Der Baum kam erst in einem Hofe in der Stadt wieder ganz zu sich, als er einen Mann sagen hörte: »Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur diesen!«

Nun kamen zwei Diener und trugen den Tannenbaum in einen großen, schönen Saal. An den Wänden hingen Bilder, und neben dem Kachelofen standen große chinesische Vasen. Da gab es Schaukelstühle, seidene Sofas, große Tische voller Bilderbücher und Spielzeug. Der Tannenbaum wurde in ein großes, mit Sand gefülltes Faß gestellt; aber niemand konnte sehen, daß es ein Faß war; denn es wurde mit grünen Zweigen behängt und stand auf einem großen, bunten Teppich. O, wie der Baum vor Erwartung bebte! Was wird nun wohl vorgehen? Zunächst kamen Diener und Fräulein und schmückten ihn. An seine Zweige hingen sie kleine Netze aus farbigem Papier; jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete Äpfel und Nüsse hingen herab, und über hundert rote, blaue und weiße kleine Lichter wurden in die Zweige gesteckt. Puppen, die wie Menschen aussahen, schwebten im Grünen, und oben auf der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt. Das war prächtig, ganz unvergleichlich prächtig!

»Heut abend,« sagten alle, »heut abend wird er strahlen!«

»O!« dachte der Baum, »wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde kommen, um mich anzuschauen? Ob die Sperlinge gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt dastehen werde?«

Er hatte ordentlich Borkenweh vor lauter Sehnsucht, und Borkenweh ist für einen Baum ebenso schlimm, wie Kopfschmerzen für uns andre.

Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz! Welche Pracht! Der Baum bebte dabei in allen Zweigen so, daß eins der Lichter das Grüne anbrannte.

»Gott bewahre uns!« schrien die Fräulein und löschten es schnell aus.

Jetzt durfte der Baum nicht einmal mehr beben. Ihm war so bange, etwas von seinem Schmuck zu verlieren; er war ganz geblendet von all dem Glanze. Und nun gingen die Zimmertüren auf, und eine Menge Kinder stürzten herein, als wollten sie den Baum umwerfen; die älteren Leute kamen langsam nach. Die Kleinen standen ganz stumm, aber nur einen Augenblick, dann jubelten sie wieder, tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt.

»Was machen sie denn?« dachte der Baum. Und die Lichter brannten bis an die Zweige herunter, und je nachdem eins niederbrannte, wurde es ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder Erlaubnis, den Baum zu plündern. O, die stürzten auf ihn ein, daß er in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze an der Decke befestigt gewesen, so hätten sie ihn sicher umgeworfen.

Die Kinder tanzten dann mit ihrem prächtigen Spielzeuge herum. Niemand sah nach dem Baume, als die alte Kindsfrau, welche zwischen die Zweige blickte, aber nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen worden sei.