Ein Führer durchs Dresdner Volkskunstmuseum
Das Landesmuseum für Sächsische Volkskunst in Dresden – elf Jahre nächstens alt – hat eine harte Jugend gehabt. Der es leitet, mußte sparen an allem, was zur eigentlich notwendigen Regie gehört. Also hatte es bis heute auch keinen »Führer«.
Gewiß: kurz nach seiner Eröffnung erschienen, sparsam auf vier schmale Seiten gedruckt, einige »Notizen« über die schöne Sammlung. Aber was sie von dem Museumsbestand meldeten, war bald durch viele neue Eingänge überholt. Auch Näheres, Wissenswertes erfuhr man nicht. Es blieb ein Behelf.
Nun aber haben wir einen Führer. So wie ihn sich die Freunde des Museums immer erträumten und wie er nicht anders hätte gestaltet werden dürfen: volkstümlich, warmherzig bei aller wissenschaftlichen Weisheit, ein Buch, das man auch zu Hause gern wieder in die Hände nimmt.
Oskar Seyffert hat es verfaßt. Kein anderer hätte es gekonnt, so gekonnt wie er, der all die bunten fröhlichen Bauern- und Bürgerstuben im Jägerhof von einst einrichtete und der dann selber so oft Führer dort gewesen ist: immer bereit, den Gästen Schönheit und Merkwürdigkeiten seiner Sammlung zu zeigen und zu erläutern. Was er in diesem Buch gibt, bleibt frei von allem führermäßigen Schema. Da ist keine nummerweise Aufzeichnung, kein nüchternes Katalogisieren. Deshalb nicht, sagt Hofrat Seyffert in seinem Vorwort, weil so bei einer Neuaufstellung im Museum das Büchlein unbrauchbar würde. Deshalb nicht, wäre zu ergänzen, weil diese Sammlung, die ganz gefühlsmäßig, mit dem Herzen erfaßt sein will, einfach kein Registrieren verträgt. Feinster Reiz der lieben alten Dinge würde verwehen, wenn man ihnen eine Nummer anheftete.
Also schildert Hofrat Seyffert sein Museum, anschaulich und liebevoll, Raum für Raum. Man spürt aus jedem Wort: dem, der dies schrieb, sind all die verjährten Bilder und Möbel, die hier gezeigten Kunstfertigkeiten alter und neuer Tage lieb wie etwas Lebendes, und so vertraut möchte er auch den Besucher mit ihnen machen. Ein Stück Volkshistorie steckt in jeder dieser Schilderungen. Man hört von den frohen und ernsten sächsischen Bauernsitten, die sich dann in der »Kunst ohne Kunst«, dem handwerksmäßig schlichten bäuerlichen Kunstgewerbe, ausgewirkt haben. Auch verborgene Feinheit, die dem flüchtigen Beschauer entgehen würde, ist hier hervorgeholt und ans Licht gestellt. Die treuherzigen oder lustigen Bett- und Ofensprüche wurden mit vermerkt, die guten Ermahnungen vergilbter Stammbuchblätter sorgsam aufgeschrieben. Und meist – das ist am schönsten – halten ein paar herzliche Zeilen die jeweilige Stimmung des Raumes fest.
Es sollte von vornherein kein Führer sein im gewöhnlichen Sinne. Sollte belehren, anregen, Heimatfreude wecken bei allen, die das kleine Buch aufschlagen. Darum sind zwischen den einzelnen Schilderungen und als Einstimmungen dazu allgemeine Betrachtungen rein historischer, kunstgewerblicher Art zu lesen. Darum auch wurden dem Buch prächtige photographische Darstellungen von heimatlicher Landschaft, heimatlichem Gewerbe beigegeben. Es ist der Leitfaden für den Lehrer, der mit seinen Jungen und Mädeln das Museum aufsucht und die dort gewonnenen Eindrücke im Unterricht vertiefen möchte. Aber es ist noch mehr, hat noch besonderen, rein persönlichen Wert. Der Verfasser, dessen Lebenswerk das Landesmuseum darstellt, bekennt es in seinem Vorwort, daß so der kleine Führer ein Kommentar zu seinem Leben geworden sei. Und wir alle, die wir uns um Oskar Seyffert scharen, wissen davon: wie jedes Stück in dieser Sammlung für ihn Erinnerung ist, Erlebnis. Und daß an manchem eine Träne hängt.
Der neue Führer »Das Landesmuseum für Sächsische Volkskunst,« im Verlag des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz in Dresden erschienen und vom Maler W. Trier, Berlin, mit einem lustigen bunten Titelblatt beschenkt, wird vielen eine Freude sein.
Gertraud Enderlein.