erwachsen und ein großer Jäger war. Seine Frau hatte einen anderen Mann genommen, kehrte jetzt aber zu Kiviung zurück.
[Die einzige Frau]
Vor langer Zeit lebten viele Leute im Nordland, aber es gab keine Frau unter ihnen. Man wußte nur von einem einzigen Weib, das weit im Süden lebte. Schließlich machte sich einer der jungen Männer im Norden auf und reiste gen Süden, bis er zum Haus der Frau kam, wo er blieb und bald ihr Mann wurde. Eines Tages saß er im Haus, dachte an die Heimat und sagte: »Ah, ich hab eine Frau und der Sohn des Häuptlings im Norden hat keine!« Und er gefiel sich sehr in Gedanken an sein gutes Geschick.