Es dürfte in Deutschland wenig Kirchen geben, welche in ihrem Innern so reich ausgestattet sind mit Altären, Statuen, Bildern, Epitaphien, Grabsteinen, Fahnen, reich geschnitztem Gestühl, Gittern, Reliquienbehältern, heiligen Gefäßen u. s. w., überhaupt Kunstwerken aller Art, vielleicht keine andere, welche in ihrer Gesammtwirkung[14] so ausgezeichnet wäre, noch so vollkommen das Gepräge des mittelalterlichen Katholicismus mit seiner soliden Pracht und seinem Reichthum trüge, als die (jetzt evangelische) Marienkirche zu Danzig, bekanntlich eines der größten[15] Kirchengebäude der Welt.

Ueber die Geschichte dieser Kirche besitzen wir eine sehr ausgezeichnete, auf genauester und umfassendster Kenntniß der archivalischen Quellen und eingehendstem Studium der Monumente beruhende, vortreffliche monographische Darstellung[16] von dem um die Geschichte der Stadt Danzig und der Provinz Preußen im Allgemeinen hochverdienten Th. Hirsch. Das Gebäude selbst, die Kapellen und Altäre hat er genau beschrieben und historisch erläutert. Ueber die Werke der kirchlichen Kleinkunst aber und die Paramente geht er kurz weg (Bd. I, S. 387), erwähnt ausführlicher nur eines Meßgewandes aus arabischem Stoff. Und auch später ist eine Beschreibung derselben bis jetzt nicht angefertigt worden. Fr. Bock, welcher Danzig um das Jahr 1853 besuchte, erwähnt in seinem verdienstvollen Werke „Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters“ der Paramente der Danziger Marienkirche öfter (Bd. I. S. 55, 111, 246. Bd. II. S. 26, 73 u. s. w.) mit großem Lobe, sagt (I, 111) sogar, daß „nach dem Zither in der Domkirche zu Halberstadt nicht leicht in Deutschland eine Sacristei zu finden sein dürfte, die einen solchen Schatz an mittelalterlichen Cultgewändern aller Art in den reichsten Seiden-, Silber- und Goldstoffen aufzuweisen hätte, als die Sacristei zu Danzig“. Durch Bock wurde zuerst die Aufmerksamkeit der Freunde der Kunst des Mittelalters auf diese Schätze hingelenkt. Mehrere derselben kamen nach Danzig, um sie zu studieren.

Seit der Anwesenheit Bock’s ist diese Sammlung durch neue, in den Jahren 1861, 1862, 1863, 1864 und 1867 gemachte Funde bedeutend vermehrt worden, so daß sie gegenwärtig

zählt und nun sowohl dem Umfang, als dem historischen und künstlerischen Werth nach die Sammlung im Zither zu Halberstadt übertreffen dürfte.

Die Erhaltung dieser mittelalterlichen Cultgewänder in einer evangelischen Kirche durch die vielen Stürme[17] hindurch, welche die Marienkirche erleiden mußte, und bei welchen unzählige Kunstwerke geraubt oder zerstört wurden, ist ein glücklicher Zufall. Die erhaltenen Gewänder bilden freilich nur einen kleinen Theil der einst vorhanden gewesenen. In der Mitte des 16. Jahrhunderts waren an der großen Zahl der Capellen und Altäre der Marienkirche 128 Priester[18] thätig. Ein im Jahre 1526 angefertigtes Verzeichniß[19] führt folgenden Besitz der Kirche auf:

Weil die Marienkirche schon zur Zeit der Reformation (1557) in die Hände der Protestanten übergieng, sind alle erhaltenen Paramente aus dem Mittelalter und dem Anfang des 16. Jahrhunderts. Bei dem ehemals sehr bedeutenden Reichthum der Marienkirche kann es nicht auffallen, daß viele derselben, was Stoff, Form und Stickerei anbetrifft, zu den ältesten und kostbarsten Cultusgewändern gehören, welche überhaupt bekannt sind. Sie bilden demnach eine besondere, hohe Zierde der Marienkirche, eine unerschöpfliche Fundgrube an Mustern für Herstellung neuer Erzeugnisse, für Studien auf dem Gebiete der christlichen Kunst-Archäologie. Nimmt man dazu die vielen, meist gestickten Paramente des 17. und 18. Jahrhunderts, welche aus den jetzt aufgehobenen berühmten, einst sehr reichen Nonnen-Klöstern zu Zarnowitz[20] und Zuckau in den gleichnamigen Pfarrkirchen (beide unfern Danzig) sich befinden, so hat man hier, nahe beisammen, vielleicht die umfangreichste (allein etwa 250 Caseln), interessanteste und in historischer Beziehung wahrscheinlich vollständigste, kaum eine Lücke zeigende Sammlung liturgischer Gewänder, welche überhaupt vorhanden. Die Sacristeien der genannten drei Kirchen sind demnach des eingehendsten Studiums werth.

Bis zum Jahre 1854 waren die in der Kirche erhaltenen Stoffe im Allgemeinen wenig beachtet und den Alterthumsfreunden schwer zugänglich, in verschiedenen Kapellen in roher Weise an die Wände genagelt, oder lagen in Kisten und Truhen oder geheimen Wandschränken in den vielen Räumen der großen Kirche versteckt. Erst allmählich kamen sie wieder an’s Licht. Es ist nicht unmöglich, daß deren noch andere gefunden werden.

Seitdem hat der Küster A. Hinz, voll des wärmsten Interesses für die Kunstdenkmale der seiner Obhut anvertrauten Marienkirche, dieselben geordnet, in drei verschiedenen Räumen besser aufgestellt, sorgt für ihre Erhaltung und ist unablässig bemüht[21], dieselben zur verdienten Anerkennung zu bringen. Derselbe hat kürzlich auch den Hofphotographen Fr. Gust. Buße in Danzig veranlaßt, alle diejenigen Paramente, welche durch Form des Gewandes, Beschaffenheit oder Muster des Stoffes, Kunst oder Technik der Stickerei sich auszeichnen, in möglichst großem Maßstabe, zum Theil in Originalgröße, photographisch abzubilden und auf diese Weise auch entfernten Freunden der Kunst des Mittelalters zugänglich zu machen. Eine Anzahl solcher Abbildungen: verschiedener arabischer Stoffe, Stickereien der Borten eines Chormantels, der aurifrisiae einer Casel, beide aus dem 15. Jahrhundert, die parurae von zwei Schultertüchern (amictus), die Borte eines prachtvollen Antipendium aus dem 14. Jahrhundert mit 17 gestickten Heiligenbildern und verschiedener anderer Stickereien liegen bereits vor und lassen in ihrer Ausführung nichts anderes zu wünschen übrig, als auch die Wiedergabe der Original-Farben[22].