Auf der Steinrücke mußt du weilen, wenn um Johanni beim Feierabendläuten die Mäher an die danebenliegenden Hangwiesen kommen. Am Hangweg ansetzend, den Körper weit nach vorn geneigt, holt der erste zum Schwunge aus. In gleicher Linie mit ihm stellen sich die andern in Schwadenweite auf und beginnen, dem Nachbar einen kleinen Vorsprung lassend, das Sensenschwingen. Mit festem Tritt rücken sie den Hang hinab, der ohne Sense schon schwer zu ersteigen ist. Aber am Ende des ungewohnten Ganges liegt hinter jedem Schnitter eine duftende Grasreihe. Der Goldammer wehmütig: »Wie wie wie hab ich dich lieb« klingt aus dem blühenden Heckenrosenstrauch. Noch in zehnter Stunde schreiten vorgebeugte Gestalten, dämmerverwischt, sensenschwingend schrittweise hangabwärts.
Kannst du die Weihestunde vergessen, als im Westen der gelbe Schein des eindunkelnden Himmels erglänzte und dein Auge von der hohen Halde aus die geröteten Kornfelder in der ernsten Dämmerung des Mittsommerabends ruhen sah, wie die schweren Ähren sich zur Erde neigten und der Halmenwald den letzten Feldfriedensabend verträumte?
In Frühherbsttagen kommt der große Farbenmeister zur Steinrücke. Korallenrote Trauben hängen schwer in gelbem Blattgefieder und ziehen erdwärts die müden Zweige. Farbenspiele wechseln am Weißdorn vom Gelb durch alle Tönungen hindurch zum dunklen Braun. Ockergelb leuchtet der Spitzahorn, der Bergahorn rostet. Zur Sonnensinke wandelt sich die »Rücke« zum flammenden Farbenband am langen Kartoffelacker, wo Pflug und rückengekrümmte »Leser« die volkerhaltenden Knollen ernten.
In diesen Tagen mußt du deine Steinrücke mit dem Hütejungen teilen. Zum Steinsessel legt er sich die kleinen Gneisplatten und schichtet die größeren zur Burgmauer. Von diesem Hochsitz wacht er über seine Untertanen und freut sich über das geräuschvolle Grasen der »Schecke«, der »Braunen«, der »Schwarzen«, der »Kalbe« und lockt die Ziegen zum Klettern auf die Steinburg. In grellen auf- und abwärtsspringenden Tönen hallt der Hirtenruf über die Weide. Wenn die Sonne hinter dem schwarzgezackten Waldrande verschwindet, im letzten Sonnenfeuer die Wipfel glühen, dann springt aus seiner Kehle kraftvoll der Horeiruf, und hinter der Leitkuh ordnet sich die Herde zum Einzug.
Werde der Halde nicht untreu, wenn der Herbststurm ihrem Gebüsch heulend den zauberischen Schmuck entreißt, die Blätter zu wildem Totentanz antreibt, aber vergeblich am rostbraunen Blätterkleid der Wintereiche zerrt; wenn die schweren Herbstnebel alle Farben ausgelöscht haben, die Halde verhüllen und ihr feuchter Mantel sich auf Stein und kahle Äste legt; wenn Frost die schwarzblauen Schlehen mürbt.
Und suche deine »Rücke« auch dann noch auf, wenn du sie nur unter weicher, weißer Decke ahnen kannst, dein Fuß erst den Schnee wegwühlen muß, um mit ihr verbunden zu sein; wenn das beknospete Gesträuch, jetzt eisbekrustet, bekundet, daß nach rauhen Monden wieder der neue Wandel sich an den vergangenen reiht und neuer Lenz zeugend über die Halde fahren wird.
Erwerbe dir langsam die Vertrautheit mit der Steinrücke, dann wird dir jeder Gang zu ihr zu einem Erlebnis.
Eisenbergbau und Hammerwerke im östlichen Erzgebirge
Von Professor Dr. Paul Wagner
Weit früher, als Freibergs Silberreichtum niedersächsische Bergleute in das Waldesdüster des Erzgebirges lockte, hatte hier jedenfalls der Eisenbergbau eine Stätte. Die Kunst, aus Eisenerzen metallisches Eisen zu verhütten war schon den alten Ägyptern und Chaldäern, den Griechen und Römern wohlbekannt. Als die Römer im Taunus die Saalburg errichteten, hausten dort bereits einheimische Waldschmiede; Cimbern, Teutonen, Sueven führten eiserne Schwerter und Speere; die Ackergeräte waren schon im sechsten Jahrhundert bei uns aus Eisen. Aus Böhmen meldet eine Chronik vom Jahre 677, daß dort Eisen verschmolzen wurde – und von Böhmen aus dürfte der Bergbau im frühesten Mittelalter auf das Erzgebirge übergegriffen haben.