[Die Kraniche]
Es ist schon lange her, daß sich eines Herbsttages die Kraniche darauf vorbereiteten, südwärts zu ziehen. Als sie sich in großer Schar zusammengefunden hatten, sahen sie in der Nähe des Dorfes ein wunderschönes junges Weib ganz allein. Sie bewunderten sie, scharten sich um sie, hoben sie auf ihre ausgebreiteten Flügel, trugen sie hoch in die Luft und flogen mit ihr fort. Während die einen sie aufhoben, kreisten die anderen unter ihnen so dicht, daß sie nicht herunterfallen konnte und ihr lautes heiseres Geschrei übertönte alle Hilferufe, so ward das Weib fortgetragen und wurde nie mehr gesehen. Seit dieser Zeit kreisen die Kraniche im Herbst immer herum und während sie sich zum Flug nach Süden vorbereiten, schreien sie laut herum, wie sie damals taten.
[Das Echo]
Ein junges Mädchen wollte keinen Mann nehmen. Schließlich wurden ihre Leute ärgerlich, brachen das Zelt ab und verließen sie. Am Tag, nachdem sie verlassen worden war, sah das Mädchen die Männer in ihren Kajaks Seehunde jagen. Sie hatte eine steile Klippe erstiegen, auf der sie die Männer stehen sahen. Jetzt rief sie einem der Männer zu: »Komm und hole mich! Ich will dich heiraten!« Die Männer glaubten ihr aber nicht. Dann hörten sie das Mädchen sagen: »Ich wollte, meine Füße würden in Stein verwandelt!« und sie verwandelten sich in Steine; »ich wollte, meine Hüften verwandelten sich in Steine!« und auch die verwandelten sich in Steine; »ich will, daß sich meine Arme in Stein verwandeln!« und beide wurden zu Stein; »ich will, daß sich meine Brust in Stein verwandelt!« und sie wurde zu Stein. »Ich will, daß auch mein Kopf zu Stein wird!« und auch der versteinerte. Jetzt war sie ganz in einen Stein verwandelt und so ist sie auch noch jetzt. Wenn die Leute in ihren Booten vorüberkommen, so können sie sie hören.
[Die unzufriedene Graspflanze]
In der Nähe des Dorfes Pastolik, an der Yukonmündung, wächst eine hohe, dünne Grasart. Die Frauen dieses Dorfes gehen im Herbst, knapp vor Wintersbeginn, hinaus und sammeln eine Menge von diesem Gras ein; sie reißen es aus oder schneiden es aus dem Boden, machen große Bündel daraus und tragen sie am Rücken nach Hause. Das Gras wird dann getrocknet und zu Matten, Körben oder Sitzpölstern für die Fellboote verarbeitet.
Einer dieser Grasstengel, der von einer Frau schon fast ausgerissen worden wäre, begann darüber nachzudenken, wie unvorteilhaft es eigentlich sei, nicht etwas anderes zu sein und sah sich um. Fast auf den ersten Blick sah er ein in der Nähe wachsendes Pflanzenbüschel, das so ruhig und ungestört aussah, daß der Grashalm sich wünschte, auch so eines zu sein. Kaum hatte er diesen Wunsch, als er auch schon in so eine Pflanze verwandelt wurde, wie die, welche er beneidet hatte, eine war und für kurze Zeit hatte er nun Ruhe.
Eines Tags aber sah er die Frauen mit scharfen Spitzhacken wiederkommen und die Pflanzen mit diesen ausjäten, einige Wurzeln essen und die anderen in Körben nach Hause bringen. Als die Frauen abends nach Hause gingen, blieb die Verwandelte übrig und wünschte, da sie das Schicksal der Gefährten gesehen hatte, doch eine andere Gestalt angenommen zu haben. Sie sah sich also wieder um und bemerkte eine andere unscheinbare Kriechpflanze, die ihr gefiel, weil sie so winzig und versteckt war. Sofort wünschte sie so eine zu werden und das geschah auch; wieder verstrich einige Zeit ganz ruhig, dann aber kamen die Frauen wieder und rissen die Gefährten aus; die Verwandelte übersahen sie. Das nächste Mal bekam sie aber Angst und wollte in eine kleine Knollenfrucht, wie solche in der Nähe wuchsen, verwandelt werden. Die Verwandlung war kaum geschehen, als eine Feldmaus durchs Gras geschlichen kam, die Knolle einer ähnlichen Pflanze in der Nähe auszugraben begann, sie zwischen den Vorderpfoten hielt und daran knabberte und dann weglief. »Um in Sicherheit zu sein, muß ich eine Maus werden!« dachte sich die Wandelbare und sofort wurde sie eine Maus und lief ganz glücklich über die neue Verwandlung herum. Hin und wieder blieb sie stehen, um eine Knolle auszugraben und zu verzehren, wie es die andere getan hatte, oder sie setzte sich auf die Hinterbeine und sah sich die wechselnden Aussichten an. Während die Maus so herumwanderte, sah sie plötzlich ein fremdes, weißes Ding auf sich zukommen, das am Boden herumpickte und nachdem es um irgend etwas zu fressen stehengeblieben war, wieder aufflog. Wie es näherkam, erkannte es die Maus als eine große, weiße Eule. In diesem Augenblick bemerkte auch die Eule die Maus und stürzte auf sie los. Während sie aber noch im Flug war, gelang es der Maus glücklicherweise in ein Loch, das eine andere gemacht hatte, zu entschlüpfen, worauf die Eule wegflog.