Nun mag der Volkswitz auf der Straße und im lustigen Blatt über diese Namen denken, wie er wolle, ihre Geschichte ist uralt, und sie waren einst ebenso geachtet, wie sie jetzt unwillkürlich ein Lächeln hervorlocken, wenn sich jemand als Müller oder Schulze vorstellt.
Der Schmied ist vielleicht der älteste aller Handwerker, hochgeachtet im deutschen Altertum wie bei Griechen und Römern, so daß die Heldensage von göttlichen und fürstlichen Schmieden berichtet (Wieland der Schmied, Jung Siegfried). Die strenge Arbeitsteilung des mittelalterlichen Zunftwesens schuf eine Fülle von Einzelhandwerken (Blech-, Kupfer-, Eisen-, Hammer-, Messer-, Gabel-). Die appellativische Verwendung in der Gegenwart ist verhältnismäßig beschränkt. Wohl nur im Altenburgischen wird ein Faulpelz in prachtvoller Anschaulichkeit als »kalter Schmied« bezeichnet (Müller-Fraureuths Wb. 2, 451). Das Erzgebirge nennt einen Springinsfeld, »Huppe(r)schmied«, womit ursprünglich ein Springkäfer gemeint war. Ganz geschickte Leute werden in Sachsen mit den Worten gelobt: »Du hast’s ja weg wie Schmidts Katze«. Wer schnell und plötzlich verschwindet, ist »weg wie Schwenke«. Natürlich handelt es sich in diesen Redensarten, in denen auch andere Eigennamen an die Stelle der angeführten treten, nicht um Gattungsbezeichnungen im eigentlichen Sinne.
Müller, wohl unmittelbar aus lateinisch molinarius entlehnt, verdrängt die ältere deutsche Benennung quirn, die in den Familiennamen Kerner oder Körner fortlebt. Ein leichter, luftiger Bursche (Luftikus) wird »Windmüller« gescholten. Als Müller werden hie und da Maikäfer und Kohlweißlinge bezeichnet. Müllerknechte sind Mehlklümpchen im Brote, Müllermädeln die Aurikeln. Planvolle, tägliche Körperstählung faßt die Tätigkeit »müllern« zusammen (der Erfinder heißt Müller).
Meier aus lateinisch maior = der größere gehört in die vornehme Verwandtschaft der fränkischen Hausmaier (Maior domus), des französischen maire (Bürgermeister) und des deutschen Majors. Der Meier saß ursprünglich als Pächter oder Aufsichtführender auf einem größeren Gute (Meier Helmbrecht, der Meier in Hartmanns »Armem Heinrich«). Aus dem Gattungsnamen entstand der Familienname, dieser wieder nimmt appellativische Bedeutung an: Er bezeichnet einmal irgendeine Person aus der Gattung Mensch, deren Namen nicht bekannt ist oder nicht genannt werden soll; zu Tante Meier oder zu Lehmanns geht, wer seine Bedürfnisse auf dem Abort befriedigt. Albrecht verzeichnet den »feinen Meier« als den elegant Auftretenden; wer das tut, beißt den feinen Meier heraus. In großer Zahl werden vom Volke Zusammensetzungen gebildet, in denen das Grundwort Meier oft einen Vornamen ersetzt oder verdrängt: Angstmeier, Heulmeier (neben -fritze, -peter, -liese) ironisch auch für Sänger gebraucht, Bietelmeier neben -liese (Kind, das angibt oder klatscht), Kirchmeier (fleißiger Kirchenbesucher), Kraftmeier (ursprünglich der Turner, dann jeder, der in Taten oder auch nur Worten mit seinen Kräften prahlt; Kraftmeierei, Kraftmeiertum); Nietenmeier oder -fritze (Lotteriekollekteur); Piepmeier, Schlaumeier, Schwafelmeier neben Schwafellob, -hanne; Simpelmeier (Dummkopf); Kohlmeier (Aufschneider); Schwindelmeier, einer, der etwas vorschwindelt; Spielmeier; Strampelmeier (Radfahrer); Windmeier (Flausenmacher). Abmeiern bedeutet ursprünglich: einen Bauern auf irgendeine Weise von seinem Gute vertreiben; daraus erklärt sich meiern = foppen, anführen. Der besitzlose Bauer war der Gemeierte (übervorteilen, betrügen, auch der Geblaßmeierte). Wer im Vereinsleben aufgeht, ist ein Vereinsmeier.
Schulze ist die gekürzte Form von Schultheiß, dem Namen des Ortsvorstehers. Wie die anderen bezeichnet auch Schulze appellativisch jede beliebige Person. Die Ra. »Das ist mir Gottlieb Schulze« drückt aus, daß einem etwas völlig gleichgültig ist.
Lehmann, noch in Urkunden des 17. Jahrhunderts auch Lehemann, ist eigentlich der mittelhochdeutsche Lehensmann, der mit einem Gut oder Amt Beliehene. Jetzt ist dieser Familienname Gemeinname für Dummkopf: Das sieht Lehmann im Finstern. Irgendeinen Menschen vertritt der Name in der Ra.: Es wird wieder besser mit’m alten Lehmann, wenn z. B. die Frage nach dem Befinden gestellt wird.
Pietzsch, zu Peter gehörend wie Dietzsch zu Dietrich, ist in Sachsen ebenso häufig wie Lehmann. Darum ist unter den Kindern der Vers üblich: Pietzsch und Lehmann kam’n in’n Laden: Woll’n fer’n Dreier Käsemaden! Käsemaden hammer nich’ – Pietzsch und Lehmann drückten sich. Ein eifriger Turner heißt spöttisch Muskelpietzsch.
Huber, mhd. huober neben huobener, gehört mit Hübner zu Hufe, bezeichnet also den Besitzer einer Hufe. Der Name ist in Süddeutschland verbreitet und konnte darum Appellativum werden: Wühlhuber (unruhiger Hetzer), Quellenhuber (so nennt G. Roethe eine bestimmte Richtung von Forschern), Gschaftlhuber.
Auch in der Welt der Wörter gibts keinen Stillstand. Ein ewiger Kreislauf offenbart sich selbst an dem scheinbar Allerbeständigsten, an den Personennamen. Die Schöpferkraft der deutschen Sprache ist noch nicht versiegt.