Um 1870 beschäftigte sich Richter mit den ersten Entwürfen zur „Schönen Melusine“; der Stoff war ihm vertraut von den Volksbüchern her, die er in den vierziger Jahren illustriert hatte. Nur ein Blatt ist fertig gezeichnet: die Begegnung Raimunds mit Melusine an der Waldquelle ([Abb. 172]). Der Meister ließ dann aber den Plan, diesen romantischen Stoff in einer Reihe von Bildern zu behandeln, wieder fallen. Möglich, daß der 1871 in Dresden ausgestellte wundervolle Zyklus zur „Schönen Melusine“ von Schwind ihn lahm legte, vor allem aber mag die abnehmende Schaffenskraft und das fortschreitende Augenleiden ihn an der weiteren Verfolgung des Planes gehindert haben.
Abb. 114. Der rauhe Herbst kommt wieder.
Aus „Christenfreude“. 1855.
Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu [Seite 70].)
Es liegt nahe, bei dem Namen Schwind die Verwandtschaft und die Unterschiede zwischen ihm und Richter zu beleuchten. Friedrich Pecht sagt in dem trefflichen Aufsatz über Richter in „Deutsche Künstler des XIX. Jahrhunderts“: „Am meisten verwandt ist Richter unstreitig mit Schwind, der ja aus dem gleichen Dürerschen Quell geschöpft. Aber wo der eine anfängt, hört der andere auf; sie ergänzen sich wechselseitig, ohne sich eigentlich zu berühren, denn wie Richter, selbst dazu gehörend, nur das Volk, den niederen Bürgerstand schildert, so Schwind, ein geborener Edelmann, nur die höheren Stände, das Rittertum, kurz das Aristokratische.“ H. W. Riehl schreibt in seinen „Kulturgeschichtlichen Charakterköpfen“: „Schwind und Richter waren zwei so grundverschiedene und zugleich so geistesverwandte Persönlichkeiten, — der hagere, ruhige, innerlich so warme Sachse und der gedrungene, korpulente, vollblütige, lebensprühende Wiener. In ihrem Ideal und in neidloser Anerkennung standen sich beide brüderlich nahe: Richter, der das Wahre so poetisch, und Schwind, der die Poesie so wahr gemalt hat.“ — Es hat etwas Rührendes, wie beide Meister sich gegenseitig wahrhaft hochschätzten. Für Schwind und dessen Kunst war unser Meister hoch begeistert. Wie erglänzten seine Augen, wenn er über dessen romantische Schöpfungen sprach! Es gab keinen Zeitgenossen, für den er so schwärmen konnte, wie für Schwind. Beide Meister verstanden sich, wie es wohl selten wieder der Fall sein wird. Über Schwinds etwas scharfe „Ausdrucksweise“ und Bemerkungen, die dieser treffliche Künstler oft beliebte, ging unser Meister, wenn ihm diese erzählt wurden, mit Lächeln und Stillschweigen oder wenigstens mit großer Nachsicht hinweg; ihm war die Kunst dieses Mannes so ans Herz gewachsen, daß er solche kleine „Eigenheiten“ gern übersah. Um 1845 bemühte sich die Dresdener Akademie, Schwind zu berufen; die Unterhandlungen zerschlugen sich aber. Richard Wagner spricht sich bei Gelegenheit darüber aus, wie es ihm imponiert habe, daß die Dresdener Maler sich so „neidlos“ um Schwinds Berufung bemüht; da wird wohl unser Richter mit einer der ersten gewesen sein, der dem trefflichen Meister Sympathien entgegenbrachte. — Am 11. Februar 1871 schreibt unser Meister ins Tagebuch: „Am 8. Februar, nachmittags fünf Uhr, ist der liebe Freund, der große Meister Schwind, den ich verehrte fast wie keinen anderen, gestorben. Sein letztes, tief ergreifendes, mit Mozartscher Schönheit erfülltes Werk: ‚Die schöne Melusine‘, läßt den unersetzlichen Verlust doppelt schmerzlich empfinden. (Schwinds Zyklus zur ‚Melusine‘ war, als die Todesnachricht kam, in Dresden ausgestellt.) Die ‚Melusine‘ ist das wehmütige Ausklingen einer großen, herrlichen Kunstepoche. Jetzt geht alles auf äußeren Glanz und Schein, mit wenig oder gar keinem idealen Gehalt. Wo der Glaube an die höchsten Dinge schwindet, wo unser heiliger Christenglaube nicht die Grundlage bildet, nicht die Zentralsonne ist, entsprießt kein lebenquellender Frühling mehr, entstehen nur künstlich glänzende Treibhausfrüchte einzelner Talente. Das ist meine feste Überzeugung! Und darüber ließe sich gar viel sagen und schreiben; aber wer versteht es, und wer nimmt es auf?“ Richter war fest davon überzeugt, daß die eigentliche große Kunst nur im Dienst der Kirche sich entwickeln und gedeihen könne; in den letzten Jahren sah er aber, wie man in der Kunst immer mehr andere Wege einschlug. Heute gibt es, wenigstens was die Malerei betrifft, eine kirchliche Kunst kaum mehr. An den Pflegestätten der Kunst, den Kunstakademien in Deutschland, wird sie nicht mehr gepflegt, es finden sich dafür auch keine Lehrer mehr. In Wien suchte man 1895 eine akademische Lehrkraft für katholische kirchliche Kunst, an Stelle Trenkwalds, des Nachfolgers Josef von Führichs, fand aber für dieses Fach keine geeignete und hat vorderhand davon absehen müssen, diese Stelle überhaupt zu besetzen. Die Maler haben sich von den religiösen Darstellungen mehr und mehr abgewendet, sie können die rechte Begeisterung dazu nicht mehr finden. Die religiösen oder biblischen Werke der letzten Jahrzehnte vermochten auch nicht mehr, im Volke innerlich anregend zu wirken. Was mag die Ursache dieser auffallenden Erscheinung sein? Es hat den Anschein, als bereite sich auf religiösem Gebiet eine große Umwandlung vor. In vielen Schichten der germanischen Völker arbeitet es mächtig auf „Vertiefung“ hin, auf Erweiterung der Anschauungen über die höchsten Dinge, aus einem „tiefernsten, innerlichen religiösen Sehnen“ heraus. Wir haben jetzt nur noch einen einzigen Künstler in Deutschland, der, wenn auch mit einer gewissen Unfreiheit, an die alten Meister anknüpfend, es versteht, mit wirklicher Begeisterung und innerem Feuer biblische Stoffe uns wieder nahe zu bringen, das ist E. v. Gebhardt in Düsseldorf. Am Anfang des Jahres 1884 sah Richter von ihm das Bild „Der Leichnam Christi im Hause der Maria“. Er erwähnt das Bild in dem am Schluß angefügten Briefe.
Abb. 115. Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen. Aus „Christenfreude“. 1855.
(Zu [Seite 71].)
Die Kriegsjahre von 1866 und 1870 forderten Richters ganze Teilnahme. Mit einer wahrhaft gehobenen Stimmung ging er, begleitet von seinem Sohn und vom Verfasser, zur Ausübung seiner Wahlpflicht für den ersten Norddeutschen Reichstag zur Wahlurne; es war, als ahnte er die kommende große Zeit der endlichen Zusammenfügung unseres Deutschen Reiches, unseres Vaterlandes. Die Einigung der deutschen Völker innerhalb acht Tagen nach der Kriegserklärung im Jahre 1870 ist ihm „wie ein Wunder“ und reißt ihn zu heiliger Begeisterung hin. Wie Gott unsere Kriegsheere so herrlich von Sieg zu Sieg führte, der große Tag von Sedan, der endliche Einzug in Paris und der Friede von Frankfurt, der diesen Riesenkampf der Germanen mit den Romanen abschloß, — das alles erfüllte ihn mit innigster Dankbarkeit gegen Gott. Seine Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind durchdrungen von der Größe und hohen Bedeutung dieser Ereignisse. Er erwartete wohl auch, daß diese große Zeit befruchtend auf die deutsche Kunst einwirken würde, wie dies in seiner Jugend die nationale Erhebung und die Befreiungskriege getan.
Es sind eine ziemliche Zahl von Zeichnungen vorhanden, die ursprünglich Pausen zur Übertragung auf den Holzstock waren; in den letzten Jahren, in denen Richter nur noch mit Mühe arbeiten konnte, ließ er sich solche Pausen auf Börners Rat aufziehen, überarbeitete und färbte sie leicht in seiner so geistreichen Art und vollendete auf diese Weise noch manches reizvolle Blatt oder Blättchen; das im Gras sitzende Mädchen ([Abb. 173]) ist ein solches Blatt und stammt wohl aus der Zeit nach 1870. — 1871 berichtet Richter in seinen Aufzeichnungen von dem schon früher erwähnten Bilde von Schnorr zu dem Liede „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“: „daß der Meister Schnorr es selbst seinen Schwanengesang nennt“, und fährt dann fort: „Der Gedanke ist sehr schön, für die Ausführung reichen die Kräfte nicht mehr aus. Es hat etwas tief Rührendes, eine solche Künstlergröße im letzten Abendsonnenstrahl zu sehen; denn wenn er auch noch eine Reihe von Jahren verleben sollte, so fühlt und sieht man doch, daß seine Kraft sehr gebrochen ist. Die Größe seines Talentes bleibt unbestritten; aber daß er ein edler, reiner, höchst gewissenhafter und frommer Mann ist, das ist wohl das Erfreulichste und Schönste.“ Im Jahre 1872 nahm der Tod unserem Meister auch diesen Freund, für den er sein ganzes Leben hindurch seit den herrlichen Jugendtagen in Rom eine unbegrenzte Verehrung hegte und bis an sein eigenes Lebensende bewahrte, wie ich so oft aus seinem Munde zu hören Gelegenheit hatte.
Abb. 116. Ein getreues Herz zu wissen.
Aus „Altes und Neues“. 1873.