Fig. 2.

Mehr als alle urkundlichen Quellen gibt uns der Mönch Theophilus Einblick in die Glasfabrikation des Mittelalters, wenn er auch über die geographische Verbreitung, insbesondere in Deutschland, nichts berichtet. Ob er selbst, den man für einen Goldschmied ansieht, der am Schlusse des 11. und Beginn des 12. Jahrhunderts im Benediktinerkloster Helmershausen lebte[115], diese Kunst selbst geübt, oder nur durch Anschauen und Hören gelernt habe, geht aus seinen Worten nicht hervor; auch nicht, daß er sie in Deutschland üben gesehen, da er ja manche in Deutschland sicher nicht geübte Glastechnik, so die Fertigung der Mosaikwürfel durch die Griechen, beschreibt, auch von gläsernen Gefäßen spricht, welche die Griechen mit Gold und Silber verzieren. Die zweite, im 14. Kapitel des zweiten Buches beschriebene Art dieser griechischen Gläser zeigt aber nicht blos Verzierungen aus Gold und Silber, sondern auch mit Emailfarben (electrum), eben so wie das 15. Kapitel die Emaillierung von Thongefäßen nach griechischer Art lehrt. Daß auch bei uns solche emaillierte Gläser zur Zeit des Theophilus hergestellt wurden, dafür fehlt bis jetzt jeder Anhaltspunkt. Wohl aber nahmen die Araber jene Kunst von den Griechen an, und das ägyptische Glasgefäß des 13. Jahrhunderts, welches wir im Anzeiger, Jahrg. 1869, Sp. 225 ff., besprochen haben, ist ein Beleg hiefür; ja vielleicht sogar dafür, daß damals Griechen für die Araber thätig waren. In das Abendland mag diese Technik doch nicht durch die Beschreibung des Theophilus eingeführt worden sein, da ja doch nur praktische Arbeiter die Handgriffe genügend kennen, um die Industrie lebendig zu machen, vielmehr durch die Venetianer. Es ist uns ein unzweifelhaft echtes, wol dem 14. Jahrh. angehöriges Glas mit reicher, etwas derber Emailmalerei in gothischem Stile mit Inschriften in gothischen Majuskeln bekannt geworden, das vor einigen Jahren sich im Besitze eines Münchener Sammlers befand, aber leider nicht für unser Museum erworben werden konnte, da sich der Besitzer nicht davon trennen wollte, das aber doch kurze Zeit darauf um eine hohe Summe an die Sammlung Basilewsky in Paris übergieng. Der Stilcharakter war entschieden deutsch. Und dennoch mochte das Glas, das, so viel wir erfahren konnten, durch einen Alterthumshändler in Südtirol entdeckt wurde, venetianischen Ursprunges gewesen sein; denn es findet sich bis jetzt keine Spur ähnlicher Fabrikate in Deutschland bis zum 16. Jahrh. Damals machte Hirschvogel seine Anstrengungen, venetianisches Glas in Nürnberg herzustellen[116]. Es finden sich auch manche Glasgefäße mit emaillierten Verzierungen und Wappen nürnbergischer und anderer Geschlechter da und dort in Museen, insbesondere in dem unsrigen. Sie zeigen venetianischen Charakter, und es mögen auch die Verzierungen (die Wappen nach aus der Heimat eingesendeten Vorlagen) in Venedig selbst aufgeschmolzen sein. Nichts hindert uns jedoch, anzunehmen, daß ein Theil dieser Gläser von Hirschvogel und seinen unbekannten Nachfolgern hergestellte und bemalte Arbeiten sind. A. v. Eye hat im Jahrgang 1876 d. Bl., Sp. 163 u. 164 einen Glasteller und zwei Humpen mit den Haller’schen, Löffelholz-Volckamer’schen und Freiberg-Landschaden’schen Wappen besprochen. Wir bilden hier in Fig. 1 noch ein älteres solches Glas ab, an dessen italienischem Ursprung kaum zu zweifeln ist. Es gehörte demselben Andreas Imhof, aus dessen Besitz die Faïenceschaale stammt, die wir in diesem Blatte, Jahrg. 1873, Sp. 283 ff. beschrieben und abgebildet haben. Der heraldische Schmuck ist in drei Theile getrennt. Auf unserer Zeichnung ist der Imhof’sche Helm sichtbar. Der Imhof’sche Schild und ein gevierteter, welcher zweimal das Wappen der Schlaudersbach und jenes der Reich zeigt, stehen in gleicher Entfernung von einander wie vom Helme. Das Glas ist also nach 1526 entstanden, in welchem Jahre Imhof nach dem Tode seiner ersten Frau, Ursula Schlaudersbach, die Magdalena Reich heirathete. Bei seinen Beziehungen zu Italien dürfte wol das Stück venetianisch sein. Es hat 14 cm. Höhe.

Fig. 3.

Entschieden deutsch ist die Malerei des in Fig. 2 dargestellten Glases, welches leider im Original nicht mehr existiert, vielmehr schon im Jahre 1857 als Opfer der Uebersiedelung der Museumssammlung aus dem Thiergärtnerthorthurm in die Karthause zerschlagen wurde, ohne daß es gelungen wäre, die Trümmer wieder zu kitten. Glücklicherweise erhielt sich aber eine große Zahl anderer entschieden deutscher Gläser mit Emailmalereien aus dem 16. und 17. Jhdt. Nur wenige tragen Jahreszahlen; die älteste vorkommende zeigt erst die Zeit der höchsten Blüthe des Industriezweiges, 1652. Das Wappen der nürnbergischen Patrizierfamilie der Kreß und, daran beiderseits anschließend, friesartig die Ansichten zweier Landsitze der Familie tragen zwei Gläser, die aus dem Besitze derselben stammen. Das in Fig. 3 abgebildete, mit Deckel 22,5 cm. hohe zeigt Kraftshof, das andere, um etwa 1,5 cm. weniger hohe Ketzelsdorf.

Der eigentliche Sitz dieser Industrie wurde indessen nicht Nürnberg selbst. Sie hatte im Fichtelgebirge und später in Thüringen ihre Heimat. Deshalb ist auch auf solchen Gläsern des 17. Jahrh. die Darstellung des Ochsenkopfes im Fichtelgebirge und der von demselben ausgehenden vier Flüsse so häufig. Auch der Reichsadler, dessen Flügel mit den Wappen der Glieder des Reiches belegt sind, der Kaiser und die Kurfürsten zu Pferde, in Brustbildern u. s. w. sind häufig dargestellte Verzierungen dieser Gläser. In Thüringen hatte sich die Industrie, freilich künstlerisch sehr herabgekommen, bis in unser Jahrhundert erhalten und ist zuletzt, auf Schnupftabak- (Bresil-) und Schnapsfläschchen reduciert, an den Bestrebungen zur Hebung des Kunstgewerbes durch die billig gelieferte, den heutigen Geschmack auch auf’s Land tragende Industrie zu Grunde gegangen, um wenige Jahre darauf in böhmischen Fabriken in zweifelhaften, theuern Imitationen alter Gefäße wieder zu erstehen.

Nürnberg.

A. Essenwein.