Bei der großen Abhängigkeit der Pflanzenwelt von den Niederschlägen könnte eine Karte der Niederschlagshöhen Indiens beinahe auch zur Darstellung der wechselnden Üppigkeit des Pflanzenkleides dienen. Eigentlichen tropischen, immergrünen Regenwald tragen nur die Westghats (s. S. [42] die Bemerkungen über die Tropen). Das Innere des Dekhans und dessen Ostabfall sind schon mehr steppenartig und großenteils von lichtem Wald und von Grassavanne überzogen. Hier begegnet man Wäldern aus Teakbäumen, die in der Trockenzeit blattlos stehen, und Hainen der schönen Palmyrapalmen. Üppiger ist die Vegetation wieder in Assam und in Bengalens Niederungen, die großenteils von dichtem, teilweise sumpfigem Wald bedeckt sind, dem Jungle (Dschangel). In diesen Gebieten wuchert der Lotos in den Gewässern und wächst der Banyanfeigenbaum, der aus seinen Ästen rings Luftwurzeln zur Erde sendet und dadurch allmählich einen Säulenhain um sich herum aufbaut, sowie sein Verwandter, der Bobaum, ersterer den Brahmanen, letzterer den Buddhisten heilig. In Hindostan wird das Pflanzenkleid westwärts immer spärlicher, die laubabwerfenden Bäume nehmen immer mehr zu, und das Punjab gehört schon ganz dem vorderasiatischen Trockenraum an: Dattelpalme, Mangobaum und Gummiakazie sind seine Charakterbäume, die lange Dürrezeiten zu überstehen vermögen, in denen sonst alles oberirdische Pflanzenleben abstirbt. Nur in der Regenzeit bedeckt hier frisches Grün die weiten Ebenen, deren Kultur zum großen Teil nur durch künstliche Bewässerung möglich ist. Das untere Indusgebiet ist sogar großenteils gänzlich wüstenhaft und vegetationslos (Wüste Thar). Eigentliche Höhenzonen der Vegetation sind nur im Himalaja vorhanden, wo hinter einem Sumpfgestrüppsaum, dem Tarai, die untersten 1000 m von tropischem Regenwald bedeckt sind, der in den Flußtälern auch tief ins Gebirge eindringt. Darüber folgt bis 2500 m der schönste Teil des Himalajawaldes, ein äußerst mannigfaltig zusammengesetzter tropischer Gebirgswald, in dessen Gebiet unter anderm auch Simla und Darjeeling liegen. Ihm schließen sich bis 3700 m hinauf nichttropische Wälder an, dann die Zone der Alpenrosen (Rhododendren) und Alpenkräuter bis zur Montblanchöhe, und dann erst beginnt der ewige Schnee. Der Artenreichtum der gesamten indischen Flora wird auf etwa 20000 geschätzt.
Die hauptsächlichsten Charaktertiere Vorderindiens: Elefant, Tiger und Pfau, sind Bewohner der Urwälder und Dschangeln, die auch Affen, Tapir und Wildschweine, verschiedene Wildrinder, Fasanen, zahlreiche Papageienarten, in Südindien außerdem Nashornvögel und Halbaffen (Makis) beherbergen. In den Savannen und lichten Wäldern des Dekhans streifen das Nashorn, verschiedene Antilopenarten, die gestreifte Hyäne, der Lippenbär und das Schuppentier umher. In den Gewässern hausen Krokodile und Gaviale. Zahlreich sind die Schlangen, namentlich die Giftschlangen (Brillenschlange!) des Dekhans, an deren Biß jährlich etwa 12000 Menschen zugrunde gehen. Der Löwe kommt nur noch in den Gebirgen des Indusgebietes vereinzelt vor.
Die Bevölkerung ist so dicht wie kaum sonst in einem großen Ländergebiet der Erde, China und Westeuropa ausgenommen. 1901 lebten im eigentlichen Vorderindien auf 3,5 Mill. qkm etwa 280 Mill. Menschen, d. h. 81 auf 1 qkm (Europa ohne Rußland: 4,4 Mill. qkm, 300 Mill. Einw., etwa 70 auf 1 qkm). Die Volksverdichtung Vorderindiens würde aber viel höher sein, wenn nicht selbst jetzt noch, unter der geordneten Verwaltung der Engländer, Pest, Cholera und Hungersnöte (letztere hervorgerufen durch die namentlich im Nordwesten öfters ausbleibenden Regenzeiten und darauffolgende Mißernten) alljährlich zahlreiche Opfer forderten.
Trotz der Abgeschlossenheit der Halbinsel, die von zwei Seiten durch schwer überschreitbare Gebirgszüge, von den beiden andern durch inselarme Meere isoliert ist, ist die heutige indische Nation aus sehr mannigfachen Bestandteilen erwachsen, die größtenteils durch die einzige Zugangsstraße zu Lande, die Kabulpforte im NW., eingedrungen sind; erst seit dem 15. Jahrh. kamen sie übers Meer herüber (Portugiesen, Franzosen, Engländer).
Zu Beginn der geschichtlichen Zeit kam um 2000 v. Chr. das Viehzüchter-und Kriegervolk der Arier, die Träger der Sanskritsprache, aus Iran ins Indusgebiet, und ihnen sind im Laufe von vier Jahrtausenden noch viele Völkerwellen—Perser, Griechen, Skythen, Araber, Afghanen, Turktataren —gefolgt. Aber schon die Arier fanden sowohl im Indusgebiet als auch im Gangestal, in das sie vom 14. Jahrh. v. Chr. an vorrückten, zahlreiche ältere Völkerschaften vor, die sie großenteils in die Himalajawälder und ins Dekhan verdrängten. Heute ist daher die Völkergruppierung im wesentlichen die folgende: das ganze Indus-und Gangesgebiet und das nordwestliche Dekhan nehmen die Hindu ein, die im Tropenklima schlaff und weichlich gewordenen und stark mit andern Völkerstämmen vermischten Nachkommen der alten Arier. Den Südostteil der Halbinsel bewohnen die Drawida oder Südindier, häufig auch nach einem ihrer Hauptstämme Tamulen genannt; sie sind länger in Indien heimisch als die Arier. Eine noch ältere Völkerschicht stellen die Mundavölker in der Nordostecke des Dekhans und dem angrenzenden Stück des Gangestales dar, die noch heute auf ziemlich primitiver Kulturstufe leben, und einige Naturvölker Südindiens, besonders die Toda im Nilgirigebirge um Ootakamund (S. [130]). Mongolische Völkerstämme, Verwandte der Tibeter, wohnen im Himalaja, sowohl im W., in Kulu und Spiti, wie namentlich im O., in Nepal, Sikhim und Bhutan. Bei einem Ausflug nach Darjeeling kann man sie kennen lernen.
Unter den außerordentlich mannigfaltigen Erscheinungsformen der indischen Halbkultur treten besonders das Kastenwesen und die religiösen Verhältnisse in den Vordergrund. Die Kasten, die auf die Berufsteilung und auf die Rassenunterschiede zurückgehen, sind unzählige, vom Brahmanen, dem Angehörigen der einstigen arischen Herrenschicht, bis zum verachteten Paria. Äußerlich unterscheiden sich die Kasten durch gewisse Abzeichen in der Tracht. Viel stärker als die Kasten machen sich die religiösen Gegensätze im Volksleben wie in den Volkstrachten bemerkbar. Die Religionsgeschichte Indiens ist so reich, wie wohl die keines andern Landes der Erde. Am weitesten verbreitet ist heute der Brahmanismus oder richtiger der Neu-Brahmanismus (Hinduismus). Die Idee des Brahma, der Weltseele, geht auf den in den Veden niedergelegten Dämonen-und Naturgötterglauben der alten Arier zurück. Diese Vedenreligion ist einerseits zu einem hochstehenden philosophischen System weitergebildet worden, anderseits aber durch Aufnahme immer neuer Ideen aus den religiösen Vorstellungen der ältern Volksstämme Indiens, wozu namentlich der Seelenwanderungsglaube und die Verehrung von Wischnu und Schiwa und ihrer Gemahlinnen Lakschmi und Kali zu rechnen sind, zu dem heutigen Hinduismus herabgesunken, der sich scheinbar ganz in Äußerlichkeiten, Prozessionen zu den prächtigen Tempeln, religiösen Aufführungen, Bajaderentänzen, Wallfahrten zum heiligen Gangesflusse, Fakirtum, erschöpft und in zahlreiche Sekten zerfällt. Indien ist ferner um 500 v. Chr. die Geburtsstätte des Buddhismus geworden, der aber nach 1200 Jahren dem ältern Brahmanismus wieder hat weichen müssen; nur Tempel- und Klosterruinen halten die Erinnerung an seine indische Blütezeit wach. Bis heute hat sich dagegen der Islam erhalten, der in Nordwestindien über 60 Mill. Bekenner zählt, und in Bombay und Umgegend die an Mitgliederzahl (etwa 95000) kleine, aber einflußreiche Sekte der Parsen, d. h. der Anhänger der Lehren Zoroasters (vgl. S. [61]). Mohammedaner wie Parsen unterscheiden sich von den Hinduisten scharf durch ihre Kopfbedeckungen, die Mohammedaner durch den Turban, die Parsen durch ihre hohen schwarzen Glanzstoffhüte.
Wirtschaftliche Verhältnisse. Die Nahrung der indischen Eingebornenbevölkerung ist fast ausschließlich vegetabilisch, und so ist auch der Bodenbau die Grundlage von Indiens Reichtum. Reis, Weizen, Hirse und Sorghum sind die wichtigsten angebauten Nahrungspflanzen.
Davon werden die beiden letztgenannten im Lande verbraucht, während der Reis, die Hauptfrucht des östlichen, besonders des nordöstlichen Indiens (Bengalens und Assams), und der Weizen, der besonders im nw. Trockengebiet und den angrenzenden Teilen des Dekhans und des Gangestales angebaut wird, auch in großer Menge ausgeführt werden. Wichtige Zweige der Bodenkultur gelten den Genußmittel liefernden Pflanzen, nämlich dem Mohn (zur Opiumgewinnung) und dem neuerdings in Assam mit großem Erfolg eingeführten Teestrauch. Noch weit bedeutungsvoller ist aber der Anbau von Industriepflanzen, nämlich der Baumwolle in größern Teilen des Dekhans und des Indusgebiets und der Jutepflanze im untern Gangestal und einiger Ölpflanzen. Jute und Baumwolle und die daraus hergestellten Waren stehen in der Ausfuhr mit mehr als 1 Milliarde Mark Wert an erster Stelle. Ein nicht geringer Teil der Baumwolle und Jute wird nämlich im Lande selbst verarbeitet, die Baumwolle in Bombay, die Jute in und bei Calcutta; beide Industrien beschäftigen zusammen etwa 400000 Arbeiter, und wenn man von Malabar Hill auf den Fabrikteil Bombays herabblickt, kann man sich nach Manchester versetzt glauben.—Die Tierzucht (hauptsächlich Büffel und Buckelrind; das Schwein wird von allen Indern verabscheut) liefert große Mengen Häute sowie die berühmte Ziegenwolle aus Kaschmir.
Gegenüber den Produkten der Landwirtschaft treten die des Mineralreiches in bezug auf volkswirtschaftliche Bedeutung stark zurück; es werden Gold, Steinkohlen, Manganerze und Petroleum gewonnen sowie Edelsteine, während die früher beträchtliche Diamantengewinnung jetzt nur noch sehr geringfügig ist.
Staatswesen. Das Britisch-ostindische Kaiserreich umfaßt an unmittelbaren Besitzungen 2815743 qkm mit 232 Mill. Einw. Die einheimischen Staaten (zus. 1759556 qkm mit 62 Mill. Einw.) sind Vasallen-, Schutz-oder Bundesstaaten; die wichtigsten: Kashmir mit Baltistan, Sikhim, die Fürstentümer der Rajputen und der Mahratten, Hyderabad, Baroda, Mysore, Cochin etc. Die allgemeine Aufsicht des indobritischen Reiches führt (mit Ausnahme von Ceylon, das einen eignen Gouverneur hat) der Generalgouverneur (Vizekönig) in Delhi, dem ein Ausführender und ein Gesetzgebender Rat zur Seite stehen; die Präsidentschaften Madras, Bombay und Bengalen stehen unter selbständigen, nicht vom Vizekönig ernannten Gouverneuren mit besondern Gesetzgebenden Räten, die vereinigten Provinzen von Agra und Audh, das Punjab, Birma und die neue Provinz Behar unter stellvertretenden oder Lieutenant-Governors, endlich die Zentralprovinzen, die nw. Grenzprovinz, Assam, sowie die Andamanen und Nikobaren unter Oberkommissaren.—Armee 73668 Mann englische und 166090 Mann einheimische Truppen, außerdem 190000 Mann militärisch organisierte Polizei.
Geschichtliches (vgl. auch S. [47]). Die Europäer begannen in Vorderindien alsbald nach Auffindung des Seewegs nach Ostindien (1498) festen Fuß zu fassen. Zahlreiche Forts und Faktoreien wurden an den Küsten Indiens durch die Portugiesen gegründet, die gegen Ende des 16. Jahrh. durch die Holländer und Engländer verdrängt wurden. Letztere stifteten 1600 die Englisch-Ostindische Kompanie und kämpften seit dem 18. Jahrh. mit den Franzosen und den einheimischen Fürsten um die Herrschaft in Ostindien. Lord Clive begründete durch den Sieg bei Plassey (26. Juni 1757) über den Nabob von Bengalen die britische Macht in Ostindien. Die englische Macht wuchs dann durch die Kämpfe mit den Mahratten (seit Ende des 18. Jahrh.), die 1818 mit deren Ruin endigten. Ende 1843 wurde auch der Maharadscha Sindiah unterworfen. Das Reich der Sikh im Punjab wurde 1845-46 erobert. Der Aufstand, der im Mai 1857 unter den Sepoys zu Meerut ausbrach und, von den Mohammedanern genährt, sich rasch verbreitete, ward nur durch die größte Energie und Grausamkeit der Engländer bewältigt. Im September wurde Delhi, im März 1858 Lucknow, im Dezember Audh wiedererobert und im Februar 1859 der Aufstand unterdrückt. Schon vorher war 1. Nov. 1858 die Ostindische Kompanie aufgelöst und Ostindien unter Verwaltung der Krone genommen worden.