„Das ist wohl möglich,“ sagte der Mönch; „dennoch ist dieser schlimme Gast vorhanden, und er ist die alleinige Ursache deines Vermögensverfalles und deines Zurückkommens.“
„Den möcht’ ich sehen! Ich wollt’ ihn“ — fuhr der Wirt auf.
„Du wirst ihm nicht gleich etwas anhaben, lieber Bruder,“ sprach lächelnd der Mönch; „allzulange hast du ihn treulich gehegt und gepflegt; doch sehen sollst du ihn, den fetten Lollus. Er befindet sich in deinem Keller; geh mit mir hinunter!“
Verwundert nahm der Wirt den Kellerschlüssel und eine Lampe und dachte: „Aha, mein Bruder meint den Wein; er will andeuten, ich sei mein bester Gast selbst, doch da irrt er sich sehr.“
Im Keller hieß der Mönch seinen Bruder die Lampe auf ein Faß setzen, daß ihr Strahl in eine leere Ecke fiel, hieß den Wirt hinter sich treten, zog ein kleines, schwarzes Buch hervor und murmelte daraus, gegen die Ecke gekehrt, eine Beschwörungsformel. Da wallete der Boden, da hob sich etwas Dickes heraus, da glühten ein paar feurige Augen, und dem Wirte gerann das Blut in den Adern vor Furcht und Grauen.
„Lölle, gehe ganz herzu!“ rief der Mönch. Da hob sich dem dickgeschwollenen Kopfe ein unförmlich dicker Leib nach, und kurze plumpe Füße patschten auf dem Boden des Kellers, und ein unförmiges, scheußliches Tier, dessen Haut so fett und speckig glänzte wie die einer Robbe, hockte in der Ecke.
„Schaust du deinen werten Gast, mein Bruder?“ fragte der Mönch zu diesem gewendet, sehr ernst. „Ich vermeine, er habe sich in deiner Herberge nicht übel gemästet! Siehst du, Bruder, alle und jede Frucht deines Truges hat nicht dir angeschlagen, sondern diesem Lollus. Was du den Fremden und deren Vieh abgezwackt, der hat sich davon genährt, den durch zu kleines Maß und durch zu kleine Flaschen trüglich gewonnenen Wein oder sonstiges Getränke — alles hat der Lollus geschluckt. — Unrecht Gut gedeihet nicht, und Untreue schlägt ihren eigenen Herrn. Soll sich’s mit dir und deinem Wesen bessern, so übervorteile niemand mehr, betrüge niemand, übernimm niemand. Fordere, was recht ist; denn was recht ist, lobt Gott. Halte ehrliches, gerechtes Maß und Gewicht, siehe selbst zu deinen Sachen, täglich, stündlich, vom Keller bis zum Kornboden. Bediene, soviel du es kannst, selbst deine Gäste, verlasse dich nicht allzuviel auf Ober- und Unterkellner, auf Hausknecht und Stallknecht, auf Koch und Büttner. Je mehr du Gesinde hältst, je fetter füttert sich der Lollus.“
Nach dieser Vermahnung wurde der Wirt sehr nachdenklich und sagte: „Ich danke dir, mein Bruder; ich will tun nach deinen Worten, die du mir gesagt hast.“
Da beschwor der Mönch den Lollus wieder und sagte: „Lölle, kreuch’ ein!“ und schwerfällig kroch der Lollus hinterwärts wieder in die Erde zurück, und die Kellerecke war wieder leer und glatt wie zuvor.