III. Periode. Die Unterdrückung der tschechischen Sprache; die Exulanten (1620-1774). Die Niederlage der Böhmen in der Schlacht am Weißen Berg, die gewaltsame Austreibung und Auswanderung von 30,000 Böhmen, darunter viele durch hervorragende Stellung und Vermögen einflußreiche Förderer der nationalen Litteratur, die Vernichtung des Wohlstandes und die allgemeine Verwilderung während des Dreißigjährigen Kriegs schienen den Untergang der tschechischen Litteratur herbeizuführen. Gegen die alten Schätze derselben wüteten die Sieger unter dem Vorwand, daß sie von hussitischen oder protestantischen Tendenzen durchdrungen seien. So gingen von den ältern Werken viele unter, andre wurden außerordentlich selten. Bald verwilderte denn auch die tschechische Sprache, die immer allgemeiner als Bauerndialekt verachtet und endlich vom Kaiser Joseph II. durch Dekret vom 6. Jan. 1774 aus Amt und Schule ausgeschlossen wurde. Damit war das 1620 unternommene Werk formell beendet, allein sofort trat eine kräftige Gegenwirkung zu Tage. Die litterarischen Traditionen der zweiten Periode wur den zunächst von den Emigranten oder Exulanten fortgesetzt. Karl v. Zerotin setzte von Breslau aus, wohin er 1628 ausgewandert war, seine litterarisch wertvolle Korrespondenz mit seinen Freunden, namentlich mit den Böhmischen Brüdern, fort. In enger Verbindung mit seinem Namen erscheint der des bedeutendsten tschechischen Schriftstellers jener Zeit, J. Amos Komenskys (genannt Comenius, 1592 bis 1670), dem die t. L. die großartige, wenn auch zuweilen in Pietismus ausartende allegorische Dichtung "Labyrint sveta a ráj srdce" ("Labyrinth der Welt", 1623) verdankt, worin er dem tiefen Schmerz seiner Seele in ergreifenden Tönen Ausdruck verlieh. Von demselben unerschütterlichen Gottvertrauen zeugt seine treffliche metrische Übersetzung der Psalmen. In seinen pädagogischen Schriften trat er gegen die herrschende pädagogische Scholastik und den verkehrten Klassizismus auf (weiteres s. Comenius). Neben Komensky zeichneten sich unter den Exulanten aus: Paul Skála (gestorben nach 1640), der Verfasser einer Kirchengeschichte in 10 Bänden, Martin v. Drazov, Paul Stránsky, (gest. 1657), der in seiner in Amsterdam veröffentlochten "Respublica bojema" eine überaus klare Darstellung der politischen Verhältnisse und des innern Zustandes Böhmens entwirft. Noch spärlicher entwickelte sich die t. L. nach der Katastrophe von 1620 in Böhmen selbst. Eigentümlicherweise verdankt man hier das bedeutendste Werk jenem Grafen Wilhelm Slavata (s. d.), einem der Opfer des berühmten Fenstersturzes, dessen 14bändiges Geschichtswerk ("Spisovani historicke"), ein Gegenstück der vom protestantischen Standpunkt verfaßten Geschichte Skálas, eine wichtige Geschichtsquelle bildet. Im Sinn der kirchlich-politischen Reaktion schrieben ferner der Jesuit Bohuslaw Balbin (gest. 1688), Thomas Pesina (gest. 1680), dessen "Predchudce Moravopisu" die chronologische Geschichte Mährens bis 1658 umfaßt, Joh. Beckovsky (gest. 1725), Verfasser einer böhmischen Chronik: "Poselkyne starych pribehuv", Johann Hammerschmid (gest. 1737), Franz Kozmanecky, der schon ältere Wenzel Sturm, der schlimmste Gegner der Brüdergemeinde (gest. 1601), ferner der jesuitische Fanatiker Anton Konias (gest. 1760) u. a.

IV. Periode. Die Wiedererweckung (1774 bis 1860). Die plötzliche Unterdrückung der tschechischen Sprache in Amt und Schule rief alsbald ernste

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Tschechische Litteratur (18. und 19. Jahrhundert).

Proteste hervor. Kurz nach dem Erscheinen des betreffenden kaiserlichen Patents forderte Graf Franz Kinsky in der deutschen Schrift "Erinnerungen über einen hochwichtigen Gegenstand" (1774) die Erhaltung und Ausbildung der tschechischen Sprache, und ein Jahr darauf gab Franz Pelcel eine lateinische Verteidigungsschrift der tschechischen Sprache des oben genannten Balbin ("Dissertatio apologetica linguae slovenicae") heraus. Wichtiger aber für das Wiedererwachen der tschechischen Nationalität war der Aufschwung der historischen Forschung unter der Regierung Maria Theresias und Josephs II. Zuerst untersuchte Fel. Jak. Dobner (s. d.) die alten tschechischen Geschichtsquellen und gründete 1769 einen wissenschaftlichen Verein, welcher 1784 zur königlich böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften erhoben wurde. Unter dem anregenden Einfluß dieser Gesellschaft erwachte das Interesse für die Sprache und Litteratur der Tschechen, für welche 1793 F. Pelcel als ordentlicher Professor an der Prager Universität angestellt wurde, während Joseph Dobrovsky (s. d., 1753-1829) die eigentliche Grundlage der neuern tschechischen Sprachforschung schuf. Mit dem 1818 durch den Grafen Sternberg begründeten Nationalmuseum, das bald eine Zeitschrift in deutscher und tschechischer Sprache herausgab und später den wichtigen Verein der Matice ceska zur billigen Verbreitung von tschechischen Schriften zu Tage förderte, erhielt dann die litterarische Bewegung der Tschechen einen festen Stützpunkt. Den Übergang von diesen ersten Versuchen der Wiedererweckung der tschechischen Litteratur zu dem ansehnlichen Aufschwung dieser Litteratur nach 1820 bildet die fruchtbare Thätigkeit Joseph Jungmanns (s. d., 1773-1847), der sich namentlich durch zwei Werke, seine "Geschichte der tschechischen Litteratur" (1825) und sein "Tschechisch-deutsches Wörterbuch" (1835-39, 5 Bde.), die größten Verdienste erwarb. Auf dem Gebiet der Poesie wirkte, nach den schwachen Anfängen Puchmajers, Polaks und Jungmanns, die Auffindung der Königinhofer und der Grünberger Handschrift (1817) epochemachend und befruchtend. In der nationalen Richtung gingen voran Joh. Kollar (1793-1852) und Wladislaw Celakowsky (1799-1852). Zahlreiche andre Lyriker, wie Vaclav Hanka (1791-1864), Vlastimil Kamaryt (gest. 1833; "Pisen vesnicanuv"), Fr. Jaroslaw Vacek (gest. 1869), ferner Vinaricky, Chmelenski, Picek, Pravoslav Koubek, Boleslav Jablonsky, W. Stulc u. a., schlossen sich ihnen an. - Die epische Dichtung, besonders angeregt durch die Auffindung der genannten nationalen Handschriften, fand ihre Pflege durch den Slowaken Joh. Holly (1785-1849; "Svatopluk"), den Romanzendichter Erasm. Vocel (1803-71), Joh. Marek (1801-53), Jos. Kalina (1816-47), den unter Byronschem Einfluß stehenden Karl Hynek Macha (1810-36; "Máj"), den vielseitigen Jaromir Erben (1811-70), der indessen schon den Übergang zu der neuen Richtung vermittelt. Unter den Satirikern zeichneten sich Franz Rubes (1814-53) und Karl Havlicek (1821-56) aus. - Die Anfänge des modernen tschechischen Dramas knüpfen sich an das 1785 von Karl und Wenzel Tham in Prag begründete Liebhabertheater. Nep. Stepánek (1783-1844) schuf durch zahlreiche originale oder übersetzte Stücke das tschechische Repertoire; höher stehen der fruchtbare Wenzel Klicpera (1792-1859) und Jos. Kajetan Tyl (1808-56), dessen "Cestmir", "Pani Marjanka", "Strakonicky dudak", "Jan Hus" u. a. sich auf dem Repertoire erhalten haben. Noch sind zu erwähnen: S. Machacek (gest. 1846), Fr. Turinský (gest. 1852), Ferdinand Mikovec (gest. 1862). - Auch das Gebiet des Romans (im Sinn W. Scotts) und der Novelle wurde fleißig angebaut, so namentlich von Tyl, Rubes, K. I. Mácha und Marek, dem Begründer der tschechischen Novellistik, Sabina (1813 bis 1877), Prokop Chocholousek (1819-64), J. Ehrenberger (geb. 1815) und Adalbert Hlinka (pseudonym Franz Prawda, geb. 1817), durch letztern besonders in Erzählungen aus dem Volksleben.

Bedeutender als auf dem Gebiet der Poesie gestaltete sich die neuere t. L. auf dem der Wissenschaften und insbesondere der historischen. Als Historiker stehen in erster Linie: Franz Pelcel (1734-1801), der Verfasser einer Reihe historischer Untersuchungen (darunter Biographien Karls IV., Wenzels IV. etc.) und einer "Nova kronika ceská", die wesentlich zur Erweckung des tschechischen Nationalgefühls beitrug; sodann Paul Jos. Safarik (Schafarik, 1795-1861), der in seinen "Starozitnosti slovanské" den ersten den modernen Bedürfnissen entsprechenden Versuch machte, die slawische Urgeschichte bis zum 10. Jahrh. aufzuhellen, und besonders Franz Palacky (1798-1876), mit dessen monumentaler "Geschichte Böhmens von den ältesten Zeiten bis 1526", deren 1. Band 1836 erschien, die tschechische Historiographie sich plötzlich aus mühsamer und schwerfälliger Altertumsforschung auf die Höhen moderner, künstlerischer Darstellung emporschwang. Auch um die slawische Sprachforschung erwarb sich nach den schon genannten Gelehrten, Dobrovsky und Jungmann, besonders Paul Safarik durch seine "Pocátkové staroceske mluvnice" große Verdienste. Diesen Bahnen folgen: Martin Hattala (geb. 1821), Wenzel Zikmund (1863-73), Jos. Kolar u. a.

V. Periode. Die neueste Zeit. Mit der Einführung der konstitutionellen Ära in Österreich (um 1860) fielen die letzten Schranken, welche das Wiederaufblühen der tschechischen Litteratur bis dahin vielfach gehindert hatten. An Zahl, innerm Gehalt und Formvollendung übertreffen denn auch die Produkte der neuesten Periode alle frühern. Das tritt am auffälligsten auf poetischem Gebiet zu Tage. Hier sei zunächst, gleichsam als Übergang in die Neuzeit, der hyperromantische Lyriker J. Vaclav Fric (pseudonym Brodsky, geb. 1829) erwähnt, der sich auch als Dramatiker einen Namen gemacht hat. In Viteslav Halek (1835-74) erstand sodann der böhmischen Poesie ein Dichter von durchaus moderner Stimmung und trefflicher Naturmalerei. Schwungvoller sind die lyrischen Gedichte von Adolf Heyduk (geb. 1836), der auch in der poetischen Erzählung ungewöhnliches Talent bekundet. Sehr geschätzt werden ferner die geistreichen, im übrigen der dichterischen Unmittelbarkeit entbehrenden Gedichte von Joh. Nerud a (geb. 1834). Der bedeutendste Dichter Böhmens auf lyrisch-epischem Gebiet ist indessen Jaroslaw Vrchlický (eigentlich Frida, geb. 1853). Noch sind unter den Lyrikern zu erwähnen: Eliza Krasnohorska (geb. 1847), die populärste böhmische Dichterin der Neuzeit, der vorwiegend elegische Joseph Vaclaw Sladek (geb. 1845), Spindler, Dörfl, Mokry etc. Als Dichter von epischer Begabung zeigte sich Svatopluk Cech (geb. 1846), doch hat ein Epes im großen Stil die neuere tschechische Poesie bisher nicht zu Tage gefördert. Die bedeutendsten Erfolge sind im Drama errungen worden, besonders durch Franz Wenzel Jerábek (geb. 1836), der im sozialen Schauspiel und der Tragödie Werke von hohem sittlichen und künstlerischen Wert schuf. Von Bedeutung

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Tschechische Litteratur - Tschechische Sprache.

sind der Lustspieldichter Emanuel Bozdech (1841-1889), der nationale Vaclav Vlcek (geb. 1839), bei dem aber zuweilen das epische Motiv überwiegt; der noch der ältern Schule angehörende fruchtbare Schauspieler Jos. Georg Kolar (geb. 1812), der mit besonderm Geschick düstere Helden- oder Intrigantentypen zur Geltung bringt; Fr. A. Subert, gegenwärtig Direktor des böhmischen Nationaltheaters. Weniger glücklich war der oben erwähnte Jaroslaw Vrchlický in seinen dramatischen Versuchen. Sonst sind noch zu erwähnen Stroupeznicky ("Cerne duse" etc.), Neruda, Zakreys, Durdik ("Stanislav i Ludmila"), Stolba, Samberk, Krajnik etc. - Als die Gründerin des tschechischen Romans gilt Frau Karoline Svetlá (eigentlich Johanna Muzák, geb. 1830), die Verfasserin zahlreicher dem Volksleben entnommener Erzählungen. In erster Reihe steht gegenwärtig der bereits unter den Dramatikern erwähnte Vaclav Vlcek, dessen "Zlatov ohni" (neue umgearb. Ausg. 1883) sowohl durch großartig angelegten Plan (Naturgeschichte der Familie von der Ehe bis zur Völkerfamilie) als auch durch meisterhafte Detailmalerei hervorragt. Auf dem Gebiet des historischen Romans waren vor andern Jos. Georg Staúkovský (gest. 1880; "König und Bischof", "Die Patrioten der Theaterbude" etc.) und der schon unter den Dramatikern genannte Fr. A. Subert (15. Jahrh.), auf dem des sozialen Svatopluk Cech thätig. Ferner sind als Erzähler zu nennen: Gustav Pfleger-Moravsky (gest. 1875; "Aus der kleinen Welt") und Aloys Adalbert Smilowski (gest. 1883), beide auch als Lyriker und Dramatiker bekannt; Jakob Arbes (geb. 1840); der schon unter den Dichtern erwähnte Joh. Neruda ("Erzählungen von der Kleinseite"); Aloys Jirásek (geb. 185l; "Die Felsenbewohner", "Am Hof des Wojewoden", "Eine philosophische Geschichte" etc.); Bohumil Havlasa (gest. 1877; "Im Gefolge eines Abenteurerkönigs", "Stille Wasser" etc.); Servac Heller, Julius Zeyer, Franz Herites (geb. 1851), Joseph Stolba (geb. 1846) u. a.