Ein heiliger Ort und keine Schänke,

Kein Sammelplatz von Zot und Wahnsinn sein.

Die Freundschaft stiftet sich hier Tempel und Altäre,

Nur reiner Weihrauch füllt der Göttin Atmosphäre,

Der Freund ätzt hier sein Bild in reinstem Marmor ein,

Und so wie dieses Bild muß seine Freundschaft sein.

Man frägt sich unwillkürlich, ob bestimmte Einträge im Stammbuch dem Einzeichner Anlaß zu dieser Ermahnung gegeben haben. Im allgemeinen war man ja damals nicht übermäßig prüde. Ich habe ein anderes Stammbuch aus derselben Zeit gesehen, das wesentlich derbere Einträge enthielt. Und dieses Stammbuch gehörte einem Theologen! Vielleicht aber haben Einträge im Reiboldtschen Stammbuch gestanden, die über das, was damals als zulässig galt, hinausgingen, und der Besitzer hat diese Seiten nachträglich entfernt. Hierfür würde der Umstand sprechen, daß mehrere Seiten fehlen, die – nach der Seitenbezeichnung zu schließen – ursprünglich darin waren. Andererseits könnten es auch leere Blätter gewesen sein, denn auch der jetzige Bestand weist eine Anzahl unbeschriebene Seiten auf. Und hier erhebt sich die weitere Frage, warum das Stammbuch vom Jahre 1778 an nicht mehr benutzt worden ist. Erschien dem Besitzer nach seiner Rückkehr ins Philisterium die Umwelt so öde und nüchtern, daß es ihn nicht verlockte, seinem neuen Bekanntenkreise ein bleibendes Andenken zu sichern? Oder sollte er sich grollend vor den Erscheinungen der neuen Zeit zurückgezogen haben? Der Inhalt der Randvermerke spricht dagegen. Aus anderen Quellen habe ich über sein späteres Leben nichts erfahren können, als daß er sich mit Henriette Eleonore Sophie von Watzdorf vermählt hat und im Jahre 1799 als Amtshauptmann des Vogtländischen Kreises unter Hinterlassung von sechs Kindern in Taltitz gestorben ist. –

Kehren wir zum Buche zurück! Es ist bezeichnend für den Geist des Zeitalters, daß von Liebe zur Heimat oder von Begeisterung für das Vaterland so gut wie niemals die Rede ist. Aber auch Weltbürgertum wird nur einmal, und zwar in dem kurzen Wahlspruche »Patria est, ubi bene est« (zu deutsch: Wo es mir gut geht, ist mein Vaterland) gepredigt. Hingegen findet das Ideal der Freiheit, das anderthalb Jahrzehnte später so gewaltige Umwälzungen hervorrufen sollte, in einigen der Einträge einen, wenn auch nur vorsichtigen Ausdruck:

Wer den Wert der Freiheit kennt,

Nimmt aus ihr die Lehre,