Tiberius Claudius Nero, röm. Kaiser, geb. 42 v. Chr., Sohn eines gleichnamigen Vaters und der Livia Drusilla und nach deren Verheiratung mit Augustus (38) Stiefsohn des Kaisers, unterwarf mit seinem Bruder Drusus zusammen 16-15 die Rätier und Vindelizier, unterdrückte in drei Feldzügen 12-10 einen Aufstand der Pannonier und Dalmatier und machte 8 einen Einfall in das Gebiet der Sigambrer, die er schlug, und von denen er 40,000 auf das linke Rheinufer verpflanzte. Er war 12 nach dem Tode des Agrippa mit Julia, der Tochter des Augustus, verheiratet worden, und 6 wurde ihm die tribunizische Gewalt auf fünf Jahre verliehen. In demselben Jahr aber wurde er durch die Ausschweifungen der Julia und durch Eifersucht auf die bevorzugten Enkel des Augustus, Gajus und Lucius Cäsar, bewogen, sich gegen den Willen des Kaisers nach Rhodos in ein freiwilliges Exil zu begeben. Erst 2 n. Chr. kehrte er von da zurück, und nun wurde er, nachdem Gajus und Lucius Cäsar gestorben waren, 4 von Augustus adoptiert und damit zum Nachfolger auf dem Kaiserthron designiert; zugleich wurde ihm die tribunizische Gewalt auf weitere fünf Jahre (sodann 9 auf Lebenszeit) übertragen. Sonach fiel ihm, nachdem er 6-9 einen neuen, langen und schwierigen Krieg in Pannonien und Dalmatien geführt und 11 die Rheingrenze gegen die Deutschen geschützt hatte, 14 nach dem Tode des Augustus die Herrschaft von selbst zu, welche er hierauf 23 Jahre mit Klugheit und Energie und nicht ohne einen gewissen Gewinn für die Provinzen, aber mit Härte und Mißgunst gegen jedermann und mit Grausamkeit geführt hat. In den ersten Jahren seiner Regierung wurde er zu einiger Zurückhaltung durch die Rücksicht auf Germanicus, den Sohn seines Bruders Drusus, bestimmt, den er auf Anordnung des Augustus adoptiert, und der durch zwei glänzende, obwohl erfolglose Feldzüge gegen die Deutschen (15 und 16) seinen Argwohn erregt hatte. Nachdem aber Germanicus 19 gestorben und die Regierung immer mehr in die Hand des Sejanus, des Präfekten der Prätorianer, gelangt war, der diese in einem festen Lager in Rom selbst vereinigte, um durch sie einen Druck auf die Hauptstadt auszuüben, nahmen die Verfolgungen der angesehensten Männer durch die Delatoren, d. h. die Angeber, welche im Dienste des T. alle, die dessen Verdacht erweckten, anklagten und ihre Verurteilung im knechtisch gesinnten Senat bewirkten, immer mehr zu. Zwar wurde 31 Sejanus gestürzt, der, um sich selbst den Weg zur Herrschaft zu bahnen, schon 23 Drusus, den Sohn des T., durch seine Gemahlin hatte vergiften lassen, der 26 den T. bewogen hatte, sich nach Capreä (Capri) zurückzuziehen, und der die Familie des Germanicus zum großen Teil zu beseitigen gewußt hatte. Indessen diente dies nur dazu, die Zahl der Hinrichtungen zu vermehren, indem alle diejenigen, welche der Mitschuld an den Plänen des Sejanus geziehen wurden, der Grausamkeit des T. zum Opfer fielen, bis endlich T. 16. März 37, als er schon im Todeskampf lag, von Macro, dem Nachfolger des Sejanus in der Gunst des Kaisers, in den Kissen seines Lagers erstickt wurde. Vgl. Stahr, Tiberius' Leben, Regierung, Charakter (2. Aufl., Berl. 1873); L. Freytag, T. u. Tacitus (das. 1870), welche beide den T. durch Herabsetzung des Tacitus zu rechtfertigen gesucht haben; dagegen Pasch, Zur Kritik der Geschichte des Kaisers T. (Altenb. 1866), und Beulé, T. und das Haus des Augustus (deutsch von Döhler, Halle 1873); Deppe, Kriegszüge des T. in Deutschland (Bielef. 1887).
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Tibesti - Tibet.
Tibesti (auch Tu), das Land der Tibbu Reschade in der östlichen Sahara, zwischen 14-19° östl. L. v. Gr. und 19-23° nördl. Br. gelegen, wurde zuerst 1868-69 von Nachtigal erforscht. Der bewohnte Teil des Landes konzentriert sich um das Zentralgebirge, eine von NW. nach SO. streichende Kette, welche im Tarso, einem 1000 m hohen Dolomitrücken, ihren Hauptstock hat. Die höchsten Kegel desselben sind: der Tusside (2500 m), der Timi, Boto und Bodo. Am östlichen Fuß des Tarso befindet sich eine heiße Quelle. An den Seiten dieses Hauptgebirges, in den nach W. hinabgehenden Thälern sowie in dem östlich gelegenen Thal Bardai, haust die elende und arme Bevölkerung, deren Hauptsubsistenzmittel ihre Kamel-, Schaf- und Ziegenherden sind. Datteln wachsen in einigen Schluchten, Durra und Duchn wird an wenigen Orten gebaut. Auch die Jagd ist dürftig. Hauptorte sind Tao und Bardai. Vgl. Nachtigal, Sahara und Sudân, Bd. 1 (Berl. 1879).
Tibet, Zeug, s. Merino.
Tibet (Thibet, Tübet), Nebenland Chinas zwischen dem Hauptkamm des Himalaja im S. und W., dem Kuenlün und seinen östlichen Fortsetzungen im N. und den Provinzen Kansu und Setschuan im O. (s. die Karten "Zentralasien" und "China"), umfaßt 1,687,898 qkm (30,654 QM.), bildet ein großes Plateau, das, im äußersten Westen schmal, nach Osten ständig an Breite zunimmt, bis es im Meridian von Lhassa zwölf Breitengrade bedeckt, worauf es mit schwach konvergierendem Nord- und Südrand nach Osten geht. Den Süden dieses ungeheuern Gebiets nimmt das Längsthal des Indus und Sanpo ein als deutliche Grenzmark zwischen dem Himalaja und der tibetischen Massenerhebung. Die nördlich davon sich ausbreitende Hochfläche, welche sich allmählich von Westen, wo die gewaltige Bergmasse des Karakorum aufgelagert ist, nach O. senkt, hat eine mittlere Höhe von über 4000 m. Zwischen 80 und 90° östl. L. v. Gr. scheint die wellige Hochsteppe vorzuherrschen; hier führt die Straße von Kiria über den Kuenlün und ein 5000 m hohes Plateau zu den Goldfeldern von Thok Dschalung, dem höchsten (4977 m) ständig bewohnten Orte der Erde. Hier dehnt sich nun die zentrale Hochsteppe aus, ein mit zahlreichen Salzlachen und Salzseen bedecktes, abflußloses Gebiet, das für zahlreiche Scharen wilder Esel, Antilopen und Moschusschafe immer noch genügende Weideplätze zu bieten scheint. Auf weite Strecken ist das Hochland unbewohnt, nur einige tiefer gelegene Gründe gestatten den Anbau von Gerste. Den Südostteil dieser Hochsteppe erfüllt ein seenreiches Gebiet; einer der größten Seen ist der Tengri-Nor (4600 m ü. M.), einige buddhistische Klöster an seinen Ufern sind die einzigen Wohnstätten. Osttibet, das Gebiet nordöstlich von Lhassa bis zum Huangho, ist gleichfalls ein von beträchtlichen Bergmassen erfülltes Hochland, doch unterscheidet sich dasselbe von dem westlichen Plateau dadurch, daß zahlreiche nach O. und SO. strebende Flüsse (Omtschu oder Dibong, Tsatschu, Salwen, Mekhong, Murussu oder Britschu, Jatschu, die beiden letztern Quellflüsse des Jantsekiang) dasselbe durchziehen. Über die Hauptrichtung der Gebirgszüge Osttibets herrscht noch keine Klarheit; auf weite Strecken gänzlich unbewohnt, beherbergt dies Gebiet einzelne wilde Stämme, die kaum als Unterthanen der Chinesen anzusehen sind und das Eindringen von S. her ähnlich erschweren wie die tibetischen Beamten an den Grenzorten der Karawanenstraßen. Von der großen Hochebene führen 5000 m hohe Pässe über den bis 7500 m hohen, mit Schneegipfeln gekrönten Plateaurand in das Thal des Brahmaputra, das bis 88° östl. L. v. Gr. noch immer über 4000 m hoch und daher nur von Nomaden bewohnbar ist. Hier erst beginnt die Möglichkeit des Anbaues der Gerste. Im NO. liegt das mit zahllosen Seen besetzte Quellgebiet des Huangho, des Sternenmeers, westlich davon erhebt sich das Plateau zu 5400 m, dagegen senkt sich das von einem abflußlosen Salzmorast bedeckte Becken von Tschaidam bis zu 2600 m; am äußersten Nordrand des tibetischen Plateaus liegt 3300 m hoch das Becken des Kuku-Nor. Das Klima hat einen durchaus kontinentalen Charakter: die Sommer sind kurz und heiß, die Winter lang und streng (bis -25° C.). Die Trockenheit ist ungemein, der atmosphärische Niederschlag, fast nur Schneefall während des 5-7 Monate dauernden Winters, beträgt kaum 25 mm. Die beim Auftauen des Schnees mit Feuchtigkeit sich vollsaugenden Moosarten ersetzen zum Teil den Mangel an Waldungen, indem sie das gänzliche Ausdörren des Bodens verhindern. Die Pflanzenwelt ist, da die Hochebenen größtenteils höchst unfruchtbar sind, eine sehr dürftige. In den wärmern Thälern des Südwestens wird Reis gebaut, ebenso Obst und Wein; der Getreidebau deckt den Bedarf nicht. Die Steppenregionen liefern den feinsten Rhabarber. Mannigfaltig ist das Tierreich. Der Yak kommt auf den Hochsteppen in großen Herden wild vor, ebenso eine wilde Art Pferde (Equus hemionus) und ein wildes Schaf (Ovis Argali) mit großen Hörnern. Antilopen, Moschustiere, Wölfe, Schakale und Füchse bevölkern die Steppen. Vögel sind selten, Singvögel fehlen ganz. Die wertvollsten Haustiere sind: Yak, Pferd (klein), Ziege (deren Vlies die kurze, zu den feinsten Geweben taugliche, Paschm genannte Wolle liefert) und Schaf. Hunde sind bei jedem Haus, aber verwahrlost und darum eine Plage. Das Mineralreich liefert Gold, Edelsteine, Bergkristalle, Salz, Borax u. a.
Die Bevölkerung, deren Zahl auf 6 Mill. veranschlagt wird, gehört der großen Mehrzahl nach zu den eigentlichen Tibetern (Bod-dschi), einem mongolischen Volk; daneben gibt es eigentliche Mongolen (Sokpa), Türken (Hor) und Kirgisen im N., Mohammedaner, Chinesen und einige Inder in Lhassa und in den Städten. Die Tibeter bewohnen außer T. noch Bhutan, Sifan, das Quellgebiet des Huangho und die obern Stufenländer der hinterindischen Flüsse sowie im W. Ladak und Baltistan. Den Charakter des Tibeters kennzeichnen kriechende Unterwürfigkeit gegen Mächtige, Übermut gegen Niedrige. Die Ehe wird wenig heilig gehalten; unter den Reichen herrscht Polygamie, unter dem Volk Vielmännerei bei Brüdern. Gesellschaftlich gliedert sich die Bevölkerung in Geistliche und Laien; leider übt die Welt- und Klostergeistlichkeit beider Geschlechter keinen guten Einfluß auf die Sittlichkeit des Volkes aus. Doch findet wissenschaftliche Bildung in den zahlreichen Klöstern eine anerkennenswerte Pflege, so daß in dieser Hinsicht die Tibeter unter den Völkern Hochasiens einen hervorragenden Rang einnehmen. Die Hauptbeschäftigung ist Viehzucht, dann Ackerbau; die gewerbliche Thätigkeit beschränkt sich auf Anfertigung von groben Wollgeweben, Filzen und Metallarbeiten für den Hausbedarf. Der Handel mit Hochasien, Indien und China ist nicht unbedeutend; doch bereitet die chinesische Regierung dem Verkehr mit Indien aus politischem Mißtrauen die größten Schwierigkeiten. Den Verkehr mit China wie den Binnenhandel haben die Klöster und die Großen des Landes in Händen.
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Tibet (Geschichte).
Waren werden auf den Rücken von Schafen und Ziegen oder auch von Menschen verschickt, Kunststraßen fehlen, und selbst auf den Hauptverkehrswegen müssen Seilbrücken solidere Anlagen ersetzen. Der Handel ist vorwiegend Tauschhandel. Neben Thee statt Geld kursieren chinesische Kupfermünzen und indische Rupien, oft zu Klumpen zusammengeschmolzen. Religion ist der Buddhismus in der tibetischen Form. Begründer der tibetischen Lehre ist der Mönch Tsonkhapa (1358-1419), der die Menge des zu Wissenden und zu Verrichtenden in acht Gebote zusammenfaßte und unter der Geistlichkeit eine feste Hierarchie begründete, welche der Kitt der bestehenden politischen Verhältnisse wurde. Obenan steht der Dalai Lama, eine Verkörperung des Tschenresi (Padmapani), des göttlichen Stellvertreters des Buddha auf Erden; seine Residenz ist Lhassa (s. d.). Nächst diesem kommt der Pantschen Rinpotsche, der zu Taschi Lhunpo (s. d.) residiert und dort in einem kleinen Bezirk auch Hoheitsrechte ausübt. Beide Hohepriester gehen aus Wahl hervor unter Einwirkung der chinesischen Regierung (s. Dalai Lama). Unter dem Dalai Lama stehen die Klosteräbte, unter diesen die Priester (Lama), alle dem Cölibat unterworfen und in verschiedene Klassen zerfallend. Die Klöster (Gonpa) sind weitläufige Gebäude (zuweilen eine ganze, von Ringmauern umgebene Stadt) und reich mit liegenden Gründen bedacht. Durchschnittlich wird aus jeder Familie ein Sohn Lama. Die Mönche sind sehr ungebildet, dabei von lockern Sitten. Die religiösen Gebräuche unterstützen den Aberglauben; weltbekannt ist die Anwendung des Gebetrades (s. Gebetmaschine). Die Hauptfamilienakte vollziehen sich ohne Segen des Lama; aber bei jedem sonstigen Anlaß braucht man den Lama als Geisterbeschwörer, der dabei große Fertigkeit in höherer Gaukelei bekundet. Der eigentliche Gottesdienst ist durch Gepränge, Musik und Weihrauch geistverwirrend (vgl. E. Schlagintweit, Buddhism in T., Leipz. 1863). Eine zwischen 1861 und 1870 durch französische Missionäre in Bonga, südöstlich von Lhassa, eingerichtete Missionsstation wurde unterdrückt. Die Verwaltung wird im Namen des Kaisers von China von Tibetern geführt, welche ihre Bestallung von Peking aus erhalten. Der Dalai Lama widmet sich nur der Erfüllung seiner religiösen Pflichten; die Besorgung der Regierungsgeschäfte liegt einem Stellvertreter ob, der aus den Mönchen eines der Hauptklöster von Lhassa genommen wird. Oberster Rat sind 4 Minister und 16 Dezernenten für Zivil, Militärverwaltung, Gerichtswesen und Finanzen mit dem Sitz in Lhassa; unter ihnen wirken Lokalbeamte. Chinesische Beamte überwachen in Lhassa, Mandarinen in den Provinzen die Geschäfte; sie stehen unter dem Gouverneur von Setschuan, wie T. auch als Teil dieser Provinz gilt. Verwaltung wie Gerichtswesen bieten jedoch durch Bestechlichkeit ein Zerrbild gesunden Staatslebens. Für den Bestand der chinesischen Oberherrlichkeit sorgt eine Mandschutruppe von etwa 4000 Mann, die in zahlreichen kleinen Garnisonen untergebracht ist. Außerdem wird im Inland eine Miliz ausgehoben. Der jetzige Dalai Lama, der 13. dieses Titels, wurde 1879 noch im Kindesalter unter Feierlichkeiten, die drei Tage andauerten, eingesetzt.