Der damaligen landschaftlichen Bestimmung ist noch heute zuzustimmen, die Jahreszahl der Fertigstellung ist aber 1489 statt 1487 zu lesen. Die Fehler sind heute unschwer festzustellen. Jedenfalls verführt uns heute keineswegs mehr der Wunsch, in diesen Miniaturen die Arbeit des Mitgliedes einer bekannten Augsburger Künstlerfamilie zu finden, überdies dürfte eine ausführlichere Kennzeichnung und Kritik der Blätter der Erfüllung des anderen schon damals ausgesprochenen Wunsches dienen können: daß nämlich noch andere Werke dieses Miniators, insbesondere andere Blätter dieses Plenars gefunden werden möchten.
Die Maße der sehr wenig, fast nur der Breite nach beschnittenen Pergamentblätter sind folgende: Höhe 35 cm, Breite 25–26 cm. Höhe der Kolumnen 24 cm., Breite 8 cm. Der untere Rand der Seiten ist meist mehr als doppelt (7 cm) so breit als der obere (2–3 cm). Der Raum zwischen den beiden Kolumnen ist 2 cm breit. Von den äußeren Rändern ist der eine meist etwa 3 der andere etwa 5 cm breit.
Die Randarabesken sind groß aber ohne Schwere angelegt. Die Formen der etwa akanthusartigen Blätter sind weder architektonisch noch naturalistisch aufgefaßt. Weit seltener erinnert ihre leichte Stilisierung an gotische Krabben als dies z. B. in schwäbisch-rheinischen oder böhmischen Miniaturen der Fall ist. Die ganze Art der Illuminierung ist ohne weiteres bezeichnend für den Augsburger Geschmack der beiden letzten Dezennien des 15. Jahrhunderts. Dasselbe gilt von den Initialen. Sie sind alle quadratisch von mehrfach profilierten Rahmen, die meist aus acht abwechselnd gleichfarbigen Stücken zusammengesetzt erscheinen, eingefaßt. In den goldenen Feldern der Randflächen und Initialen finden sich vielfach mittels Stempeln eingedrückte kleine Ornamente. Sechsblättrige Vergißmeinnichtartige Blumensterne von ca. 4 mm Durchmesser, herzförmige Blätter von etwa 5 mm, Eicheln von derselben Länge, sechseckige Sterne von 4 mm Durchmesser, wellenförmig gelegte zierliche Blätter von 8 mm im Längsdurchschnitte, finden sich hier wie in anderen Miniaturen von zweifellos Augsburger Herkunft[118]. Diese Ornamentstempel waren jedenfalls in Augsburg, besonders im Kloster St. Ulrich & Afra, das sich so früh eine eigene Druckerei anlegte, beliebt und sie mögen in vielen Fällen zur Bestimmung von Augsburger Miniaturen dienen. — Augsburgisch ist auch die Unimalerei, die in den Buchstabengerippen fast ausnahmslos sich findet.
Völlig fremd ist für Augsburger Miniaturen die Contourierung und völlige Untermalung der Randflächen, wie dies mehr niederländische Art ist. An solche Vorbilder erinnern hier auch die feinen moosartigen, gern in Gold gemalten Arabesken, während die bunten, vielfach verkreuzten Schnürgeflechte an orientalische Ornamente denken lassen.
Man darf also annehmen, daß der Miniator durch verschiedene fremde und prächtige Vorlagen von der typisch ausgeprägten und fein überlegten Augsburger Art etwas abkam. Diese Blätter erinnern deshalb an ein kleines Gebetbuch, das 1498 durch »Leonharthen Schielin der zeit burger zu Augspurg« vollendet wurde[119]. Beide Miniatoren arbeiteten reicher aber auch flüchtiger als dies sonst der Fall in etwa gleichzeitigen kirchlichen Handschriften Augsburgs.
Mehrere Initialbilder des Codex l. M. 23161 stimmen übrigens mit gleichen Darstellungen auf unsern Blättern merkwürdig überein. So das Initialbild auf Blatt 3 (S. Andreas) mit dem dort befindlichen Initial F auf fo. 119. Ebenso könnte das Initialbild auf Blatt 4 als Nachbild von jenem auf fo. 475 angesehen werden. Ganz unmöglich wäre es nicht, daß beide Arbeiten wegen des kennzeichnenden Mangels an Strenge, Einfachheit, solider Technik, nach eingehenderem Vergleich dem gleichen Miniator zuzuschreiben sind. Eine ganze Reihe von Einzelheiten weisen auf die Herkunft unserer Blätter aus Augsburg noch näher hin. Auf Blatt 7 ist zufällig das Initialbild der hl. Afra, der Schutzheiligen von Augsburg. Blatt 4 ziert ein Initialbild mit dem hl. Simpertus, dem Bischof von Augsburg, dessen Gebeine 1494 im Dome gefunden wurden.
Weshalb aber wurden 1853 diese Miniaturen sofort einem noch heute unbekannten Augsburger Maler Johannes Gutlinger (Giltlinger) zugeschrieben?
Auf Blatt 1 (das ausnahmsweise nur rot in rot auf Goldgrund illuminiert) finden sich auf einem blumenkelchartig verschlungenen Bande Initialen, Namen und Zahlen. Auf der dunkleren Seite steht C W 1489, auf der helleren Johan
nes Giltlinger ate. Aufseß las: 1487 und Gutlinger. Die Abbreviatur glaubte er als fecit lesen zu dürfen. Die erste Silbe des Familiennamens läßt beide Lesarten zu, die Jahreszahl kann nur 1489 bedeuten. Die Abbreviatur ist für abate zu lesen — actum wäre wenigstens befremdlich.