Anmerkungen.

Die eigenartigen grossen Vorzüge der Auffassung und Darstellung, die aus Viktor Hehns Gedanken über Goethe (zweite Auflage, Berlin 1888) allen wahren Freunden unsres Dichters bekannt und liebgeworden sind, die Wärme der persönlichen Hingabe, die Kraft individuellster Anschauung, das feine Verständnis für den innersten Wesensgehalt der Poesie und besonders der Goetheschen Poesie finden sich in vollem Masse auch in seinen Betrachtungen über Hermann und Dorothea, Goethes innigste und vollendetste Dichtung. Hehns Manuskript lag fast ganz druckfertig vor und bedurfte nirgends grösserer Aenderungen: schade nur, dass es nicht lückenlos erhalten ist. Zwar fehlt nichts Grösseres und Vollständiges, denn alle in der Disposition S. 6 aufgezählten Punkte kommen in unserm Texte zur Behandlung; aber an zwei Stellen fehlen leider Bogen, die den Schluss von Kapiteln enthalten haben. So sollten sich S. 26 noch Betrachtungen anschliessen, die mit Gedanken über die Spuren der Entstehung der Tragödie bei den Griechen aus dem Epos beginnen, welche aber wegen ihres durchaus fragmentarischen Charakters von mir ganz fortgelassen sind; ihre Ausdehnung lässt sich nicht ermessen und auch so hat das Kapitel befriedigenden Abschluss. Dann fehlte der Schluss des Kapitels über die Lebenssphäre, wo ich S. 114 wenigstens den Schluss des abgebrochenen Satzes und der Betrachtung aus den Gedanken über Goethe S. 253 hierher übernehmen konnte; vielleicht hat noch mancher andre Zug, der dort sich findet, hier näher beleuchtet werden sollen. Viele Sätze und auch zuweilen grössere Abschnitte unsres Buches, die ich unten verzeichnet habe, finden sich schon in den Gedanken über Goethe: sie konnten hier im Zusammenhange nicht entbehrt werden, wenn sie auch der Verfasser, der wohl an eine Herausgabe unsres Buches nicht mehr dachte, schon dort in weiterer Ausgestaltung verwertet hat. Ausgeschieden aus dem Text, um den ruhigen Fluss genussreicher Lektüre nicht durch öde Zahlen zu unterbrechen, habe ich alle genaueren Zitate: ich bringe sie hier in den Anmerkungen nach, denen ich auch einige kleinere auf zerstreuten Blättern erhaltene Parerga Hehns eingefügt habe; meine eigenen Zuthaten, meist Literaturnachweise bringend, nehme man für nichts als anspruchslose Glossen, die ich dem mir liebgewordenen Buche nicht vorenthalten mochte.


Einleitung.

S. [2]. Rötscher, Zum Verständnis des Goetheschen Faust, erschienen in seinen dramaturgischen und ästhetischen Abhandlungen (Leipzig 1846) S. 36.

Viehoff, Goethes Gedichte erläutert und auf ihre Veranlassungen, Quellen und Vorbilder zurückgeführt nebst Variantensammlung und Nachlese, 3 Bände, Düsseldorf 1846-53, die 3. Auflage erschien Stuttgart 1876; vgl. über ähnliche Dinge Scherer, Aufsätze über Goethe S. 5.

Grün, Ueber Goethe vom menschlichen Standpunkte, Darmstadt 1846; vgl. auch S. 46. 48. Das eigenartige Buch, so sehr es oft Goethes innerstes Wesen verkennt und seiner Poesie nicht gerecht wird, enthält doch eine Reihe sehr anregender und tüchtiger Betrachtungen.

S. [3]. Die gesamte Literatur über Hermann und Dorothea verzeichnet jetzt am ausführlichsten Max Koch in der 2. Auflage von Goedekes Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung Band 4, S. 689.

Schlegel besprach Goethes Hermann und Dorothea in der Jenaischen allgemeinen Literaturzeitung 1797 Nr. 393-396, wiederabgedruckt in seinen Charakteristiken und Kritiken Band 2, S. 260 und seinen sämtlichen Werken Band 11, S. 183; vgl. auch S. 5. »August Wilhelm Schlegels ästhetische Kritik kann sich sicherlich mit allem, was die damalige Zeit hervorbrachte, auch der philosophischen Tiefe nach messen und fand erst an Hegels und Vischers Aesthetik eine ebenbürtige Fortsetzung und beziehungsweise Gegnerschaft.... Gleich seine ersten kritischen Versuche in Jena, über Goethes römische Elegieen und über Hermann und Dorothea, ragten sowohl historisch als theoretisch über das Gewöhnliche hoch hinaus. Die römischen Elegieen, die ein bedenkliches moralisches Wagnis schienen, besprach er mit einer Sachkenntnis und Wärme, mit einem freien poetisch-sittlichen Gefühl, wie man es den damaligen und späteren Geschmacksrichtern und Neidern, z. B. Herder, wohl hätte wünschen mögen.... Wie über die römischen Elegieen war auch August Wilhelm Schlegels Charakteristik von Hermann und Dorothea eine in wenig Worten erschöpfende Vorausnahme alles dessen, was jemals über dies Epos einsichtiges gesagt worden ist« Gedanken über Goethe S. 112. 113. 114. Hehn selbst verdankt Schlegels Rezension in seinen Betrachtungen viele Anregung, namentlich in den Kapiteln über das Epos und die Homerismen.

Yxem, Ueber Goethes idyllisches Epos Hermann und Dorothea, erschienen in von der Hagens Germania (Neues Jahrbuch der Berlinischen Gesellschaft für deutsche Sprache und Altertumskunde) Band 2, S. 98.