Derartige Handschriften wurden nebst ihrem Bilderschmuck mitunter handwerklich kopiert, und so mag auch unser Codex vielleicht irgend einem anderen Originale nachgebildet worden sein; vielleicht ist er selber Original, vielleicht sind die Bilder Skizzen für eine sorgfältigere Ausführung an anderem Orte. Interessant ist nur, daß die Bilder und der Text nicht gleichzeitig von derselben Hand hergestellt sind, indem der Text eine bräunliche, etwas verblaßte Tinte zeigt, während die Bilder mit rein schwarzer Farbe gezeichnet sind. Sie müssen vor Niederschreibung des Textes auf die Blätter gezeichnet worden sein; denn derselbe schließt sich, theilweise mit ungleicher Zeilenlänge, an die Bilder seitlich in einer Weise an, daß er nicht vor denselben dagewesen sein kann; aber es hat auch der Schreiber des Textes mit seiner braunen Tinte Einzelnes verbessert und mehr hervorgehoben, was ihm der Maler nicht charakteristisch genug gezeichnet hatte. Besonders ist dafür der Kampf auf fol. 35 v. und 36 r. zu nennen, wo er beiden Anführern mit heller Tinte noch Kronen auf die Helme gezeichnet hat, um sie als Könige zu bezeichnen.
Was die Zeit betrifft, der die Bilder entstammen, so zeigt die Bewaffnung bei den vielen dargestellten Kämpfern Arme und Beine in Schienen, den Körper in farbigen Lendnern oder mit buntem Wollkleide bedeckt, den Hals mit den Halsbergen aus Kettengeflecht, die Häupter theils mit Eisenhüten, theils mit der oben spitzen Beckenhaube (Bassinet) bedeckt. Die Handschuhe haben die charakteristische Form des 14. Jahrh.; Schellenschmuck am Gürtel wird theilweise zur Bewaffnung getragen, ebenso aber auch an den Zotteltrachten der Hauskleidung, so daß das Kostüm dem Ende des 14. und Beginn des 15. Jahrh. angehört. Auch die Schriftzeichen des Textes weisen auf den Beginn des 15. Jahrh., vielleicht noch Schluß des 14. hin. Wenn also nicht unser Codex selbst, so ist jedenfalls das Original, nach welchem er kopiert ist, gegen das Jahr 1400 entstanden. Wir werden aus demselben noch Einiges zu entnehmen haben. Heute führen wir den Lesern daraus zunächst in [Fig. 1] ein echtes Genrebild vor. Es ist wol Kirchweihe; an der Kirche hat ein Händler seine Bude aufgeschlagen und bietet allerlei zum Verkaufe aus. Da kommen die Herren und Damen der benachbarten Burg, um einzukaufen. Daß die eine Dame bärtig ist, erklärt sich aus der Sache selbst; es ist die Scene gemeint, wo Achilles unter den Jungfrauen sich als Mann verräth, indem er aus den Herrlichkeiten des bunten Trödelkrames für sich den Schild herausgreift. Der Maler wollte uns sagen, was natürlich (wie so oft auf der Bühne von heute) keiner der Mitspielenden merkt, daß diese angebliche Prinzessin kein Weib, sondern Achilles ist. Der Kaufmann unterscheidet sich in seiner einfachen Kleidung von den herrschaftlichen Käufern. Die Art, wie die Bude zusammengestellt ist, hat sich bis heute noch erhalten, und der hiesige Weihnachtsmarkt zeigt deren alljährlich in ziemlicher Anzahl. Auch die Händler bleiben, obwohl aufmerksam auf ihre Besucher und Waaren, sitzen, wie jener unseres Bildes, höchstens durch einzelne Worte die Waaren anpreisend, bis die Besucher gewählt haben und der Handel beginnt; dann erst stehen sie auf. Wir können also wohl glauben, daß der Zeichner seine Scene der Natur abgelauscht und sie, mit Ausnahme des Bartes, genau so wiedergegeben hat, wie er selbst sie oft im Leben gesehen.
Fig. 2.
Fig. 3.
Es würde hier Anlaß gegeben sein, auf einige Gewohnheiten der mittelalterlichen Künstler im allgemeinen hinzuweisen und zu untersuchen, wie weit überhaupt der Grad der Glaubwürdigkeit mittelalterlicher Bilder geht; denn es tritt hier in dem Barte des Achilles derselbe Zug hervor, welcher den Schreiber des Textes unseres Codex veranlaßt hat, bei dem Kampfe auf fol. 35 v. und 36 r. die Helme der Könige mit Kronen noch auszustatten, welche der Zeichner vergessen, und die sie doch sicherlich im Kampfe nicht trugen. Mag es auch im Sinne des Mittelalters wie der antiken Welt gelegen haben, anzunehmen, daß sich die Heerführer, die Könige und Fürsten durch besondere Tapferkeit auszeichneten, so lag es doch sicher nicht mehr in der Taktik des 14. und 15. Jahrh. begründet, daß ein äußerlich sichtbares Zeichen den Feldherrn im Kampfe jedem Knechte der Gegner verrieth, und daß er ihren Geschossen und den Angriffen aus der Ferne ebenso ausgesetzt war, wie den ritterlichen Waffen der ebenbürtigen Gegner. Er durfte also kein Zeichen auf dem Helm tragen, so wenig als es irgend einer List bedurft hätte, den Achilles zu erkennen, wenn er so aus den Jungfrauen sich herausgehoben hätte, wie auf unserem Bilde. Wir gehen jedoch auf diese Frage besser erst später ein, wenn die Betrachtung der Bewaffnung dieses Codex sowie jenes zweiten, von welchem sofort die Rede sein wird, uns noch eine Reihe ähnlicher Züge vor Augen geführt hat, die uns veranlassen, zu untersuchen, wie weit wir berechtigt sind, sichere Schlüsse zu ziehen, und wie gerade ein Theil der Mängel jener Abbildungen daraus hervorgeht, daß deutlich zu verstehendes Sprechen in der Absicht der Maler und Zeichner lag.
Das Museum besitzt in einem, höchstens ein halbes Jahrh. jüngeren Codex einen überaus interessanten Schatz, nämlich eine Reihe ganz paralleler Darstellungen in dem Codex Nr. 998, welcher des Konrad von Würzburg trojanischen Krieg enthält, aus dem wir auf Sp. 265, 266 des vorigen Jahrgangs die Befrachtung eines im Hafen liegenden Schiffes wiedergegeben haben. Dieser zweite Codex reiht sich den merkwürdigsten Bilderzyklen des Mittelalters an.
Auf vortreffliches Papier in groß Folio-Format geschrieben, enthält er viele Illustrationen, die zum Theil über zwei Seiten weggehen. Was das Buch besonders werthvoll für die Kulturgeschichte macht, ist einerseits der reiche Inhalt, anderseits aber die genaue Datierung. Dasselbe enthält, unmittelbar an den trojanischen Krieg anschließend, als zweites Stück den Wilhelm von Orlens des Rudolf von Montfort, als drittes den Herzog Ernst und trägt am Schlusse die Worte: Schriptum et completum est per me Heinricum de Steynfurt, Clericum Osnaburgensum Anno domini Moccccoxljmo Sabbato ante festum Purificacionis gloriose virginis Marie. Deo gracias.
Wir haben also genaue Daten, welche sowohl nach Ort als Zeit Vieles feststellen lassen, was in anderen Darstellungen unbestimmt bleiben würde, und es ist deshalb ganz besonders gerechtfertigt, daß wir heute und später eine Reihe der Darstellungen aus diesem Bande veröffentlichen.