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Die Puppenhäuser im germanischen Museum.

Das reich entwickelte Familienleben, dessen sich unsere Vorfahren vor allen anderen Nationen zu erfreuen hatten, und das einen so überaus bedeutsamen Faktor des gesammten deutschen Kulturlebens bildete und noch bildet, hat die Aufgabe des germanischen Museums, die Denkmäler des häuslichen Lebens unserer Vorfahren zu sammeln und alles das seinen Besuchern vor Augen zu führen, was die Häuser derselben in ihren Mauern bargen, zu einer der angenehmsten und anregendsten gemacht. Keine andere Abtheilung der Sammlungen des Museums ist ja so geeignet, uns in das Leben der Vorzeit zurück zu versetzen, als die Sammlung häuslicher Alterthümer, die uns in alle Räume der Wohnhäuser der verschiedenen Bevölkerungsklassen vom Keller bis zum Speicher führt, uns einen Blick auf die Lebensweise und die Gewohnheiten ihrer Bewohner thun läßt und sie uns bei der Arbeit und in der Ruhe, bei Scherz und lustigem Spiele, wie im Leide zeigt.

Eine Reihe von Unterabtheilungen dieser umfassenden Sammlungen bietet schon jetzt den Entwicklungsgang, den verschiedene Einzelzweige und manche Gattungen dieser Denkmale genommen haben. Die Lösung der weiteren Aufgabe des Museums, das häusliche Leben der Vorzeit in einzelnen abgerundeten Bildern zu zeigen, konnte bis jetzt noch nicht in Angriff genommen werden, da derselben sehr bedeutende Hindernisse im Wege stehen. Abgesehen von der Finanzfrage, welche die Beschaffung des nöthigen Materiales für das germanische Museum bildet, ist auch die Erwerbung einander vollkommen entsprechender und genau zusammenpassender Objekte außerordentlich schwierig, da das Museum als eine wissenschaftliche Anstalt nur ganz wahrheitsgetreue Gesammtbilder, wie sie thatsächlich bestanden, geben, und es nicht machen darf, wie manche „Liebhaber“, welche der jetzigen Mode, ein „altdeutsches Zimmer“ einzurichten, folgen und in ein Zimmer mit Nürnberger Täfelwerk einen Schweizer Ofen, neben einen rheinischen Schrank einen Tiroler Stuhl stellen, oder das Büffet eines ehemaligen fürstlichen Prunksaales mit Krügen aus einem Bauernhause füllen, neben die Prunkbettstätte aus einem vornehmen Haus einen Tisch stellen, welcher der Schreibstube eines Rathhauses angehört hatte und noch die Zeichen für die darauf vorzunehmenden Kreiderechnungen aufweist.

Noch weniger natürlich kann das Museum jenen Kunstfreunden nachahmen, welche aus einer Bettstätte und einem Schranke ein altes Sopha und ein Buffet machen lassen. So reizend solche moderne „alte Zimmer“ sind und so erfreulich, weil sie Liebe für die Werke der Vorzeit zeigen, so würde doch ein Museum einen unverzeihlichen Fehler begehen, wenn es solche Bilder als echte Belege für das Wesen der alten Zeit dem Publikum vorführen wollte. In einer wissenschaftlichen Anstalt darf für diesen Zweck nur das neben einander stehen, was auch ehemals neben einander gestanden hat, oder mindestens gestanden haben könnte. Deshalb kann das germanische Museum einstweilen nur vorbereiten und sammeln, und es wird wohl noch längere Zeit dauern, bis eine Aufstellung des Materials in solcher Weise möglich ist.

Inzwischen hat dasselbe hiefür einen ebenso lehrreichen, als anziehenden Ersatz in einer Anzahl von Puppenhäusern des 17. Jahrhunderts, welche als Modelle von damals wirklich existierenden Häusern von großem Interesse für die Kulturgeschichte sind, da sie ein so gelungenes Bild der ganzen Einrichtung und Ausstattung eines Hauses und seiner einzelnen Räumlichkeiten, von den Hauptstücken bis zu den geringsten Gebrauchsgegenständen, geben, wie es auf andere Weise kaum je zusammengestellt werden könnte.

Die Puppenhäuser gehören zu den Seltenheiten, da sie in Deutschland wol nur in Augsburg und Nürnberg bekannt waren und wahrscheinlich nur auf besondere Bestellung für die Töchter reicher Familien gefertigt wurden. Ihre ursprüngliche Heimat dürften die Niederlande sein, von welchen die genannten Städte, welche in lebhaftem Handelsverkehr mit denselben standen, die Anregung zu deren Anfertigung erhalten haben mögen. Der hohe Werth, welchen die Puppenhäuser schon zur Zeit ihrer Verfertigung in Folge der hohen Herstellungskosten hatten,[317] mag die Ursache sein, daß sich von diesen großartigen Spielzeugen verhältnißmäßig mehr Exemplare erhielten, als von anderen alten, weniger werthvollen Spielwaaren, die bekanntlich heute alle sehr selten geworden sind, da sie eben durch den Gebrauch zerstört und dann weggeworfen wurden, während die Erhaltung der noch vorhandenen Stücke meist nur einem glücklichen Zufalle zu danken ist. Außer den in den Sammlungen des germanischen Museums befindlichen vier Puppenhäusern und einem fünften, leider unvollständigen und daher bis jetzt nicht ausgestellten sind uns noch mehrere deutschen Ursprungs bekannt; eines aus späterer Zeit, und deshalb die des germanischen Museums ergänzend, besitzt das bayerische Gewerbemuseum zu Nürnberg, ein anderes ist im deutschen Gewerbemuseum zu Berlin, ein drittes im South Kensington Museum zu London. Letzteres war früher im Besitze des Kaufmanns Wiß zu Nürnberg; sein Verlust ist für Deutschland sehr zu beklagen, da es wohl das schönst ausgestattete aller dieser Puppenhäuser ist. Wir haben es nicht mehr gesehen, vermuthen aber, daß es das Original desjenigen war, welches auf einem Flugblatte des 17. Jahrhunderts: „Abriß, Entwerffung vnd Erzehlung, was in dem, von Anna Köferlin zu Nürmberg, lang zusammen getragenem Kinder-Hauß, dergleichen nie gesehen, noch gemacht, anzutreffen, vnd wie ettlich hundert Stuck, alle zum gemeinen Nutz auch dienstlich, darinn zusehen,“ (German. Mus.: Historische Blätter, Nr. 2243) abgebildet und beschrieben ist. Das Blatt enthält einen rohen Holzschnitt, der ein dreigeschossiges Haus mit der Jahrzahl 1631 im Stile jener Zeit darstellt; rechts desselben ist ein Baumeister mit dem Maßstabe und einem Knaben, darunter das Monogramm HK. und ein Maikäfer, links eine Frau, welche einem Knaben und einem Mädchen das Haus zeigt. Unter dem Holzschnitte steht in etwas holperigen Versen eine oberflächliche Beschreibung des Hauses und die Veranlassung zu seiner Anfertigung, wobei besonders bemerkt wird, daß dasselbe den Kindern nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch zur Belehrung und Nacheiferung dienen soll:

„Daß wann ihr dermaleins zu Hauß