Auf einem gewissen Berge der obern Rheingegend weidete ein Schäfer seine Heerde, und eben wollte er sein kärgliches Mittagsmahl verzehren, als er ein altes Männlein am Stabe auf sich zukommen sah. Dasselbe grüßte ihn und nahm seine Einladung, mitzuessen, an. Während sie beisammen saßen, erkundigte sich das Männlein nach des Schäfers Verhältnissen, und als es gehört, daß er viele Kinder und kein Vermögen habe, hieß es ihn, ihm folgen. Sie gingen nun auf dem Berge fort und gelangten zu einer großen, glatten Felswand, in welcher eine steinerne Thüre und über derselben ein rundes Loch war. Aus diesem holte das Männlein einen Schlüssel hervor, schloß damit die Thüre auf und trat nebst seinem Begleiter durch sie in eine Felsenkammer, worin zwei Kisten und auf einem runden Steintische eine Flasche standen. Auf Geheiß seines Führers schlug der Schäfer die Deckel der Kisten in die Höhe, deren eine mit Silber-, die andere mit Goldmünzen angefüllt war. »Nimm Dir nur«, sprach das Männlein, »von dem Gelde, so viel du willst; die Flasche aber mußt du stehen lassen, denn sie enthält die Goldtinktur!« Ohne zu säumen, pfropfte der Schäfer alle seine Taschen mit Goldstücken voll und folgte dann dem Männlein wieder aus der Kammer, welches deren Thüre zuschloß, den Schlüssel in das Loch legte und nach wenigen Schritten verschwand. In großer Freude brachte der Schäfer das Geld nach Hause, sparte es aber nicht, weil er dachte, sich leicht wieder anderes zu verschaffen. Als er nun keines mehr hatte, trat er getrost den Weg nach dem Felsen an, dessen Aussehen und Lage im Angesicht dreier Kirchthürme er sich wohl gemerkt hatte. Trotz alles Umhersuchens auf dem Berge konnte er aber weder den Felsen, noch die Stelle, von wo drei Kirchthürme zu sehen, wieder auffinden.

9.

Schatz gehoben.

Im Walde bei Brugg zeigte sich öfters unter einer Weißhasel ein nächtliches Lichtlein. Daraus schloß eine Frau, daß dort ein Schatz vergraben sey, und nahm sich vor, ihn zu heben. In dieser Absicht ging sie mit ihren beiden Söhnen nach verrichtetem Gebet um Mitternacht dahin. Sie hatten brennende Kerzen, Palmen und eine Ruthe von einer Weißhasel bei sich, was Alles geweiht war. Nachdem sie eine Weile dort gegraben, stießen sie im Boden auf einen schwarzen Hund, welcher auf einer eisernen Kiste saß. Er hatte feurige Augen und knurrte unaufhörlich. Ohne sich hierdurch schrecken zu lassen, schlugen sie mit der Ruthe so lange auf ihn, bis er sich in die Erde verkroch. Alsdann hoben sie die Kiste ungestört heraus und brachten sie nach Hause, wo sie dieselbe ganz mit altem Silbergelde gefüllt fanden.

10.

Hostie vor Entheiligung bewahrt.

Ein Mann in Brig, welcher für sehr fromm galt, verschied, nachdem er von einem der dortigen Jesuiten die Sterbsakramente empfangen hatte. In der Nacht nach seiner Beerdigung klopften um zwölf Uhr zwei schöne Jünglinge an die Pforte des Kollegiums und verlangten den Jesuiten, der die leere Hostienkapsel mitnehmen solle. Derselbe kam und wurde von ihnen nach Glis, wohin Brig eingepfarrt ist, auf den Kirchhof geführt. Dort öffneten sie das Grab und den Sarg des Mannes; letzterer richtete sich in die Höhe und machte den Mund auf, worin die heilige Hostie noch unversehrt auf der Zunge lag. Von dieser nahm der Pater, auf Geheiß seiner Führer, die Hostie in die Kapsel, worauf der Todte mit verzerrtem Gesicht in den Sarg zurücksank. Nachdem die Jünglinge das Grab wieder zugescharrt hatten, geleiteten sie den Jesuiten bis an die Pforte des Kollegiums, wo sie vor seinen Augen verschwanden. Da erkannte er, daß es zwei Engel waren. Bald nachher stellte sich heraus, daß der Verstorbene ein sündhaftes Leben geführt habe und seine Frömmigkeit nur Heuchelei gewesen sey.

11.

Die Basler Silberglocke.

Zur ersten Zwinglischen Predigt im Münster zu Basel sollte mit der alten, hochgeweihten Silberglocke geläutet werden; aber beim ersten Zuge fiel sie aus dem Thurm in den Rhein hinab. Man weiß die Stelle, wo sie liegt, und hat schon mehrmals versucht, sie herauszuziehen; es wird jedoch erst dann gelingen, wenn das Münster wieder eine katholische Kirche ist.