Nahe beim Nordtor der Kun Yam-Berg, einer der heiligen Orte Kantons. Kun Yam ist die buddhistische Göttin der Barmherzigkeit (Sanskrit Avalokitêshvara) und eine der häufigsten Bildsäulen hier. 1858-62 war am Berg das Hauptquartier der Engländer und Franzosen. Unten das Taoistenkloster Sam Yün Kung, einer der saubersten und schönsten Tempel der Stadt; eine lange Flucht breiter Granitstufen führt empor zum Kun Yam-Tempel; vom Tempelhof schöner Blick über die Stadt.—Zwei Minuten weiter die Fünfstockpagode (Ng Tsang Lao), keine Pagode, sondern ein mächtiger Burgturm von Hausgröße, rechteckig, fünfstöckig, aus rotem Gestein, die Simse weit vorspringend, erbaut unter dem ersten Ming-Kaiser (zwischen 1366 und 1399). Vom Obergeschoß weiter *Ausblick: Im S. die Stadt, der Perlfluß als schimmerndes Band, an seinen Ufern zwei Neunstockpagoden, in der Ferne die Sai Siu-Hügel. Im O. und W. die dörferbesäte Ebene, im N. und NO. dicht hinter der Stadtmauer die »Weißen Wolkenberge« (ein andrer heiliger Ort; hier findet der Totenkult sein letztes Ziel: vom Fuße bis zum Gipfel liegen die Hufeisengräber neben-und übereinander). Im Oberstock zwei Bildsäulen: Kun Yü und Wan Tsèng (heilig gesprochener Kultusminister aus dem 7. Jahrh.), denen die Prüflinge opfern, um gut zu bestehen. Höhe und Lage auf der schon an sich 10 m hohen Stadtmauer machen die Fünfstockpagode zu einer Landmarke. Die Chinesen sagen: Kanton gleicht einer mächtigen Dschunke, die Fünfstockpagode ist der Hintermast mit gespreiteten Segeln, die Blumenpagode der Vordermast (Zeichen des steigenden Handels und steigenden Wohlstandes der Stadt).
Auf der Stadtmauer (zu Fuß) oder durch die Stadt (in Sänfte) nach dem kleinen Nordtor (Siu Pak Mun). Geradeaus, immer nach S., bis zur Hauptstraße der Altstadt, der etwa 1 St. langen Wei Ngoi Gei (»Straße der Wohltätigkeit und Liebe«), dann r. zum »Tempel des Schreckens« (Sing Wong Miu, »Sing Wong« ist der Schutzgott der ummauerten Städte, deshalb findet sich sein Tempel ebenso in jeder Stadt wie der des Kungfutsze).
Der Sing Wong Miu ist ein typisch-kantonesischer Tempel: klein, neuerdings renoviert. Er wird von Frauen, Landleuten, Soldaten besucht, gleichzeitig von »Bauernfängern«; Bettler, Spieler, Wahrsager, Hausierer drängen sich hier, zumal an Festtagen. An den Wänden des Hofes werden die Strafen der buddhistischen Hölle in Bildern vorgeführt (r. und l. je fünf).
»Da wird ein Kerl lebendig in Öl gesotten, während grausige Ungeheuer die Glut des Ofens anfachen; dort wird ein armer Sünder aufgeschraubt wie ein Korkzieher, an andrer Stelle wird ein Bösewicht Zoll für Zoll zerstückelt, am dritten Ort ein andrer unter einer Riesenglocke zu Tode geläutet, und so geht es fort durch alle erdenklichen Stufen der raffiniertesten Grausamkeit« (Hans Meyer). Das Ganze erinnert an ein Panoptikum.
Dem Sing Wong-Tempel gegenüber durch die Fu Hog Tung Gei nach dem *Kungfutsze-Tempel (Kuong Tsao Fu Hog Kung). Kanton hat drei Kungfutsze-Tempel, dieser ist der erste. An bestimmten Tagen im Frühling und Herbst versammeln sich hier alle Zivil-und Militärbeamten, an ihrer Spitze der Generalgouverneur. Die Verehrung des großen Weisen besteht im Räuchern, Verbrennen von Kerzen, Opfern von Reis, Wein, Fleisch, Musik, Niederknien u. a.—Nicht weit davon, in der Söng Mun Dai Gei (Hauptstraße der chinesischen Buchhändler) die *Wasseruhr. Sie besteht aus vier Kupferkübeln, die auf Stufen stehen. Das Wasser tropft von einem zum andern; im untersten schwimmt ein Anzeiger, der angibt, wie lange das Wasser fließt. Nach 12 St. wird es ins oberste Gefäß zurückgegossen. Erbaut wurde die Wasseruhr um 1320.—Nördl. zurück zur Wei Ngoi Gei und diese entlang bis zum Westtor (Sai Mun). Auf dem Weg mehrere Yamen (Amtsgebäude). Das Schatzmeistersyamen (der Einmündungsstelle in die Wei Ngoi Gei gegenüber), dann ein wenig weiter, r., das Präfektsyamen, zuletzt das des Tatargenerals (die Straße führt durch die großen Tore des Vorhofs, l. eine Wand mit dem kaiserlichen Drachen).—Nach Schamien zurück durch die Sap Tsat Po und Sap Bat Po (wichtige Handelsstraßen, hier auch viele europäische Waren).
Kürzere Rundfahrt: Wem diese Fahrt zu lang ist, gehe von der Ha Gao Po zum Westtor und hier auf die Stadtmauer: schöne Blicke auf den Tempel der fünf Genien, den »Nackten Turm«, die Blumenpagode, den Kun Yam San, die Fünfstockpagode. (Vom Nackten Turm auf der Stadtmauer zum Großen Nordtor; uralte Geschütze auf der Stadtmauer, Schweine und Hühner liegen darunter, menschliche Faulenzer schlafen darauf, daneben kochen die Wächter ihr Essen; auch l. durch die Mauerluken manch hübsches Bild; bis zum Großen Nordtor 25 Minuten zu Fuß, vom Tor aus gehe man wie bei der ersten Fahrt beschrieben.)
Zwei hervorragend schöne Gebäude erfordern weitere Ausflüge: 1) die Ahnenhalle der Familie Tsan. Man fahre mit der Nordbahn (7 Min.) nach der ersten Station Hgai Chim. L. vom Bahnhof die Hochschule der beiden Kuong-Provinzen (mauer-und grabenumzogenes Viereck, mit vielen Gebäuden und Baumgruppen, einer kleinen Stadt ähnlich). Mit Sänfte nach der Ahnenhalle (15 Min.), einem der schönsten Gebäude in Südchina, drei Reihen Hallen hintereinander. Überreiche Stuckarbeiten an Dach und Mauerwerk, die weiten stillen Höfe erinnern an die Alhambra; in der letzten Halle viele kleine Ahnentafeln.—2) Der Kungfutsze-Tempel des Pünjü-Distrikts (Pun Yü Hog Kung), großer Bau, prächtig gelbrotes Ziegeldach, ornamentale Drachen über dem Eingang zur Haupthalle (nur an Kungfutszes Geburtstag geöffnet, sonst Eingang durch Seitentüren), im Innern seltsame Riesenfigur des großen Philosophen. —Daneben die Amtsgebäude des Pun Yü-Magistrat; Besuch der Gefängnisse (Erlaubnis des Beamten!) nicht uninteressant. Die Schauerszenen, früher häufig, sind jetzt unterdrückt. Am Flußufer der Richtplatz, in »Friedenszeiten« werden hier Töpfe getrocknet. Soviel Hinrichtungen am Tage stattfinden, soviel Holzkreuze werden vorher dort etwas erhöht aufgebaut; das Schauspiel (meist Kopfabschlagen) ist widerlich.—Unter den vielen Tempeln der Stadt sind noch zu erwähnen: der Medizintempel, vor dessen Eingang eine vergoldete Holzschnitzerei hängt; im Innern schöne Reliefs und im Nebensaal 60 Götzenbilder, von denen jedes ein Jahr des Menschenlebens und der 60jährigen Kalenderperiode darstellt; vor jedem steht eine Vase zum Opfern von Räucherkerzen. Eine kreisrunde Tür führt in einen andern Saal mit zwei Altären.—Einer der ältesten Tempel, 362 erbaut, liegt im NW. der alten Stadt, nahe der Blumenpagode, im Kloster der glänzenden Elternliebe (Kwang hiao tse); er hat zwei kleine siebenstöckige, eiserne Türme mit Inschriften aus dem 10. Jahrh.—Bemerkenswert ist noch der Kaiser-Tempel (Wan tscheu kong) ein Staatsgotteshaus, wo die Zivil-und Militärbeamten Kantons an Kaisers Geburtstag, beim Neujahrsfest und bei Verheiratung des Kaisers Festgottesdienst abhalten. Auf dem kahlen Altar steht eine Tafel, auf der der goldene Namenszug des Kaisers auf grünem Lack angebracht ist.—Für weitere Auskunft ist zu empfehlen: »A Guide to the city and suburbs of Canton, by Dr. Kerr« (Hongkong, Kelly and Walsh).
Ausflug. Kanton gegenüber, am Südufer des Perlflusses, die Vorstadt Honam auf gleichnamiger Insel; Bootsbauerei, Hauptsitz der Mattenindustrie, etwa 200000 Einw. Mit Sampan fährt man (nicht ohne ortskundigen Europäer!) über den Fluß. Sehenswert sind eine große Tempelanlage (Hoi tswang tse) im Kloster des Meer-Banners, zu der man durch eine lange Reihe von Toren und Holzstatuen gelangt, zwei Hauptpagoden und drei riesige Buddhafiguren; am interessantesten sind die vielen Bonzen, die man in ganzen Rotten trifft (listige Augurenphysiognomien). —Dann fährt man flußaufwärts zur Insel Fati, gegenüber von Schamien, wo sehenswerte Ziergärten liegen; sie enthalten außer vielen Blütengewächsen, Palmen, Dracaenen auch absonderliche Buschpflanzen, die zu allerlei Figuren (Menschen, Drachen, Fische, Fächer u. a.) zurechtgestutzt sind, denen mit Glas und Porzellanansätzen nachgeholfen wird; sehr eigenartig sind auch die Miniaturlandschaften, meist Berge mit Häusern, Grotten, Brücken, Menschen, Bäumen. Bei der Wasserfahrt kann man gelegentlich beobachten, wie Priester auf großen Dschunken Andachten abhalten; auch das Treiben auf dem Wasser, das Familienleben in den Fahrzeugen bietet Sehenswertes. Am angenehmsten sind Fahrten mit »Hausboot« der auf Schamien ansässigen Europäer; sie sind für Ausflüge zu Wasser bestimmt.