(Mit einer [Tafel Abbildungen].)

Der mächtige Einfluß, welchen im jüngsten Kriege die Art der Waffen auf den Erfolg gezeigt, hat allenthalben die Sachverständigen zu neuen Versuchen angeregt, und eine Erfindung drängt die andere. Die Infanteriewaffe wird jedenfalls einer gänzlichen Umbildung unterzogen, und Alles, was bisher noch in dieser Beziehung in Gebrauch war, gehört in der kürzesten Frist nur mehr der Geschichte und Alterthumsforschung an. Es muß sich nun aber auch für den Geschichts- und Alterthumsforscher das Resultat ergeben, daß auf die Kriegführung der früheren Zeit wol die Waffen einen ähnlichen Einfluß hatten wie heutzutage, und das Studium der Entwicklung der Feuerwaffen hat deshalb heute auch für andere Kreise als die militärischen ein Interesse gewonnen. Insbesondere ist es interessant, den Anfängen jeder Erfindung nachzugehen und zu sehen, ob sie rasch oder erst langsam Eingang fand, zu sehen, wie manche Neuerung nicht durchgreifen konnte, wie manches Motiv wieder aufgegeben wurde und erst Jahrhunderte später seine Bedeutung erhalten konnte[127].

Fig. 1.

In dem interessanten Aufsatze: „Die ersten Büchsenschützen, die an der Wange abschossen“ (Anzeiger 1866, Nr. 5, Sp. 172 ff.) hat Toll einige Irrthümer berichtigt, die ziemlich allgemein sich eingebürgert hatten. Wir möchten daran noch einige Bemerkungen knüpfen. Man scheint im 14. und 15. Jahrhundert den Handfeuerwaffen keine sehr große Ausdehnung und Bedeutung gegeben zu haben, indem man selbst sehr kleine Feuerwaffen auf Gestelle auflegte. So sind z. B. die Geschütze, welche aus einer Münchener Handschrift (Cod. germ. 600) im Anzeiger 1860, Nr. 11, Sp. 405 ff., beschrieben und abgebildet sind, sehr klein[128]. Der Verfasser (v. Retberg) setzt das Manuscript in die Zeit von 1345 bis höchstens 1350; Toll in die Zeit von 1360–80. Ein solches Geschütz, wie sie in diesem Münchener Codex enthalten sind, wurde unlängst vom german. Museum erworben. Wir bilden es in [Fig. 1] ab. Es besteht aus einem Blocke von Eichenholz, der sich nach rückwärts verjüngt und eine Länge von 1,44 Met. hat. Am vorderen Ende ist die Breite des Blockes 0,135 Met., die Höhe 0,1. Darauf ist mit eisernen Bändern ein, wie es scheint, aus einem Stücke geschmiedetes konisches Geschützrohr befestigt. Dasselbe hat eine Länge von 0,23 Met.; die Lichtöffnung der Mündung beträgt 0,04 Met., die innere Länge 0,22 Met., die Weite am Ende 0,025 Met. Das vordere Ende ist des Bandes wegen rund und enger; der übrige Theil ist roh achteckig. Das Gewicht beträgt sammt Schaft 33½ Pfd. Ein Gewerkszeichen hat das Geschütz nicht. Wir haben es ähnlich, wie das Fol. 17b des Münchener Codex (siehe die Tafel an der citierten Stelle des Anzeigers), in ein Gestelle gelegt zu denken. Das Geschütz soll aus dem Zeughause zu Dresden stammen, wo es der Verkäufer vor mehreren Jahrzehnden mit einer größeren Zahl anderer Waffen, die nun zum Theil im Besitze des german. Museums sind, gekauft hat, als man die unscheinbaren Stücke von den damals für werthvoll gehaltenen sonderte.

Fig. 2.

Ferner ist in der Sammlung des german. Museums ein Geschütz aus dem 14. Jahrh., eine Lothbüchse ([Fig. 2]), aufgestellt worden, die gleichfalls kleines Kaliber hat.

Wenn es zweifelhaft ist, ob man das soeben beschriebene Geschütz den Handfeuerwaffen im engeren Sinne oder den Stücken der Artillerie zuzählen soll[129], so haben wir hier ganz sicher ein Artilleriestück vor uns; doch ist es auch für die Geschichte der Handfeuerwaffen sehr wichtig, indem es zeigt, daß man die Vorzüge des längern Rohres wohl kannte, aber bei dem schlechten Pulver und der Schwierigkeit des Ladens bei den Handröhren davon abstand. Erst mit Beginn des 15. Jahrh. werden die Handröhren dieser Lothbüchse proportional. Sie ist aus drei Stücken geschmiedet, die zusammengeschweißt und mit Ringen umlegt sind, und hat ein Kaliber von 0,04 M., was einer Bleikugel von 1½ Pfd. entspricht, und eine Länge von 0,94 Met. Die Kammer, welche eingeschraubt war, ist abgesprengt, hatte aber, wie sich aus dem Schafte, der vollkommen Original ist, ergibt, eine Länge von 0,178, so daß die ganze Büchse eine Länge von 26 Kalibern hatte. Die Eisenstärke beträgt 0,013 M. und ist, den Gewindetheil für die Kammer abgerechnet, ohne Verstärkung nach dem Boden zu. Sie ist vielmehr innen und außen cylindrisch.

Der Schaft ist unter seinem Schwerpunkte von einer Gabel umfaßt, die unten wahrscheinlich einen Stift hatte, der in ein Loch des Gestelles eingelassen wurde; die Gabel ist nur noch zum Theil vorhanden. Das Gewicht der Büchse mit Schaft in ihrem jetzigen Zustande beträgt 48 Pfd.