Während also der Fromme in dem Tode nicht das Ende sieht, sondern an ihn die Vorstellung fortgesetzten Lebens knüpft, fordert der Gedanke des Todes den Weisen auf die Gegenwart zu ergreifen, sie mit Wesentlichem zu füllen und ewig zu sein in jedem Momente. Die Vergänglichkeit aber ist zugleich eine immerwährende Erneuerung, der ewige Untergang eine ewige Geburt; so blicke denn der Jüngling auf den Wert des Alters, dem er unaufhaltsam zureift, und der Greis auf die Jugend, in der er sich selbst wiederholt, daß beide sich des ewigen Kreises ohne egoistisches Bedauern, ohne Vorwurf gegen die Weltordnung erfreuen. Die ewige Verjüngung und Erneuerung der Familie zeigt sich in Hermanns und Dorotheens Bunde, denen Vater und Mutter als Repräsentanten des Alters gegenüberstehen. Bei der Verlobungsszene findet der Pfarrer mit Erstaunen an Dorotheens Finger den früheren Verlobungsring und nun hält Dorothea eine Rede, die das idyllische Familienbild in den Zusammenhang mit dem großen Ganzen der geistigen Welt erhebt. Der Rat, den der scheidende Bräutigam ihr hinterließ:

Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf! u. s. w.

das Bild, das er ihr von den Stürmen der gewaltigen Zeit entwirft:

Alles bewegt sich
Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen u. s. w.

— es ist die Stimme der Geschichte selbst, die heiligend und erschütternd in unsern stillen Kreis hineinruft, um diesen auf den Gipfel zu heben, wo der Mensch den Zusammenhang des kleinsten Lebens mit dem größten überblickt. Die frohe Zuversicht aber, die beim Einsturz aller politischen Formen das Gefühl der unverrückbaren Festigkeit des Familienfundamentes und des Eigentums dem darauf fußenden Manne gewährt, dieses echt deutsche Gefühl, diesen letzten Sinn des Gedichts spricht Hermann in den Schlußworten befriedigend aus. Man könnte sich darüber wundern, daß Goethe nicht, um die in dem Gedicht herrschende Empfindung noch mehr abzuschließen, durch eine eingeflochtene Nachricht den Frieden mit Frankreich und die Sicherheit der Rheinlande zu stande kommen läßt, um so mehr, da er selbst gerade zur Zeit, wo er an dem Gedicht arbeitete, an Schiller schreibt: Auch mir kommt der Friede zu statten und mein Gedicht gewinnt dadurch eine reinere Einheit. Der Dichter begnügte sich den Vater gleich anfangs von frohen Friedenshoffnungen, auf die alles deute, von dem festlichen Friedenstedeum, das bevorstehe, sprechen zu lassen und im Geiste sehen nun auch wir voraus, daß Hermanns Hochzeit an dem Tage des großen Landesfestes mitbegangen werden kann. Was den Gang der Szene im einzelnen betrifft, so versetzt uns der Dichter bei Eröffnung des Gesanges auf einen neuen Schauplatz, ins elterliche Haus, wo Eltern und Freunde erwartungsvoll der Ankunft Hermanns harren. Durch die Schilderung der Ungeduld der Mutter, die lange Erzählung des Apothekers, die Betrachtung des Pfarrers über Tod und Leben wird der langen Szene der beiden Liebenden gegenüber, die den ganzen vorigen Gesang einnahm, das Gleichgewicht und die Symmetrie wiederhergestellt, wonach für das elterliche Haus ein ungefähr gleiches Verweilen gefordert war. Sehr gewandt ist das Mittel, durch welches der Dichter das holde Geständnis der Liebe Dorotheen entlockt, über deren Gesinnung wir bisher nicht ganz sicher waren; die Weise, wie dies aus dem Mißverständnis sich entwickelt, ist zugleich eine sehr natürliche, dem Charakter sowohl des Vaters als Hermanns angemessene und stellt uns noch zum Schluß die ganze mädchenhafte Zartheit Dorotheens, die sich mit echt weiblicher Entschlossenheit paart, vor die Augen. Der Mißton, der dem harmonischen Zusammenklang aller Umstände und Charaktere vorhergeht, erreicht in Dorotheens Rede die höchste Stufe; denn sie will ja wieder fort; aber er ist auf demselben Punkt der schönen Auflösung am nächsten, da das Motiv ihrer Entfernung ja die heimliche Liebe zu Hermann ist. Im übrigen ist auch hier die Naturwahrheit jedes ausgesprochenen Wortes zu bewundern, die sich mehr nachfühlen als erklären läßt und die den Leser desto tiefer ergreift, je reicher an Menschen- und Lebenserfahrung er ist. So wenn die Mutter zu wiederholten Malen das Zimmer der Männer verläßt und wieder betritt und vom Gewitter spricht und, daß der Mond sich schon verdunkelt habe, und von der Gefahr der Nacht und die Freunde lebhaft tadelt, daß sie von Hermann sich getrennt, und der Vater unmutig nach Weise der Männer sie bedeutet: Mach nicht schlimmer das Uebel; du siehst, wir harren ja selbst. Oder die muntern Worte, mit denen der Vater die eben hereingetretene Dorothea neckend begrüßt: Ja, das gefällt mir, mein Kind u. s. w.; oder auch diejenigen, die er später spricht im Widerwillen gegen das Weinen des Mädchens: Also das ist mir zuletzt für die höchste Nachsicht geworden u. s. w.


Charaktere.

Nachdem wir in dem Bisherigen die substanzielle Welt, die sich hier vor uns öffnet, besprochen haben, gehe ich über zur Beleuchtung der individuellen Charakterbilder, die der Dichter auf diesem Boden, in dieser Atmosphäre uns vorführt und in denen der allgemeine darin herrschende Geist sich individualisiert, sich zusammenfaßt.

Der Hausvater, ein behaglicher, wohl etwas beleibter Wirt, der im Wohlstande lebt, besitzt nicht bloß sein Gasthaus zum goldenen Löwen, sondern er ist wie die Bürger kleiner Städte zugleich Landwirt und es gehört ihm außer dem großen Garten auch ein schöner Weinberg und ein weites Kornfeld. Im Hause ist unser Wirt etwas herrisch und brummig, gerade wie Hausväter zu sein pflegen. Mütterchen, seit langen Jahren mit ihm verbunden, weiß ihn aber zu behandeln und erträgt sein auffahrendes Wesen mit Gleichmut. Unübertrefflich ist die Physiognomie des alten Ehebundes gezeichnet: Gewohnheit verbindet beide, ihre Gefühle sind mit ihnen alt geworden, ja sie streiten miteinander und dennoch würden sie die Hälfte ihres Selbst verlieren, wenn eins dem andern entrissen würde. Obgleich sie sich gegen den Sohn auf verschiedene Weise benehmen, sind sie doch durch gemeinschaftlichen Besitz dieses einzigen Kindes eins und oft bestimmen sie ihm mit elterlichem Geschwätz bald dieses bald jenes Mädchen zur Braut. Der alte Herr ist auch Mitglied des Rates gewesen, hat mit tüchtigem Geschäftssinn manches zur Verbesserung der Verwaltung, zur Ausbesserung der Gebäude und Reinlichhaltung der Straßen gewirkt, sich aber auch mit seinen Kollegen im Rat tüchtig gezankt und, wenn er dann nach Hause kam, mußten die Hausgenossen die üble Laune und den mitgebrachten Aerger entgelten. Bei Tische trinkt er nach Sitte jener weintragenden Gegend einige Schoppen, erhitzt sich dabei, wird gesprächiger, aber auch leicht zum Zorne gereizt und spricht dann manch heftiges Wort, das ihn am Abend, wenn der kleine Rausch verflogen, wieder gereut. Nachher ist er dann auch wieder sehr leicht zu behandeln und für dasjenige, wogegen er heftig geeifert, zu gewinnen. Verhaßt ist ihm wie vielen älteren Herren das Weinen, Jammern, das viele Reden der Weiber, das ihn aus seiner Ruhe stört; droht das Geschnatter oder das Lamentieren anzugehen, dann steht er ärgerlich auf und geht in sein Schlafzimmer, um sich zu Bette zu legen. Seine Einwilligung zu seines Sohnes Heirat gibt er halb scherzend nur deswegen, weil er im entgegengesetzten Fall nur Trotz und Thränen voraussieht. Eine gewisse Gravität und bürgerlich-stattliche Haltung ist ihm angeboren; bedächtig schreitet er Sonntags aus der Kirche, so daß die Schuljugend dadurch zu Neckereien gereizt wird. Seinen Sohn Hermann hat er immer zu tadeln, wie so oft Väter thun, wenn sie grämlich geworden; er möchte ihn anders haben und versteht dessen Charakter nicht; er möchte ihn gern nach Vätereitelkeit zu höherem Stande streben sehen und wünscht ihm feinere Manieren, gewandteres Benehmen; überhaupt hält er, wie Hermann selbst Dorotheen mitteilt, auf Aeußeres und auf zierliches Benehmen und er rühmt von sich selbst, daß er als guter Gastwirt jeden nach Stand und Charakter zu behandeln wisse. Er will daher auch kein bäurisches Mädchen zu sich als Schwiegertochter ins Haus; sie soll das Klavier spielen und die schönsten und besten Leute sollen sich Sonntags bei ihm versammeln. Bei all diesen Eigenheiten ist der Vater dennoch eine kernhafte und gutmütige Natur. Das Elend der Vertriebenen rührt ihn und er gibt gern das Seinige hin ihr Unglück zu mildern. So erteilt ihm auch der Dichter das Epitheton: der menschliche Hauswirt. Und die neue Schwiegertochter, so sehr ihr Stand und ihre Armut seinen Lieblingswünschen entgegen ist, umarmt er dennoch herzlich, die Thränen verbergend.