93) Aus Hirsau (im württembergischen Schwarzwaldkreis), woselbst sich die Ruine eines ehemals berühmten Benediktinerklosters befindet, wird dem „Schw. M.“ unterm 21. Juli geschrieben: Landeskonservator Dr. Paulus ist gegenwärtig hier, um die Ruine des durch Melac 1692 eingeäscherten herrlichen und vielbesungenen Klosters in einen würdigen Zustand zu versetzen. Heute wurde mit der Bloßlegung des auf 1–6’ hoch verschütteten östlichen Kreuzgangs begonnen, und nach den ersten Spatenstichen wurden aus einem kaum meterhohen Schutt schon zwei kostbare Funde zu Tage gefördert: Schlußsteine des Kreuzganggewölbes, eine Blumenkrone in noch frischer, reichlicher Vergoldung und ein Christuskopf in edelster, feinster Profilierung in goldener Umstrahlung und Umrahmung, vollständig makellos erhalten und so frisch, als stamme er erst von gestern her.

Ueber die neuesten Ergebnisse der Ausgrabungen in der Klosterruine Hirsau berichtet man dem „Schwäb. Merkur“ unter dem 26. Juli: „Außer einem zweiten Schlußstein, einer vergoldeten Blumenkrone, prachtvoller gearbeitet, aber nicht so zierlich weich wie die erste, ist von Bedeutung nichts gefunden worden; doch zeigen einzelne Stücke in dunkelblauer oder hochrother Färbung, der goldene Griff eines Abtstabes und das goldene Hirschhorn aus einem Klosterwappen, welch herrliche Kunstschätze hier zertrümmert wurden. Alles Werthvollere, auch der immer aufs neue zu bewundernde Christuskopf, wird in dem sogenannten Bibliotheksaal über der freundlichen, vom Abt Johann 1508 erbauten Marienkapelle aufgestellt. Dieser Saal selbst schon ist mit seiner einfachen Holzkonstruktion, seinen schönen Verhältnissen und seinen schönen Holzschnittzierden an Decke und Kästen einer längeren Betrachtung werth. Heute früh wurde die nördliche Pforte des östlichen Kreuzganges, die bisher nur in ihrem Decksteine und den obersten Stabenden über den Schutt hervorragte, durchbrochen.“

(Korrespondent von u. für Deutschland, Nr. 376 und Deutscher Reichs-Anz., Nr. 182.)

94) Auf den Schmerzensschrei, welcher in Nr. 131 der hessischen Landeszeitung erschallte und von da aus durch den Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (Nr. 6, Sp. 190) einen Fortklang in die weitesten Kreise erhalten hat, ertheilt das so nachhaltig provocierte Echo aus dem Mainzer Alterthumsverein folgende Antwort:

Die aufgedeckten Reste des Petersstiftes sind, gleich allen in neuester Zeit bei den Arbeiten des Stadtbauamtes aufgefundenen Ueberresten alter Bauten, auf das sorgfältigste aufgenommen worden, freilich ohne dies jedesmal allen schreibseligen Correspondenten hiesiger und auswärtiger Blätter sofort zur Anzeige zu bringen.

Auch mehrere Sargdeckel von hohem Alter sind von dem Vereine in Sicherheit gebracht in ebenso geräuschloser Weise wie die große Zahl mittelalterlicher Denkmale, welche man, sowohl ohne bevormundende Leitung der Presse, als ohne jedes Streben nach Anerkennung derselben, zu retten wußte und theils in dem städtischen Museum, theils in dem zu diesem Zwecke eingeräumten Eisernthorthurm und seinem Vorhofe aufgestellt hat.

Daß die schon beim Herausheben in viele Stücke zerbrochenen Grabsteine eines Dechanten und Scholasters des 15. Jahrhunderts nicht sofort als eine wichtige Erwerbung in das Museum verbracht wurden, kann nur jemand „in höchstem Grade auffallend“ erklären, der es für angezeigt hält, eine ganz überspannte Vorstellung von dem Werthe dieser rohen Steinmetzarbeiten hervorzurufen, vielleicht gar selbst sich zu überreden vermag, in diesen unbeholfenen Umrissen eine stilvolle Durchführung einfachster Motive oder sonst welche den cursierenden Kunstphrasen entsprechende Leistung zu erblicken. Die beiden Denkmale sind jetzt nur aus dem einzigen Grunde zur Aufbewahrung gelangt, um dem gesunden Urtheil Gelegenheit zu geben, über den Werth solcher Schmerzensschreie zu entscheiden.

Glücklicherweise sind wir „gerade in Mainz“ in der Lage, in den Monumenten unseres Doms aus allen Kunstperioden die lehrreichsten Erkenntnißmittel für die Verschiedenheit des Werths und der Wichtigkeit mittelalterlicher Denkmale zu besitzen, und wir dürfen wohl mit aller Berechtigung die Zustimmung jedes Unbefangenen voraussetzen, wenn wir die fraglichen beiden Denksteine auf die unterste Rangstufe dieser Art von vorzeitlichen Ueberresten stellen.

Wenn aber in der Discussion, welche der Vortrag des betreffenden Artikels des Anzeigers hiesigen Ortes veranlaßte, besonders betont wurde, daß jene Denksteine doch eben so viel Recht auf Beachtung hätten, als jedes auch minder bedeutende römische Steindenkmal, so diene hierauf die einfache Bemerkung, daß römische Monumente ja ausschließlich nur am Rheine und vorzugsweise in unserer Stadt zu finden und deshalb ausnahmslos zu bewahren sind, während mittelalterliche Denkmale so geringen Werthes überall, in jedem Städtchen, vom Rheine bis nach Breslau und Königsberg hin, noch vorhanden, weit bessere und wichtigere derselben aber unter den Augen kunstbegeisterter Schmerzensschreier auf dem Boden der Kirchen und Kreuzgänge abgeschliffen werden und zu Grunde gehen.