Der Landesverein schickte den Brief Dr. Dieners von Schönberg an mich mit dem Ersuchen, Nachforschungen über den Stein anzustellen. Meine Erkundigungen waren zunächst erfolglos, bis ich im August in die staatliche Sammlung für Vorgeschichte kam und von Dr. Bierbaum, den ich über den Stein befragte, erfuhr, er befinde sich im Obergeschoß des Zwingerpavillons, der die vorgeschichtliche Sammlung beherberge, in der Ecke zwischen der Wand und einem Schrank, er sei auch schon Herrn Dr. Diener von Schönberg beschrieben und von dessen Gewährsmann Weigelt als eben der Kühnhaider Stein erkannt worden, den er vor mehr als vierzig Jahren gesehen habe. So war denn der Verkauf des Steines nach Wien glücklicherweise eine bloße Legende ohne jeden tatsächlichen Hintergrund. Der Stein hatte die ganze Zeit unbeachtet in seinem Versteck gestanden; nur einmal, sehr bald nach der Auffindung, hatte ihn Hofrat Dr. Geinitz in der Dresdner »Isis« gezeigt und darüber in den Sitzungsberichten der Isis zu Dresden, 1878 S. 146, folgendes mitgeteilt: »Von dem Vorsitzenden (Hofrat Dr. Geinitz) wird hierauf ein Steinbild vorgelegt, das sich als wahres Vollmondgesicht eines Mannes mit eigentümlichen Runen oder Schriftzeichen zusammen auf einem Gneißblocke befindet, welcher vor kurzem etwa sechs Fuß tief unter der Erdoberfläche in einem Torfstich bei Kühnhaide unweit Marienberg im Erzgebirge entdeckt worden ist. Da dieser sechzig Zentimeter hohe und vierzig Zentimeter breite, etwa zehn Zentimeter dicke Gneißblock in den Besitz des K. Mineralogisch-Geologischen Museums übergegangen ist, so behält sich der Vortragende vor, später weitere Mitteilungen darüber zu geben. Zunächst hat sich nur die Echtheit des Fundes feststellen lassen, von welchem die erste Nachricht durch Herrn Student Hans Schaarschmidt hierher gelangt ist und von welchem auch Herr Hugo Thaermann in Lauta bei Marienberg später Kenntnis erhielt. Der Letztere hat darüber bereits im »Erzgebirgischen Nachrichts- und Anzeigeblatt«, 1878, Nr. 83, unter dem Namen »das Kühnhaidaer Götzenbild« eine eigentümliche Kritik veröffentlicht, außerdem aber den Transport nach Dresden vermittelt.« Hofrat Geinitz ist offenbar nicht dazu gekommen, sich erneut mit dem Kühnhaider Stein zu beschäftigen, und so blieb er verschollen, nicht einmal eine Abbildung ist davon in die Öffentlichkeit gelangt. Deshalb erbat ich mir von der Direktion der vorgeschichtlichen Sammlung die Erlaubnis, den Stein genauer zu untersuchen, photographieren zu lassen und das Ergebnis publizieren zu dürfen. Die hier wiedergegebenen Aufnahmen ([Abbildung 4] und [5]) sind auf Veranlassung des Heimatschutzes von Herrn Georg Schäfer hergestellt worden. Das vorläufige Ergebnis meiner Untersuchung, bei der ich von den Herren Professor Dr. Jacobi, Dr. Bierbaum, Dr. Pinther, Dr. Wünsche und von Herrn Direktorialassistenten an der staatlichen Skulpturensammlung Dr. Müller freundlichst unterstützt wurde, ist folgendes:

Aufnahme aus dem Heimatschutzarchiv

Abb. 4 Der Kühnhaider Stein Vorderseite

Der Kühnhaider Stein ist ein Block des körnigen, roten Eruptiv-Gneises, wie er in der Gegend von Kühnhaide fast überall angetroffen wird. Man wird also mit der Möglichkeit zu rechnen haben, daß das Bildwerk unweit der Fundstelle entstanden sein kann. Das auf unserer Abbildung nicht sichtbare, in der Mitte der unteren Schmalfläche befindliche Zapfenloch macht es wahrscheinlich, daß der dreieckige Stein entweder auf einem Postament aufsaß oder mit einer anderen Steinplatte verbunden war, die die Fortsetzung des Körpers enthielt, dessen Kopf auf dem erhaltenen Block dargestellt ist. Ich ziehe zunächst die erste Ansicht vor, da die ganze rohe Gestalt des Blockes nicht dafür spricht, daß der Verfertiger des Steinbildes mehrere solcher Blöcke zusammengesetzt habe. Der eingemeißelte bartlose Kopf ist mit sehr einfachen Mitteln in den Gneis vertieft, aber doch schon mit Anwendung eines Steinmeißels. Zu beachten ist auch, daß der Bildner den Versuch gemacht hat, die Pupille in der Mitte des Auges durch eine Vertiefung anzudeuten. Trotz der Schlichtheit der Arbeit zeigt der Kopf, vielleicht ist es Zufall, einen gewissen Ausdruck der Müdigkeit oder der Milde. Schon aus diesem Grunde wird man kein slawisches Götterbild in dem Kopfe finden können. Alles, was wir von der Darstellung slawischer Götter wissen, widerspricht diesem Bilde. Hier ist nichts Drohendes, nichts Schreckendes, wie bei dem Zadeler Stein. Über dem Kopf findet sich ein System vielleicht korrespondierender vertiefter Linien, durch einzelne kleine Bruchflächen unterbrochen, die ebensogut Reste einer Bekrönung des Kopfes wie Schriftzeichen darstellen können. Ebensolche Schriftzeichen finden sich auf der Rückseite des Blocks. Es wird von diesen beiden Stellen in diesen Tagen mit weicher Papiermasse ein Abklatsch gemacht werden, der die Bestimmung der Zeichen erleichtern wird. Aber soviel läßt sich heute schon sagen, daß diese Schriftzeichen entweder germanische Runen oder griechische Buchstaben darstellen. Vor kurzem ist bei Asch in Böhmen ein kleinerer Sandstein gefunden worden, der Runenzeichen trägt. »Die Museumsverwaltung in Asch stellte fest, daß es sich hier um ein echtes Fundstück aus germanischer Vorzeit handelt. Die in den Stein tief eingeschnittenen Runenzeichen sind die Buchstaben G und A des gemeingermanischen Runenalphabets. In dem Fund erblickt man einen Beweis für die geschichtliche Annahme, daß vor mehr als fünfzehnhundert Jahren in der Gegend von Asch, Elster und im Erzgebirge Germanen ansässig gewesen sind, die über das Fichtelgebirge herüber den andrängenden Slawen entgegengezogen waren (Dresdner Anzeiger 1924, 24. Sept.).« Ich habe mich bereits mit der Museumsverwaltung in Asch in Verbindung gesetzt, um ein Bild dieses Fundes zum Vergleich zu erlangen.

Aufnahme aus dem Heimatschutzarchiv

Abb. 5 Der Kühnhaider Stein Rückseite

Sollten sich die Schriftzeichen auf dem Kühnhaider Stein als Runen erweisen, so könnte man wohl annehmen, daß das Bild ein germanisches Heiligtum war, das bei einer Wanderung über das Gebirge im Moore verloren oder versenkt wurde, oder daß es, wie der Hornhausener Reiterstein, das Gedächtnis an das Grab eines auf der Heerfahrt umgekommenen Fürsten oder Helden festhalten sollte. Die Wahl des am Fundort vorhandenen, sonst für ein Bildwerk wenig geeigneten Gneises und die offenbar flüchtige Art der Arbeit würden dafür sprechen.

Sollten sich die Schriftzeichen als griechische erweisen, so würde man in dem Kopfe einen ganz alten schlichten Typus des Bildes Christi erkennen dürfen, einen Vorläufer des ebenfalls kreisrunden, bartlosen Christuskopfes von Elstertrebnitz (s. [Abbildung 3]). Die ersten Schriftzeichen auf der Rückseite des Steines lassen sich allenfalls als ΧΡ (= Christos) deuten, und gerade diese beiden Buchstaben sind ja auch ein sehr altes, schon auf den Feldzeichen (labarum) Konstantins des Großen vorkommendes Symbol des christlichen Kultus. In diesem Fall eröffnet sich eine ganze Reihe von Deutungsmöglichkeiten. Vielleicht hängt dieses Steinbild irgendwie mit dem Kriegszuge zusammen, auf dem Bischof Arno von Würzburg am 13. Juli 892 gegen die heidnischen Slawen in der Nähe des Flusses Chemnitz fiel, oder die Tätigkeit der Slawenapostel Methodios († 885) und Kyrillos hat auch einen Missionszug über das Erzgebirge zu den Elbslawen veranlaßt, bei dem dieses steinerne Kultbild für ein augenblickliches Bedürfnis geschaffen und dann verloren wurde, oder es bezeichnete den Weg, auf dem die böhmische Prinzessin Judith als Braut Wiprechts von Groitzsch über das Gebirge kam. So umschweben unser Kühnhaider Steinbild eine ganze Reihe ungelöster Rätselfragen, und es könnte Befremden erregen, daß ich, ohne die Untersuchung zu Ende geführt und ohne mich selbst für eine der Möglichkeiten entschieden zu haben, schon heute diesen Aufsatz in so unfertiger Gestalt herausgebe. Aber gerade dadurch hoffe ich um so mehr Teilnahme für den rätselvollen Stein zu erwecken und Nachrichten darüber zu erhalten, ob etwa jemand von einem ähnlichen Fund auf sächsischem oder Sachsen benachbartem Boden gehört hat. Vor allem bitte ich die kleineren Museen des Landes und alle Privatsammler, die ein ähnliches Fundstück im Besitz haben sollten, mir gütigst davon Mitteilung zu machen. Denn in jedem Fall eröffnet der Kühnhaider Stein ein weites Gesichtsfeld in eine ferne Vergangenheit unseres Landes und auf Anfänge einer Kultur, von der wir noch keine festumrissene Vorstellung haben.