Unter starker Bedeckung wurden sie aus dem Gefängniß geführt, um zum Hochgericht zu gehen; allein kaum hatten sie die bloße Erde betreten, so waren sie verschwunden. Durch eine weit verbreitete Streife fing man sie zwar wieder ein; aber als man sie hinrichten wollte, ging es gerade wie das vorige Mal. Hierdurch sicher gemacht, ließen die Zigeuner nach einiger Zeit sich wieder in der Gegend sehen, und da sie ihr früheres Unwesen fortsetzten, wurden sie von Neuem festgenommen. Damit sie jedoch nicht auch diesmal der verdienten Strafe entgehen möchten, ließ man sie nicht mehr die blose Erde betreten, sondern brachte sie über eine Brücke aus dem Gefängniß auf den Sünderkarren, und ebenso von diesem auf das Blutgerüst. Weil unter ihnen eine Jungfrau von außerordentlicher Schönheit war, ließ die Obrigkeit ausrufen: Wenn Jemand das Mädchen heirathen wolle, so solle er vortreten und sie in Empfang nehmen; es würden ihr dann Leben und Freiheit geschenkt. Nicht ohne Hoffnung sah die Jungfrau sich nach einem Retter um; aber aus Furcht vor ihrer Heidenkunst meldete sich Keiner, und so ward sie, mit den vier andern Zigeunern, enthauptet. Die Wiese, auf welcher dies geschehen, wird davon noch heute die Heidenmatte genannt.
Zaubermelkerei.
Ein Steinhauer aus Zell erzählte: »Ehe ich Meister war, schaffte ich eines Winters in einer Steingrube bei Rheinfelden. Neben mir arbeitete ein Geselle, der, wenn er Durst hatte, seinen Spitzhammer in den Gerüstbalken schlug, auf dem sein Arbeitsstein lag, sodann aus dem Stiele des Hammers Milch in seinen Filzhut molk und daraus nach Herzenslust trank. Als er mir auch einmal zu trinken anbot, dankte ich, weil ich nicht wisse, was das für Milch sey, und darauf erwiderte er: ›Dies ist gewöhnliche Kuhmilch; der Bauer, welchem die Kuh gehört, weiß aber nicht, warum sie ihm so wenig Milch gibt, und noch weniger, daß er mich, einen Steinhauer, zum Melker hat.‹«
Fronfastenweiber.
In Zell hatte ein Adelsberger Mann für seine niedergekommene Frau ein Fäßlein guten Weins gekauft, und wollte es in der Nacht heimtragen. Unterwegs sah er aus der Ferne einige Frauen herbeikommen, die er an ihren weißen Schleiern für Fronfastenweiber erkannte. Schnell verbarg er das Fäßlein in den Weggraben und sich selbst eine Strecke davon hinter eine Staude. Als die Weiber zu dem Fäßlein kamen, lagerten sie sich um dasselbe, tranken lustig daraus und entfernten sich erst nach einer guten Weile. Betrübt ging nun der Mann zu dem Fäßlein, welches er halb ausgetrunken wähnte; allein beim Aufladen fand er es nur wenig leichter geworden. Zu Hause zapfte er lange Zeit daraus, und als es gar nicht leer werden wollte, schaute er endlich hinein: da war nichts mehr darin. Ohne das Hineinsehen wäre aber das Fäßlein niemals leer geworden.
Brennende Männer.
Auf den Matten und Äckern des Wiesenthales erscheinen in manchen Nächten brennende Mannen, die bei ihren Lebzeiten durch Versetzung der Marksteine ihre Grundstücke betrügerisch vergrößert haben. Mit Blitzesschnelle fahren sie von einem Ort zum andern, springen den Leuten, die etwas tragen, darauf, und lassen sich mit fortschleppen. Einem Bauer von Freiatzenbach, welcher mit einem Sacke Mehl aus der Zeller Mühle heimging, setzte sich ein solches Gespenst auf den Sack und ließ sich, immer schwerer werdend, bis an dessen Hausthüre tragen. Als dieselbe auf des Bauers Klopfen von seiner Frau geöffnet worden, rief letztere aus: »Was Teufels hast du denn auf dem Sacke?« Da verließ das Gespenst den Bauer, welcher wohl gemerkt hatte, daß er außer dem Mehle noch einen brennenden Mann auf dem Rücken habe.