Abb. 98. Rotkäppchen im Walde. Bechsteins Märchenbuch. 1853.
(Zu [Seite 64].)
1859 vollendet Richter für E. Cichorius das Bild „Im Juni“, eine Frühsommerlandschaft; es will scheinen, als wären römische Erinnerungen in ihm wieder aufgetaucht, als hätte Tizians Landschaft in der Galerie Camuccini ([Abb. 11]) ihn hierzu mit beeinflußt. Im Vorgrund in blumiger Wiese unter blühenden Heckenrosen sitzt ein Liebespaar (ähnlich wie in Rembrandts Radierung „die Landschaft mit den drei Bäumen“), vielleicht Florizel und Perdita aus Shakespeares Wintermärchen; am Rand eines Eichenwaldes lagert eine Hirtenfamilie, im Mittelgrund erhebt sich junger Buchenwald, durch den über Felsen ein Wässerchen rieselt, draußen sieht man einen in weite Fernen sich verlierenden See, am Himmel schwimmen ballige Wolken, zwischen denen ein Stück Regenbogen sichtbar ist. [Abb. 145] ist nach einer flüchtigen Federskizze zu diesem Bild, das in der Farbe schwer, aber in der Behandlung weitaus breiter als frühere ist. Über zehn Jahre hatte das Ölmalen des Illustrierens wegen ganz geruht. Die Frage drängt sich auf: Wie würde der Meister sich fortentwickelt haben, wenn er im Anschluß an den „Brautzug im Frühling“ weitere Ölbilder geschaffen hätte? Es ist sein letztes größeres Ölbild. Eine etwas kleinere Wiederholung, von seinem Schüler Adolf Arnold untermalt, vollendete er um das Jahr 1864 und stiftete es für die Lotterie zum Besten eines Fonds zur Erbauung eines Künstlerhauses in Dresden. Für die Seinen, für seinen Sohn Heinrich, für seinen Schwiegersohn Theodor Kretzschmar und seine beiden Töchter Helene und Elisabeth, malte er in der Folge noch einige kleine Ölbilder, meist Vorwürfe, die er bereits in Aquarell behandelt hatte. Er ließ sich diese Bildchen von Schülern untermalen und machte sie dann fertig. Eins dieser kleinen Bilder ist eine freie Wiederholung vom „Kleinen Teich im Riesengebirge“. Eine „Ruhe auf der Flucht“, dasselbe Motiv, das er in einer seiner letzten Aquarellen ([Abb. 189]) ähnlich behandelte, ein Bild von nicht zu großem Umfang, untermalte er Anfang der sechziger Jahre, auf Anraten eines sogenannten „Malenkönners“, braun in braun; diese Untermalung ist aber, weil sie sich als ganz unbrauchbar erwies, liegen geblieben; sein zunehmendes Augenleiden erschwerte ihm das Malen mehr und mehr.
Abb. 99. Hänsel und Gretel. Bechsteins Märchenbuch. 1853. (Zu [Seite 64].)
Bei der Radierung der Platte „Christnacht“ hatten des Meisters Augen, wie vorher schon berichtet, sehr gelitten; um das Jahr 1859 steigert sich das Augenleiden, und es machen sich bereits in den Figuren gewisse Verschiebungen und ein auffallendes mehr in die Breite Ziehen der Formen bemerklich, eine Erscheinung, die mit den Jahren sich immer mehr steigert und augenscheinlicher wird. Von jetzt ab muß er beim Aufzeichnen auf den Holzstock fremde Hilfe heranziehen; man merkt an den Holzschnitten die andere Hand gar bald heraus, besonders am Figürlichen. Die Freiheit und Kraft des Striches geht verloren, trockene Linienführung und ebenso trockene Strichlagen zeigen sich mit wenig Ausnahmen mehr und mehr in den Holzschnitten.
Abb. 100. Die Christnacht. Radierung. 1854.
Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu [Seite 65].)
Abb. 101. Ehre sei Gott in der Höhe! Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1855.
Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu [Seite 66].)