Aufnahme von Josef Ostermaier, Blasewitz

Alte Eiche im Hermsdorfer Park

15 000 Mark

In Buchstaben: Fünfzehntausend Mark.

Nach einigem Zögern hatte auch ich mir ein Los der 5. Sächsischen Geldlotterie des Landesvereins »Sächsischer Heimatschutz« geleistet. Warum auch nicht! Wer opfert nicht von Herzen gern eine Mark und fünfzig Pfennig gerade für diesen Verein! Und sollte man es sogar in der Befürchtung tun, nichts zu gewinnen! Aber nein, für mich kam die Sache ganz anders. Meine Losnummer endete mit einer eins, und durch die Gewinnliste, die ich mir für zehn Pfennig kaufte, erfuhr ich die große Tatsache: alle Lose, die mit einer eins endigen, haben eine Mark und fünfzig Pfennig gewonnen, oder mit anderen Worten: sie erhalten den Loseinsatz zurück! So steckte ich also mein wohlverwahrtes Los ein und fuhr mit der Elektrischen von meiner Vorstadt aus bis auf den Pirnaischen Platz, von dort aus lenkte ich meine großen Schritte nach der Schießgasse zu. Vor der Geschäftsstelle des Landesvereins hielt ein leeres Auto. Warum sollte vor der Geschäftsstelle des Landesvereins nicht einmal ein leeres Auto halten? Konnte ihm nicht eben der Herr Hofrat Seyffert entstiegen sein? Doch nein, fast möchte ich’s nicht glauben: der Herr Hofrat, der noch vor kurzem durch das ganze liebe Sachsenland gewandert ist, um Schätze für sein Paradies in dem früheren Jägerhof drüben auf der Asterstraße zu sammeln, wird auch bis auf die Schießgasse nicht erst ein Auto nehmen. Wie dem auch sei: vor der Geschäftsstelle des Landesvereins hielt ein leeres Auto. Ich ließ es dort stehen, solange es wollte, und stieg behutsam die alte steinerne Treppe hinauf. Im Vorraum der Geschäftsstelle zeigte ein großer Pfeil nach links, nach dem Zimmer nämlich, in dem die Gewinne ausgestellt wurden. Ich schwenkte also, was ich sonst nie tue, nach links, mein Los in der Hand, und bemerkte auf den Stühlen des Vorraumes Männer und Frauen, die sich gar geheimnisvoll zuflüsterten. Ich ahnte, daß sie alle einmütig zusammengehörten. Jetzt erst trat ich in den großen Raum ein. An dem langen Zahltisch stand neben mir ein stattlicher Mann, etwa dreißig Jahre alt, einfach gekleidet, aber ohne den geringsten Tadel. Der legte, genau wie ich es nach ihm tat, sein Los auf die Tafel, um seinen Gewinn abzuholen. Aber er hatte eine ganz andere Nummer gezogen als ich: 86 156! Und das wußte ich noch von der Gewinnliste her, die ich mir für zehn Pfennig gekauft hatte: »Die Prämie von fünfzehntausend Reichsmark fiel auf die Nummer 86 156 mit einem Gewinn von fünfundzwanzig Reichsmark.«

So stand ich also neben dem Glücklichen, der in jenem Augenblick ein reicher Mann wurde. Aufgeregt war er, das merkte man ihm an. Ja, wenn nun auch nur eine Ziffer nicht gestimmt hätte, oder wenn ... na kurz, er glaubte es selbst erst, als die Beamten die Nummer nachgeprüft hatten und ihm nun 15 000 M., in Buchstaben: fünfzehntausend Mark auf einem großen Zahlbrett auszahlten. Auf die fünfundzwanzig Mark verzichtete er freiwillig, und während er das viele, viele Geld in seine Brieftaschen steckte, gab er immer und immer wieder die Versicherung ab, diesmal sei der Gewinn wirklich in gute Hände geraten. Bald wußte ich auch seinen Namen und seinen Wohnort, ich war der erste, der ihn beglückwünschte, dann aber zog ich mich bescheiden zurück; denn ich wollte nicht gleichzeitig auch der erste sein, der ihn ... anbettelte! Er wird schon bald danach bemerkt haben, wie beliebt er überall ist, wo er sich nur irgend sehen ließe. Jetzt kam ich selbst an die Reihe und ließ mir meinen Gewinn auszahlen: eine Mark und fünfzig Pfennig. Und als ich wieder in den Vorraum kam, fand ich meine Vermutung bestätigt: mitten im Kreise – es war wohl sein Verwandtschaftskreis – stand er, der reiche Mann, und er zeigte ihnen soviel gutes Geld, wie sie wohl noch nie gesehen hatten: 15 000 Mark! Ob er schon wußte, was er mit seinem Gewinn anfinge? Ich für meinen Teil überlegte nicht lange, ich ging in den zweiten Raum, legte zu meinem Gewinn noch eine halbe Mark hinzu und bezahlte an den Landesverein meinen Mitgliedsbeitrag, mit dem ich noch weit im Rückstande war. Ich zahlte nun sogleich für zwei Monate auf einmal! Und blieb noch immer ein großes Stück hinter dem Heereszug zurück. Als ich die steinerne Treppe wieder bedächtig hinuntergestiegen war, füllte sich das Auto mit vergnügt aussehenden Männern und Frauen. Töff, töff, und fort ging die Fahrt. Nun ich einmal mitten in der Stadt war, benutzte ich die Gelegenheit, hier und da noch etwas zu erledigen, und erst in später Abendstunde trat ich meinen Heimweg an. Sonderbarerweise kam mir gar nicht der Gedanke, mit der Elektrischen heimzufahren; nein, Schritt für Schritt marschierte ich heraus in meine Vorstadt. Mir war, als fänden die Vorübergehenden etwas Besonderes an mir; sollten sie mir es etwa ansehen, daß ich heute Augen- und Ohrenzeuge eines so großen Ereignisses gewesen war? Oder glaubten sie etwa gar ...? Nein, das – gewiß nicht. Von Zeit zu Zeit griff ich an meine Tasche; ich konnte unbesorgt sein: ich hatte sie noch immer bei mir, meine – Quittung über den Mitgliedsbeitrag für zwei Monate auf einmal!

Als ich bei uns daheim ankam, lagen die Meinen bereits in stiller Ruh, wie einstmals Babylon, und ich bemühte mich, sie nicht zu stören. Leise ging ich in mein Zimmer, tastete nach einem Streichholz und brannte die Gaslampe an; nur halbhell ließ ich es im Zimmer werden; denn für meine Gedanken brauchte ich keine grelle Beleuchtung. Eigentlich wollten wir schon längst elektrisches Licht haben, aber immer wieder reichte der Draht nicht, und so verpaßten wir den Anschluß vom Treppenhaus aus bis in die Wohnung. Für heute jedoch war es gut so: wird man doch mit elektrischer Beleuchtung wohl kaum Dämmerlicht erzeugen können, wie ich es gerade brauchte. Dichten und trachten – und sei es auch böse von Jugend auf – man muß es doch bisweilen tun, und mir will es nur dann gelingen, wenn ich um mich herum blaue Wölkchen aufsteigen sehe, die sich phantastisch gestalten, bis sie sich in einer bestimmten Höhe beruhigen und zu einem dicken Strich verdichten. Darum setzte ich zuerst eine Zigarre in Brand und dann mich selbst ganz allein um den großen Tisch herum, der für gewöhnlich noch meine Frau und zwei erwachsene Kinder um sich versammelt sieht. Im Dämmerlicht schrieb ich mit festen Zügen auf ein großes Blatt Papier:

1,50 M.

Und wie ich so dasaß und sann und sann, da machte sich plötzlich und unerwartet das scheinbar unscheinbare Komma auf die Wanderschaft und rückte nach rechts bis hinter die erste Null. Da waren aus meinem Gewinn schon hundertfünfzig Mark geworden. Ich fügte noch eine Null hinzu, und das Komma stellte sich dahinter. 1500 Mark las ich jetzt halblaut vor mich hin. Noch einmal griff ich zum Blei, nicht zum tödlichen, sondern nur, um noch eine Null hinzuzuschreiben; denn, dachte ich mir, aller guten Dinge sind drei. Und als ich die letzte Null oben verschloß, krach! da brach die Spitze des Bleistiftes ab und ward nicht mehr gesehen! Auch mein Komma war verschwunden, zum mindesten habe ich ihm keine Beachtung mehr geschenkt, und ich schenke doch sonst so gern! Da hatte ich sie wieder vor mir, die große Zahl, die mich heute nicht aus ihrem Bannkreis weichen lassen wollte: