Mein Vater trat endlich hinzu, schob aber mich mit der Hand hinter sich zurück. Dann sahen wir es: Der Mann lag in einer Blutlache; der aus einer Halswunde sprudelnde Quell war bereits gestockt.
Mein Vater legte die Hände ineinander und sagte ganz leise: »Jetzt haben sie da den Jäger Wolf erschlagen!«
Als ich hierauf zu weinen begann, hob mich mein Vater empor zu seiner Brust; und wie ruhig er auch scheinen wollte, ich hab es doch wahrgenommen, wie sein Herz so heftig schlug.
Dann untersuchte er den Erschlagenen – die Augen waren gebrochen, die Lippen fahl wie trocken Erdreich – das Leben war dahin.
»Mit dem Weidenschneiden ist es heute nichts,« sagte mein Vater, »jetzt muß einer von uns Leute holen, daß sie den Wolfgang wegtragen; und der andere wird dieweilen dableiben müssen. Einen Toten kann man nicht allein lassen, solange er nicht im Grabe ruht. Es könnte auch leicht ein Tier über ihn kommen. Das beste wird sein, ich holpere hinaus in den Brandgraben zu den Holzknechten, und du setzest dich schön still da unter das Kreuz.«
Mir gab’s einen Stich im Herzen. Wie konnte mir mein Vater das antun, mich stundenlang allein lassen im Walde bei einem Toten! Aber ich wußte den Weg nicht und hätte die Holzknechte nicht gefunden.
»Freilich, Büblein, ist das ein trauriges Warten da,« fuhr er fort, »aber wachen muß wer dahier, diese christliche Lieb müssen wir dem Wolf schon erweisen.«
Ich starrte auf den Toten.
Mein Vater zog seine kleine Axt aus dem Gürtel, mit welcher er die Weidenruten hauen wollte, und fällte nun Äste von den Bäumen und hüllte den Jägersmann mit Reisig ein. Dann kniete er nieder vor der grünen Bahre und betete still ein Vaterunser. Und als er sich wieder erhob, sagte er: »Und jetzt, mein Knabe, tu unserem Mitbruder den Liebesdienst und wache! Die Axt laß ich dir da, die halt fest. Fuchsen und Raben können leicht kommen; andere Raubtiere weiß ich in der Gegend nicht. Bis zu den Weiden dort magst hingehen, aber weiter weg nicht. Ich will recht eilen; bis die Schatten anheben zu wachsen, wird schon wer kommen!«
Dann legte er für mich noch Brot unter ein Bäumchen, und dann ging er davon. Er ging hin quer über die Wiese, wie wir hergegangen waren, und er verschwand in dem Dunkel des Waldes.