Nº 5.
Mai.
Chronik des germanischen Museums.
Nürnberg, den 15. Mai 1868.
Der Appell Sr. Majestät des Königs Ludwig’s II. von Bayern an die Bewohner Nürnbergs hat zur Folge gehabt, daß die hiesige Schützengesellschaft den Beschluß faßte, ihre schönen alten Silberpokale vom 16.–18. Jahrhunderte im germanischen Museum aufzustellen, wodurch unsere Sammlung von Goldschmiedearbeiten eine wesentliche Bereicherung erhalten wird. Diese Reihe von Pokalen, die bisher nur bei den Festen der Gesellschaft an’s Tageslicht kamen, wird so den Besuchern unserer Anstalt, somit auch dem in Nürnberg verweilenden reisenden Publikum zur Besichtigung gebracht, und wir haben die feste Ueberzeugung, daß diese der Initiative Sr. Majestät, wie dem Beschlusse der Schützengesellschaft für solchen Genuß zu großem Danke verpflichtet sein werden.
Die am 1. Mai d. Js. erfolgte Auflösung der Zünfte in Bayern hat Veranlassung gegeben, daß nun nicht blos über das Vermögen, sondern auch über die gewerblichen Insignien, Pokale, Urkunden, Laden, Schilde u. s. w. verfügt wird. Das germanische Museum hatte hierbei die natürliche Pflicht, dahin zu wirken, daß die den Nürnberger Innungen gehörigen Gegenstände nicht verschleudert, sondern, wo möglich, alle, zu einem Ganzen vereinigt, im germanischen Museum aufgestellt werden, und hat dazu ein besonderes Lokal angeboten. Von einer Anzahl Innungen wurden auch sehr dankenswerthe, darauf bezügliche Beschlüsse gefaßt. Andere haben die Aufstellung im städtischen Museum beschlossen, so daß auch hier die Sachen wenigstens erhalten werden. Leider fanden jedoch einige Innungen für gut, die Gegenstände zu verkaufen. Wir glauben vermuthen zu dürfen, daß hiesige und fremde Antiquitätenhändler, die sich zur Zeit bei einer größeren Antiquitätenauction hier befinden, durch geheimes Wirken zu diesen Beschlüssen beigetragen haben, wie auch unmittelbar nach denselben einige Gegenstände an fremde Antiquitätenhändler verkauft worden sind, ehe das germanische Museum oder das bayerische Nationalmuseum in München, das eine Aufforderung an die Zünfte in Bayern erlassen hatte: Dinge, die etwa verkauft werden sollten, ihm zuerst anzubieten, — in der Lage waren, die Gegenstände erwerben zu können.
Um so anerkenneswerther sind die Beschlüsse der Innungen, welche die von den Vorfahren ihnen überlieferten Gegenstände der Zukunft aufbewahren zu müssen glaubten, und wir werden wol in nächster Nummer, wenn von allen Innungen über ihr Eigenthum verfügt sein wird, weitere Mittheilungen über diese Frage mit Nennung aller einzelnen zum Schlusse bringen können. Es ist ja über ähnliche Fragen an allen Orten Deutschlands in jüngster Zeit verhandelt worden, so daß das germanische Museum von der Nation die Ehrenpflicht hatte, am Orte seines Sitzes wenigstens in dem angedeuteten Sinne zu wirken, und sich verpflichtet fühlt, öffentlich Rechenschaft abzulegen, in welcher Weise und mit welchem Erfolge dies geschehen ist.
Als ein erfreuliches Zeichen des Interesses, welches sich für unsere Nationalanstalt kund gibt, haben wir die Thatsache anzusehen, daß im Laufe dieses Monats der kgl. bayer. Kultusminister den kgl. Ministerialrath Herrn Giehrl hierher gesandt hat, um sich an Ort und Stelle über den gegenwärtigen Stand des germanischen Museums und dessen Bedürfnisse zu informieren.
In ähnlichem Sinne hat sich unmittelbar vorher Se. kgl. Hoheit der Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen durch den fürstl. Hofrath Dr. Lehner über unsere Anstalt Bericht erstatten lassen.