Bilder aus dem Heimatschutz-Archiv durch Photograph Preuß
Abseits von der Heerstraße der Wanderer, zwischen Grimma und Oschatz, südlich vom Wermsdorfer Forst, auf einem Bergrücken malerisch aufgebaut, liegt das Ackerbaustädtchen Mutzschen. Wie sein Name sagt, ein slawisches Besitzerdorf; Musitscin wird 1081 urkundlich zuerst erwähnt. Der eherne Griffel der Geschichte vergaß, mit goldenen Lettern Heldentaten in des Städtleins Chronika zu schreiben. Das beklagenswerte Schicksal war ihm jedoch vorbehalten, von vier Feuersbrünsten 1637, 1681, 1685 und 1724 heimgesucht zu werden, die es dreimal bis auf den Grund einäscherten. Hieraus läßt sich auch des Städtleins sorgenzerfurchtes Antlitz erklären, dessen mit allen Fasern im Heimatboden wurzelnde Bewohner ihre Heimstätten immer wieder aus den Brandüberresten aufbauten. »Aschenbrödel« sollte darum des Städtchens deutscher Ehrenname sein.
Abb. 1. Mutzschen. Gesamtansicht von Süden
Abb. 2. Kirche und Pfarre in Mutzschen
Überraschend umweht einen der Geist des achtzehnten Jahrhunderts, sowie man nur den Fuß in den pittoresken, stillen Ort gesetzt hat. Da schaut aus jeder grasbewachsenen Mauerritze, aus dem huckligen Pflaster der aufkletternden Gassen, aus jedem der verhutzelten Häuserchen urtümliche Heimatseligkeit und Heimatliebe, da liegt über spinnwebgrauen Giebeln und alten Toren schlichte Treue am Althergebrachten, wie es gleich echt nur selten in einer sächsischen Kleinstadt sich findet. Geruhsames, fast dörfliches Kleinstadttreiben, da man an einem Ende des Städtchens weiß, was in den Häuschen am anderen Ende zu Mittag gekocht wird, da sich höflich jedermann grüßt und anredet, da man Zeit findet über den gebrechlichen Zaun weg, zwischen zwei Arbeiten, noch ein Schwätzchen mit der Nachbarin zu machen, wo traumverloren eines Klaviers verwehte Klänge durch alte Gassen huschen und wo es sehr viele Alte gibt – ja, so ist es auch in Mutzschen. Aber Mutzschens Romantik haftet im Malerisch-Motivreichen, im Aschenbrödelgewand, und Meister Spitzweg hätte helle Freude gehabt, wenn er sich hätte bescheiden können, nicht so hoch in die Wolken hinein zu malen. – Da geht die »Hauptstraße« krumm und kleinstadtselig an trauten, weinumgrünten Giebelhäusern vorüber, wo samtpfötige Katzen hinter blitzblanken, blumengeschmückten Fenstern behaglich spinnen, krumm, wie eben nur eine Kleinstadtgasse laufen kann. Sie mündet in das winklige und verschobene Marktplätzchen, wo die Häuser runde Torbogen haben. Eng wird’s dann in den »Schloßhäusern«. Über die Brüstung einer altväterlichen Steinbrücke blickt man in eine wilde, struppige Schlucht, auf deren Sohle ein fast versiegendes Wässerlein rinnt. Drüber zwei schwere, mittelalterliche Brückenbogen, die an einem trotzigen Achteck-Turm vorüber zum Schloß führen, das über buntblühenden, von Freitreppen unterbrochenen Gartenterrassen behäbig thront. Es ist ein schlichter Bau, Anfang des achtzehnten Jahrhunderts errichtet (nachdem die mittelalterliche Burganlage 1681 niedergebrannt war), inschriftlich verziert und mit vornehmem Altan. Gegenüber ein bescheidenes, wunderlich angelegtes Turmgebäude, des Schloßverwalters Wohnsitz. Alles atmet mitsamt dem Park ganz den Geschmack jener Zeit. – Sprudelt ein Brünnlein ins grünvermooste Steinbecken. Wer sollte sich wundern, wenn seideknisternd ein galantes Reifrockdämchen mit kunstvoll gepudertem Perückenbau, und in Kniehosen ein gleichfalls perückengeschmückter Kavalier mit zierlichem Degen, naturschwärmend konversierend, auftauchen würden. Auch beim Anblick der »Schloßhäuser« meint man noch Erbuntertänige zu schauen, im zwilchenen Kittel, die Nacken demütig gebeugt vorm vorüberreitenden Schloßherrn, aber ingrimmig vielleicht die Faust heimlich geballt über Willkür und Fron. Und endlich könnte auch ein Fähnlein pluderhosiger Landsknechte über die mittelalterliche Brücke daherziehen, fluchend oder lustig ein Liedlein singend vom Buhlen und von Frau Minne. Mag anno 1600 dort so ausgesehen haben und anno 1700 vorm letzten Brande, wie es heute wiederum aussieht. – Neben dem stattlichen Rittergut die 1834 erneuerte Kirche, auf trutzhafte Grundmauern gebaut, die durch Pfeiler gestützt sind – aber das Gebäude verbaut und merkwürdig nüchtern in dieser altertümlich-traulichen Umgebung. Im Tale die »Pfarrhäuser«, anmutig in Wiesengrün gebettete, verwetterte Häuserchen, die Anfang 1700 von der Kirche erbaut, bis Mitte 1800 dem Pfarrer als Erb-, Lehns- und Gerichtsherrn unterstellt waren. Am »Schloßberg«, der Fundstätte der altberühmten »Mutzschener Diamanten«, ruppiges Mauerwerk, im Grund eine romantische Mühle in der Nachbarschaft baufälliger Hütten. Auch im Tale jenseits, an der nach Grimma führenden Straße, allerorten winklige, engbrüstige Häuserchen, durch Treppen und Gäßchen verbunden, an den grünenden Hängen geschachteltes Fachwerk, verbaut, verklebt, wie eines Vögleins Nest – zigeunerbunt, malerisch. Und das Alter wob ein ehrwürdiges Gewand um diese Häuserchen zwischen Gartengrün, um altertümliche Durchgänge, Mauern und Höfe.
Abb. 3. Durchgang vom Kirchhof zum Markt in Mutzschen