»Ach, könntest du die Türe nicht gerade durchbohren? Du bist doch so geschickt!«
»Das werde ich allerdings bald tun müssen. Immer näher rückt die feierliche Stunde. Gebe Gott, daß alles gut geht!«
Die rätselhaften Worte eines Unbekannten an solch finsterem Ort erweckten in Max eine Riesenneugierde; er konnte nicht länger schweigen und fragte:
»Sage mir doch endlich, mit wem ich es eigentlich zu tun habe, und erkläre die Rätsel, die du mir fortwährend aufgibst, seit ich mit dir rede.«
Der Unbekannte schwieg einen Augenblick, dann begann er feierlich:
»Ich bin der Sirex juvencus, die Kiefernholzwespe. Durch den Instinkt, den wir Insekten alle haben, fühle ich, daß die Stunde meiner Verwandlung gekommen ist. Ich weiß, daß ich in kurzer Zeit ein großes, schönes Insekt sein werde, das in der Luft fliegen kann. Seit mehr als einem Jahr lebe ich hier innen. Meine Mutter legte das Ei in dieses Tannenholz, und ich arme Larve habe, kaum dem Ei entschlüpft, bohren und graben müssen, bohren und bohren immerzu. Je größer ich wuchs, desto breiter mußte ich meinen Gang höhlen. Nach so viel Arbeit bin ich endlich so weit, die Früchte meines Fleißes zu genießen. In kurzem werde ich einschlafen, werde mich in eine Puppe verwandeln, um aus ihr als vollkommenes Insekt hervorzugehen. Um aber ins Freie zu kommen, muß ich mir erst einen Ausgang schaffen, weil ich nicht zurückgehen kann; denn der Gang, den ich gegraben, als ich noch kleiner war, ist jetzt, da ich groß geworden bin, viel zu eng für mich. Du siehst, wie richtig ich sage, daß ich vor dem bedeutsamsten Augenblick meines Lebens stehe.«
Max konnte seine Bewunderung für diesen geschickten Holzbohrer nicht verbergen. Er wollte sich aber das Ansehen eines weitgereisten Insektes geben, deshalb sagte er:
»Ich möchte dich doch darauf hinweisen, daß ich noch stärkeren Nagern begegnet bin als dir. Ich habe sogar eine Freundin, die Gallwespe, die versteht es, Kugeln auf Eichenblättern zu durchbohren, die härter sind als ein Zwetschgenkern.«
Die Holzlarve lächelte überlegen, drehte sich um und begann von neuem zu nagen. Das von dem starken Werkzeug des Insektes erfaßte Holz stäubte wie ein Sägemehlregen umher, während sich der Gang rasch verbreiterte und verlängerte.